»Lillenorge« und sein weiter musikalischer Horizont. Zum Mithören.

Text VAN Redaktion · Titelbild © Liv Øvland · Datum 9.5.2018

Gunilla Süssmann hat den Klang von »lillenorge« (»Klein-Norwegen« in der Landessprache) jahrelang als Pianistin in den großen Konzertsälen der Welt mitgeprägt und 2015 dann die Seiten gewechselt: Basierend auf ihren Erfahrungen mit Festivals, Ensembles und internationalen Touren gründete sie 2015 das Festival »lillenorge« und leitet es seitdem. Die diesjährige Ausgabe steigt vom 18.–20. Mai im Radialsystem V in Berlin.In dieser Playlist zeigt Süssmann, dass in einem kleinen Land der Blick auf Musik manchmal weniger Schranken braucht, welche Musik sie zum Weinen bringt und welche ihre Sinne ordnet.

Opening Image, Album: Chiaroscuro

Arve Henriksen, Trompete

Wegen Arve fing ich an, die Genregrenzen, mit denen wir Musikstile einzäunen, zu hinterfragen. Als ich ihn vor etwa 15 Jahren das erste Mal hörte, eröffnete er mir eine musikalische Welt, die mich seither verfolgt, wo ich auch bin. Egal ob er singt oder spielt – man fühlt sich, als ob man mit etwas Heiligem in Berührung kommt und trotzdem wirkt es so natürlich wie Atmen. Er entwirft Landschaften, die so zeitlos schön sind, dass ich gern dorthin auswandern würde. Ich hätte jedes Album von Arve für diese Playlist auswählen können, Chiaroscuro (auf dem er zusammen mit Jan Bang und Audun Kleive spielt), zeigt die Einzigartigkeit seiner Sprache auf ganz besondere Art.

Zur Rosenzeit

Edvard Grieg

Seine Lieder gehören zu dem Besten, was Edvard Grieg geschrieben hat und Zur Rosenzeit aus dem op. 48 bringt mich jedes Mal zum Weinen. Grieg setzt die Atmosphäre von Heinrich Heines Gedicht mit schmerzvollen Intervallen in der Melodie und einer Klavierbegleitung, die wie ein Herzschlag klingt, um. Das komplette op. 48 ist fantastisch, aber dieser Song begleitet einen ein Leben lang. Meine Lieblingsaufnahme ist die von Barbara Bonney und Antonio Pappano, veröffentlicht bei Decca.

Air aus der Holberg Suite

Edvard Grieg

Diesen Satz habe ich vor ein paar Jahren wiederentdeckt, nachdem ich ihn seit meiner Kindheit nicht mehr gehört hatte. Und sofort hat mich das gepackt, was mich bei Grieg immer am meisten beeindruckt hat: Seine Melodien und seine Melancholie, die nie sentimental ist.

Psalm, Album: Passing Images

Frode Haltli, Akkordeon

In Norwegen hat das Akkordeon in den letzten 15 Jahren so etwas wie eine Reinkarnation erlebt. Frode Haltli ist ein fantastischer Akkordeonist, der sowohl in der folkloristischen Musik als auch in Jazz, Klassik und Neuer Musik zuhause ist.

Streetlights, Album: Ceramik City Chronicles

Jarle Bernhoft, Sänger

Jarle habe ich während meines Studiums an der Musikhochschule in Oslo kennengelernt. Damals arbeitete er als Aushilfe im Studiensekretariat – er ist der netteste, großherzigste Mensch, den man sich vorstellen kann, aber seine musikalischen Begabungen passten nicht zum »System Musikhochschule«. Gott sei Dank! Gesegnet mit einer göttlichen Stimme machte er auch ohne Studium Musik, erst mit der Rockband Span, jetzt solo. Er schreibt die Songs, spielt fast alle Instrumente selbst und wenn er auf der Bühne steht, wird man gepackt von seiner Offenheit, Ehrlichkeit und Kreativität. Für mich ist Jarle ein wunderbares Beispiel für die gelungene Befreiung von allen Konventionen der institutionalisierten Musik.

Kleines Land mit weitem musikalischen Horizont – mit Gunilla Süssmann »Lillenorge« erkunden in @vanmusik.

Immortal Bach

Knut Nystedt

https://www.youtube.com/watch?v=q42GDx98a_k

Die norwegische Chor-Tradition ist speziell und Knut Nystedt hat ihren Stil und ihren Sound entscheidend mitgeprägt. Chormusik wirkt auf mich irgendwie immer überwältigend – eine musikalische Welt, mit der ich weder in jungen Jahren, noch später innerhalb meiner eigenen musikalischen Projekte viel zu tun hatte. Und trotzdem – oder gerade deswegen – ordnet diese reine Quelle ungewohnter Klänge und ungefilterter Erfahrungen meine Sinne und befreit sie zugleich. Immortal Bach, Nystedts Bearbeitung der Bach-Kantate Komm, süßer Tod, ist eine atemberaubende Symbiose aus Zeit, Akustik, Harmonien und Obertönen. Ich mag besonders die Version des Norwegian Soloist Choir, dem Chor, den Nystedt gründete und 40 Jahre lang dirigierte. ¶