Zum ersten Mal sah ich Marlis Petersen im November 2015 in einer Lulu-Produktion an der Metropolitan Opera. »Ist das noch der Diwan, auf dem sich dein Vater verblutet hat?«, fragte sie da mit einem fröhlichen Lächeln unterm Louise-Brooks-Bob. Ihr war es zu verdanken, dass die chaotische Inszenierung voll bunter Anzüge, Projektionen von Holzkohlezeichnungen und aus Klavieren springenden Pantomimen nicht völlig die Erdung verlor. Hier erlebte man eine echte Frau und keine Cartoon-Femme-Fatale, ein Wesen, das, mit den Worten Karl Kraus, »zur Allzerstörerin wurde, weil es von allen zerstört ward«. Aber Petersen überzeugte nicht nur mit ihrer Verkörperung, auch ihre stimmliche Leistung war außergewöhnlich: schön, präzise, gegen Ende (als Lulu ermordet wird) mit furchterregenden Schreien. Vielleicht steckten auch etwas echter Schmerz und Abschied darin, den dies war Petersens letzter Abend als Lulu. Bisher war die Sängerin vor allem für Mozart und barockes Repertoire bekannt, jetzt wendet sie sich dramatischeren Rollen zu. Wir sprachen am Telefon über die Proben für ihr Salome-Debüt in München (Premiere am 27. Juni 2019).


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Ben Miller ist Autor, Historiker und Opera Queen. Er schreibt regelmäßig für die New York Times und ist, zusammen mit Huw Lemmey, Autor von ›Bad Gays: A Homosexual History‹ (Verso, 2022).