Ein Interview mit Marlis Petersen.

Text · Titelbild Alban Berg: Lulu, Metropolitan Opera New York, 2015 • Foto © Ken Howard · Datum 26.6.2019

Zum ersten Mal sah ich Marlis Petersen im November 2015 in einer Lulu-Produktion an der Metropolitan Opera. »Ist das noch der Diwan, auf dem sich dein Vater verblutet hat?«, fragte sie da mit einem fröhlichen Lächeln unterm Louise-Brooks-Bob. Ihr war es zu verdanken, dass die chaotische Inszenierung voll bunter Anzüge, Projektionen von Holzkohlezeichnungen und aus Klavieren springenden Pantomimen nicht völlig die Erdung verlor. Hier erlebte man eine echte Frau und keine Cartoon-Femme-Fatale, ein Wesen, das, mit den Worten Karl Kraus, »zur Allzerstörerin wurde, weil es von allen zerstört ward«. Aber Petersen überzeugte nicht nur mit ihrer Verkörperung, auch ihre stimmliche Leistung war außergewöhnlich: schön, präzise, gegen Ende (als Lulu ermordet wird) mit furchterregenden Schreien. Vielleicht steckten auch etwas echter Schmerz und Abschied darin, den dies war Petersens letzter Abend als Lulu. Bisher war die Sängerin vor allem für Mozart und barockes Repertoire bekannt, jetzt wendet sie sich dramatischeren Rollen zu. Wir sprachen am Telefon über die Proben für ihr Salome-Debüt in München (Premiere am 27. Juni 2019).

Alban Berg: Lulu, Metropolitan Opera New York, 2015 • Foto © Ken Howard
Alban Berg: Lulu, Metropolitan Opera New York, 2015 • Foto © Ken Howard


VAN: Ich glaube nicht, dass es viele Sängerinnen gibt, die mit Händels Alcina in eine Saison starten und sie mit Strauss’ Salome beenden. Wann habe Sie angefangen, über solche dramatischeren Rollen nachzudenken?

Marlis Petersen: Das ist schon ziemlich lange her. Salome ist einfach sehr interessant. Kirill Petrenko, mit dem ich vor Jahren mal gearbeitet habe und den ich sehr schätze, meinte, dass das gut werden könnte. Und er schafft mit dem Orchester einen Klang, der einen trägt und beflügelt, es ist, als ob jemand einem einen roten Teppich ausrollt. Deswegen hatte ich da vollstes Vertrauen in ihn. Seit drei oder vier Jahren sind wir darüber im Gespräch. Ich hätte die Rolle auch schon früher gesungen, aber es hat einfach nie gepasst. Jetzt, mit Kirill, schien es der perfekte Zeitpunkt zu sein.

Ist das Ihre erste Zusammenarbeit mit dem Regisseur Krzysztof Warlikowski?

Ja.

Und wie ist das?

Er taucht sehr tief in die Geschichte und die Charaktere ein. Und er siedelt die Handlung in einer sehr spannenden Zeit an: Das Ende des 2. Weltkriegs in Deutschland, eine Situation, in der es überhaupt keine Sicherheit gibt – was wird geschehen? Kommt die Gestapo? Ist jetzt alles aus? Ist der Krieg bald endlich vorbei? Es ist die Geschichte einer Familie in Angst. Warlikowski inszeniert das eher wie ein Kammerspiel, mit einem Fokus auf den Charakteren.

Von welchen Rollen träumen Sie?

Ich würde gerne mehr Strauss machen, Arabella vielleicht oder die Kaiserin in Die Frau Ohne Schatten. Beim Bel Canto-Repertoire muss ich mal schauen, das ist mir nicht wirklich in die Wiege gelegt, aber die Musik ist so großartig! Vor dem italienischen Repertoire habe ich großen Respekt, Muttersprachlerinnen können das einfach besser. Man weiß auch nie, in welche Richtung sich die Stimme in Zukunft entwickelt.

Haben Sie eher das Gefühl, dass Ihre Stimme mit dramatischeren Rollen wächst oder dass Sie diese Rollen mit mehr Leichtigkeit in der Stimme angehen als andere Sängerinnen?

Ich glaube, beides ist richtig. Meine Stimme ist jetzt vielleicht fokussierter. Eine Stimme kann über die Jahre wachsen, wärmer, runder werden, und eben fokussierter. Und andererseits kann auch etwas dran sein, dass ich die Rollen leicht angehe. Bei Salome funktioniert das total gut. Bei Leonora bin ich mir noch nicht so sicher. Man darf dabei auch die Hörgewohnheiten des Publikums nicht vergessen. Wenn wir an Leonora danken, hören wir im Kopf schon diese große Stimme. Aber 1805, als Beethoven seine erste Fidelio-Version komponiert hat, schrieb er noch für Barock Orchester. Das sollte man nicht vergessen.

Was ist das Besondere an der Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko?

Wenige Dirigenten achten so sehr auf Sängerinnen und Sänger wie er. Er versteht sein singendes Gegenüber wirklich. Er will vermeiden, dass alle Soprane gleich klingen, er schaut wirklich: Wo liegen die besonderen Stärken, wo gibt es vielleicht Schwächen, was kann man noch rausholen?

Auch beim Orchesterklang holt er alles an Farben heraus, was möglich ist. Und er macht den Klang sehr transparent. Manchmal hört man plötzlich in bekannten Stücken Melodien, die man noch nie bewusst wahrgenommen hat, weil sie normalerweise untergehen. Er lässt sie funkeln.

Diesen Herbst kehren Sie zum ersten Mal seit 2015 zu Lulu zurück, allerdings nur für die Orchester-Suite, mit der Sie Ihre Residenz in Berlin in der kommenden Saison eröffnen.  Wie fühlt sich das an?

Lulu lebt in mir weiter, sie verlässt mich nie so richtig. Ich freue mich sehr, jetzt dieses Konzert zu geben, aber das ist ja nur das Lied, ein kurzer Ausschnitt, wie ein schönes Souvenir. Als ich von Lulu Abschied nehmen musste, war das hart für mich. Die Rolle hat mir einiges abverlangt, sie hat Spuren hinterlassen.  

Marlis Petersen über dramatische Rollen, große Stimmen bei Beethoven und Fabelwesen in @vanmusik.

Wie sind Sie auf das Otherworld-Programm gekommen, dass Sie im Juli und September geben werden?

Ich wollte nicht die 150. Version der Winterreise singen. Stattdessen wollte ich – und zwar schon lange – ein Programm machen, dass von Feen, Elfen und Meerjungfrauen bevölkert ist, von diesen Wesen aus einer anderen, magischen Welt. Ich mag dieses Unsichtbare, Unbewusste. In unserer heutigen verrückten Zeit verlieren wir das oft aus den Augen. Alles muss schnell und reibungslos funktionieren und wenn man da nicht mitmacht, wird man ersetzt. Ich wollte, dass das Publikum nicht in Kritiker-Manier meine Technik unter die Lupe nimmt, sondern wirklich mit mir auf eine Reise geht in diese andere Welt. ¶