Zum Ballett kam Michael Carman erst sehr spät, mit 20. Da hatte er schon das Abitur in der Tasche und eine Ausbildung zum Medizinischen Fachangestellten abgeschlossen. Nach dem Ballettstudium an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und Engagements am Theater Chemnitz, dem Schleswig-Holsteinischen Landestheater und der Oper Zürich entschied sich Carman während der Corona-Krise, die professionelle Tanzkarriere am Theater für ein Medizinstudium aufzugeben. Damit fand er sich plötzlich im Auge eines Shitstorms wieder, nachdem er an der Kampagne #Wellenbrecher des Landes Baden-Württemberg mitgewirkt hatte. »Die Krise hat mir alles genommen und alles gegeben«, sagt er in einem Kampagnen-Video, das von Student:innen der Filmakademie Baden-Württemberg produziert worden war. Mit der Initiative wolle man junge Menschen ermuntern, sich positiv und solidarisch gegen die Krise zu stemmen, so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Für weite Teile der Kulturszene steckte hinter Carmans Video jedoch eine ganz andere Botschaft: »Hier fordert die Politik also die ganzen überflüssigen Kulturschaffenden auf, ihren Beruf aufzugeben und sich für die Gesellschaft zu engagieren – der sie ja vorher nur auf der Tasche lagen«, schrieb die Monopol. Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda twitterte: »Das Video, das MP Kretschmann verbreitet, ist auf so vielen Ebenen neben der Spur, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Eine Gesellschaft, die sich nicht um Kunst & Kultur kümmert, verarmt!« »Diese Kampagne ist der blanke Hohn denen gegenüber, die ihre Existenzgrundlage verloren haben. Die Krise als Chance darzustellen ist an Arroganz nicht zu überbieten«, kommentierte einer auf Twitter. »Etwas respektloseres habe ich in der ganzen Krise noch nicht zu sehen oder hören bekommen«, schrieb ein Sänger auf Instagram. Nach der heftigen Kritik entschied sich die baden-württembergische Landesregierung, das Video von Facebook und Twitter zu entfernen. Wir haben bei Michael Carman angerufen und nach seiner Perspektive gefragt.


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com