Titelbild Nic McPhee (CC BY-SA 2.0)

Zum Ballett kam Michael Carman erst sehr spät, mit 20. Da hatte er schon das Abitur in der Tasche und eine Ausbildung zum Medizinischen Fachangestellten abgeschlossen. Nach dem Ballettstudium an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und Engagements am Theater Chemnitz, dem Schleswig-Holsteinischen Landestheater und der Oper Zürich entschied sich Carman während der Corona-Krise, die professionelle Tanzkarriere am Theater für ein Medizinstudium aufzugeben. Damit fand er sich plötzlich im Auge eines Shitstorms wieder, nachdem er an der Kampagne #Wellenbrecher des Landes Baden-Württemberg mitgewirkt hatte. »Die Krise hat mir alles genommen und alles gegeben«, sagt er in einem Kampagnen-Video, das von Student:innen der Filmakademie Baden-Württemberg produziert worden war. Mit der Initiative wolle man junge Menschen ermuntern, sich positiv und solidarisch gegen die Krise zu stemmen, so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Für weite Teile der Kulturszene steckte hinter Carmans Video jedoch eine ganz andere Botschaft: »Hier fordert die Politik also die ganzen überflüssigen Kulturschaffenden auf, ihren Beruf aufzugeben und sich für die Gesellschaft zu engagieren – der sie ja vorher nur auf der Tasche lagen«, schrieb die Monopol. Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda twitterte: »Das Video, das MP Kretschmann verbreitet, ist auf so vielen Ebenen neben der Spur, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Eine Gesellschaft, die sich nicht um Kunst & Kultur kümmert, verarmt!« »Diese Kampagne ist der blanke Hohn denen gegenüber, die ihre Existenzgrundlage verloren haben. Die Krise als Chance darzustellen ist an Arroganz nicht zu überbieten«, kommentierte einer auf Twitter. »Etwas respektloseres habe ich in der ganzen Krise noch nicht zu sehen oder hören bekommen«, schrieb ein Sänger auf Instagram. Nach der heftigen Kritik entschied sich die baden-württembergische Landesregierung, das Video von Facebook und Twitter zu entfernen. Wir haben bei Michael Carman angerufen und nach seiner Perspektive gefragt.

Michael Carman • Foto © Jens Ihnken
Michael Carman • Foto © Jens Ihnken

VAN: Bereuen Sie, dass Sie das Video gemacht haben?

Michael Carman: Ich bereue es nicht. Mir war schon klar, dass es auf Kritik stoßen wird, aber ich bin das Risiko eingegangen, auch wenn es natürlich ziemlich schwierig ist, in 60 Sekunden eine Botschaft rüberzubringen.

Was war denn Ihre Botschaft?

Ich wollte zeigen, wie ich persönlich mit der Pandemie umgegangen bin und Mut machen: Leute, es ist eine schwere Zeit, aber wir können versuchen, die Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, zu nutzen. Es war nicht als Aufforderung zu verstehen oder als Botschaft, dass wir in der aktuellen Krise nur noch Personal im medizinischen Bereich brauchen. Im Gegenteil: Ich bin ein großer Gegner davon, den Kulturbetrieb jetzt komplett dichtzumachen.

Und was sollte die Botschaft der Kampagne sein?

Sie sollte zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit der der Coronakrise umgehen. Das war erst einmal ein sehr weiter Rahmen. Die Kampagne läuft auf unterschiedlichen Ebenen und Kanälen, die Videos sind nur ein Baustein von vielen. Dadurch, dass die Kampagne vom Land Baden-Württemberg ausging, gab es natürlich eine politische Ebene. Mein Video wurde als erstes veröffentlicht und stand dann erstmal alleine da. Deshalb wurde dahinter eine Allgemeingültigkeit vermutet, die gerade nicht meine Intention war. Ich wollte nicht, dass man das Gefühl vermittelt bekommt: ›Kunst hat keinen Wert, deswegen bloß schnell was Gescheites machen.‹ Ich distanziere mich absolut von einem Wort wie Systemrelevanz. Für mich ist der Musiker genauso wichtig wie der Bäcker oder der Metzger oder der Arzt. Das ist einfach das Problem, dass das in diesem kurzen Beitrag für viele Menschen nicht rüberkommen konnte.

Hat Sie die Heftigkeit der Kritik überrascht?

Kritik ist für mich als Tänzer etwas ganz Selbstverständliches. Ich bin immer darauf gefasst, dass es Menschen gibt, die anderer Meinung sind. Es ist dann wichtig, darüber zu sprechen. Vieles habe ich gleich in den Kommentaren unter dem  Video klargestellt, mit den Leuten, die mich persönlich angesprochen haben, habe ich geredet.

Es gab auch viele persönliche Angriffe gegen Sie und Ihre Entscheidung.

Ja, das war sehr verletzend. Ich wollte Leuten Mut machen, sagen: ›Ihr seid nicht alleine, es ist eine schwere Phase.‹ Wenn man dann persönlich angegriffen wird, ist das erstmal sehr traurig.

In der Retrospektive habe ich unterschätzt, was es bedeutet, dass es Kampagne des Landes Baden-Württemberg war. Ich habe geglaubt, dass es sachlich bleiben kann, nicht nur reduziert wird auf politische Färbung. Ich war auf Kritik gefasst, aber dass sie so persönlich und verletzend wurde, hat mich schockiert. Es ging ja oft soweit, dass auch mein persönlicher Schritt, Medizin zu studieren, kritisiert wurde, im Sinne von: ›Dann warst Du auch nie ein vollwertiger Künstler.‹

Gab es dann noch einmal ein Gespräch mit dem Land Baden-Württemberg?

Ja, wir haben uns mehrfach dazu ausgetauscht und besprochen, wie wir damit umgehen. In Rücksprache mit mir wurde das Video dann auf Facebook und Twitter zum Schutze meiner Person herausgenommen, denn gerade dort waren die Kommentare sehr persönlich, worauf dann leider die Reaktion gerade von den persönlich verletzenden Kommentatoren lautete:  ›Ah ja, ein Schuldeingeständnis.‹

Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, ein Medizinstudium anzufangen und das professionelle Tanzen aufzugeben?

Man stellt sich als Tänzer immer die Frage: Wenn ich eine Verletzung habe, wenn mein Vertrag nicht verlängert wird, wenn ich irgendwie erkranke, und kriege keine neue Anstellung, was mache ich dann? Ich bin unter Tänzern nicht der Normalfall, der wäre eher: ein Leben lang tanzen und die Frage des zweiten Standbeins kommt dann irgendwann. Dass jemand schon sein Standbein hat und dann in den Tanzberuf einsteigt, ist ungewöhnlich. Ich konnte mir schon vor der Pandemie gut vorstellen, Medizin zu studieren, vielleicht in Richtung Motologie oder Forschungsansätze mit Tanz in der Medizin. Eigentlich hatte ich vor, bis 36 oder 37 zu tanzen. Mit der Krise war dann auf einmal alles zu, ich hatte im Frühling noch sechs oder sieben Vortanzen, zu denen ich eingeladen war, die aber alle abgesagt wurden. Im Mai stand dann fest, dass die Theater die restliche Spielzeit zu bleiben würden. Da ich schon eine Ausbildung abgeschlossen hatte, dachte ich mir: Ich kann anderweitig helfen, und habe mich bei einer Arztpraxis bei mir um die Ecke beworben. Da bin ich genommen worden. Irgendwann habe ich gemerkt: Niemand weiß, wann die Theater wieder aufmachen. Ich hatte noch ein Vortanzen, aber hätte ich das angenommen, hätte ich mich unter Preis verpflichtet. Ich wollte nicht, dass die Krise ein Vorwand wird, um Künstler noch prekärer zu bezahlen, als das ohnehin schon der Fall ist. Dann habe ich gedacht: Vielleicht ist jetzt schon der Zeitpunkt zu wechseln. Dass es dann geklappt hat mit dem Studienplatz, war ein absolutes Glück. Als Zweitstudienbewerber aufgenommen zu werden, ist ja keine Selbstverständlichkeit, erst Recht nicht in Medizin.

Ich möchte in die Tanzmedizin gehen, weil ich so oft gesehen haben, dass Tänzer, wenn sie Schmerzen haben oder verletzt sind, nicht immer den besten Ansprechpartner hatten. Da möchte ich dem Tanz medizinisch fundiert einen höheren Stellenwert geben, auch Tanztherapien für Menschen mit neurologischen Erkrankungen. Es gibt wunderbare Möglichkeiten, das zu verbinden.

Ist das Thema eines ›zweiten Berufs‹ nach der Tanzkarriere mittlerweile präsenter in der Ausbildung?

Nein, den meisten fällt das immer noch irgendwann auf die Füße. Ich habe mit einer ehemaligen Tanzkollegin darüber gesprochen, die jetzt ein Studium anfängt: ›Sag mal, haben wir uns mit dieser Frage eigentlich im Tanzstudium auseinandergesetzt? Es fühlt sich so plötzlich an.‹ Der einzige Kontakte mit dem ›zweiten Beruf‹ waren Dozenten, die früher mal Tänzer waren, aber eine Tanzprofessur ist jetzt auch nicht wirklich ein zweiter Beruf. Es handelt sich um eine Zunft, die noch extrem konservativ ist, wo der Tänzer der Künstler sein muss, der Ja und Amen sagt zu allem. Das ist das Paradoxe, dass man gesagt bekommt, man solle kritisch denken, und für ganz viel Kritik, die kommt, wird kein Raum geschaffen. Man kriegt auch von außen oft zurückgespiegelt: ›Du hast Tanz studiert, jetzt kannst du auch nur Tänzer sein.‹

Können Sie nachvollziehen, warum sich viele Kulturschaffende gekränkt fühlen?

Absolut! Eine Branche, die so viel dafür getan hat, um Pläne auszuarbeiten und sich anzupassen, ist im Endeffekt die, die alles büßen muss. Das ist nicht fair. Insofern konnte ich – bei allen persönlichen Verletzungen – auch den Hass, den das Video hervorgerufen hat, einordnen. Viele Menschen sind so verzweifelt, dass sie vielleicht keine andere Möglichkeit haben, als diese Wut über das Internet zu entladen. Ich war auch verzweifelt, nur hat es sich bei mir glücklich gefügt. Es hätte aber auch ganz anders kommen können. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.