In den USA gab es schon die ersten »Classically Cannabis«-Konzerte. Hat das eine Zukunft?

Text · Übersetzung Jonas Löffler · Titelbild JURASSIC BLUEBERRIES (CC BY 2.0) · Datum 4.1.2017

Das Colorado Symphony Orchestra zog große Medienaufmerksamkeit auf sich, als es 2014 eine Konzertreihe mit dem Titel »Classically Cannabis« lancierte. Am 8. November 2016 traten Kalifornien, Nevada und Massachusetts in die Fußstapfen des Staates in den Rocky Mountains und verabschiedeten Gesetze, die den freizeitmäßigen Konsum von Marihuana legalisierten. Werden es bald noch mehr klassische Ensembles im Zuge der langsam zunehmenden Dekriminalisierung von Cannabis dem Orchester aus Denver nachtun?

Foto von JURASSIC BLUEBERRIES (CC BY 2.0)
Foto von JURASSIC BLUEBERRIES (CC BY 2.0)

Die ursprüngliche Reihe »Classically Cannabis« wurde zwischenzeitlich wieder eingestellt. Sie war ohnehin nur für Spender offen, erst ab 21 zugänglich und verfolgte eine strikte BYOC-Politik (Bring Your Own Cannabis). Dennoch gab es Komplikationen mit der Stadt Denver. »Wir haben derzeit keine Pläne, wieder Partnerschaften mit der Cannabisindustrie einzugehen«, schrieb mir kürzlich Rachel Trignano, die für das Marketing von Colorado Symphony zuständig ist, in einer E-Mail.

Nach der Präsidentschaftswahl setzte ich mich mit den großen Orchestern aus den Bundesstaaten in Verbindung, in denen der Marihuanakonsum nun legal war, und hörte nach, ob dort ähnliche Konzertreihen geplant sind. Die Pressesprecher des Boston Symphony Orchestra, von San Francisco Symphony und Los Angeles Philharmonic erklärten alle, dass für die nähere Zukunft keine Konzerte mit Cannabisbeteiligung geplant seien. Allein Michele Madole, Marketing- und PR-Beauftragte des Las Vegas Philharmonic, schloss die Möglichkeit solcher Veranstaltungen nicht völlig aus und schrieb mir: »Bis alle Fakten klar sind, ist es zu früh, eine Antwort auf diese Frage zu geben«.

Beethoven, Streichquartett op. 130, V. Catavina; Guarneri Quartet

Es spricht einiges dafür, dass das Experiment, klassische Musik mit Gras rauchen zu verbinden, wieder so schnell am Ende ist, wie es begann. Die Erfahrungen des Colorado Symphony haben gezeigt, dass Orchester, die Cannabis in ihre Konzerte integrieren, Risiken eingehen – nicht zuletzt wegen immer noch unklarer Zuständigkeiten im Vollzug der US-amerikanischen Bundesgesetze, die Marihuana immer noch verbieten. Gleichzeitig gibt es aber viel zu holen, was Presseaufmerksamkeit, potenzielles Publikum und Sponsoren angeht. Die klassische Musikwelt hat relativ langsam auf Entwicklungen wie Streaming, Onlinevideos und soziale Netzwerke reagiert. In der letzten Zeit scheint sich aber etwas zu tun und neue Technologien wie zum Beispiel Virtual Reality werden gut angenommen. Es wäre schade, wenn dieser neue, abenteuerlustige Geist vor Marihuana Halt machen würde.

Cannabis selbst wurde bekannterweise lange eher mit anderen Musikgenres in Verbindung gebracht. Im frühen 20. Jahrhundert war die Droge in den so genannten tea pads im Zentrum der Aufmerksamkeit, Jazzlokalen, in denen gekifft wurde und die »geprägt waren von Räucherstäbchen, gedimmtem Licht, gemütlichem Mobiliar und einem Radio, einem Plattenspieler oder Musikautomaten«, wie John Charles Chasteen in seinem Buch Getting High: Marijuana Throughout the Ages schreibt. Später wurde Cannabis untrennbar mit der Gegenkultur und der Hippiemusik der 1960er-Jahre, dann mit Hip-Hop in Verbindung gebracht.

Heutzutage ist die Droge immer schwächer als früher mit einem bestimmten Lifestyle oder einer Haltung assoziiert. Als ich im August eine Marihuana-Verkaufsstelle in Nederland, Colorado besuchte, empfand ich das als sehr angenehm, wenn auch verbunden mit der normalerweise von Weineinkäufen bekannten, leichten Verlegenheit, die den Unwissenden befällt. In seinem Buch fragt sich Chasteen, ob Marihuana einfach eine weitere »legale, euphorisierende Droge für wohlsituierte Konsumenten aus demokratisch dominierten Staaten« werden wird.

Foto von JURASSIC BLUEBERRIES (CC BY 2.0)
Foto von JURASSIC BLUEBERRIES (CC BY 2.0)

Das Experiment bei Colorado Symphony wollte Gras innerhalb der bei klassischen Konzerten bekannten Atmosphäre integrieren. In einem Artikel rund um das Event zitierte Associated Press einen Vertreter der Cannabisindustrie, der meinte: »Man kann intelligent und klug sein und trotzdem Cannabis genießen«; einer der Veranstalter verwendete das Wort »gehoben«. Diese Formulierungen scheinen hier ganz offensichtlich im Dienste gewisser sozialer Codes zu stehen – und sie tragen möglicherweise zu dem Gefühl der Entfremdung bei, das manche Besucher von Orchesterkonzerten ohnehin schon empfinden. (In einem aufschlussreichen Bericht über den Marihuanaboom beschreibt Amanda Chicago Lewis von BuzzFeed, wie weiße Hautfarbe Gras-Unternehmer und -Konsumenten begünstigt.) Wenn Marihuana vor allem als ein Luxusprodukt dargestellt wird, bedient das die ohnehin schon unangenehmen, elitistischen Stereotypen des Klassikbetriebs.

Anton Bruckner, Sinfonie No. 7 E-Dur; SERGIU CELIBIDACHE (Musikalische Leitung), Münchner Philharmoniker

Anstatt Marihuana als eine Alternative zum Champagner in der Pause zu vermarkten, würden Ensembles gut daran tun, Programme für die Droge zu entwickeln. Das könnte bedeuten, dass man wieder Teile der Jazzkultur des frühen 20. Jahrhunderts kulturfähig machen würde, vielleicht aber auch eine ganz neue Kultur kreiert (idealerweise ohne die seltsame trendbewusste Aneignung von politischen Revolutionären wie beim »Radical Chic« von Leonard Bernstein). »Gras reduziert Angstgefühle, lässt das Ego zurücktreten und verbindet die Menschen. Mit Gras kann klassische Musik wieder das bewirken, was sie bewirken sollte, nämlich eine Gruppe von Leuten zusammenzubringen, die gemeinsam ein wunderschönes Kunstwerk erleben. Wenn eine kleine Gruppe von Leuten zusammensitzt und gemeinsam einen Joint raucht, bringt das alle auf eine Ebene«, sagt Andrew Trovato, Komponist und Pianist aus Massachusetts. »Ich mache das die ganze Zeit mit Menschen, die normalerweise keine klassische Musik hören – und bringe sie damit auf den Geschmack«, fügt er hinzu.

Ein anderer Komponist, der lieber anonym bleiben will, weil er in einem Staat lebt, in dem Marihuana illegal ist, sagte mir: »Das sollte auf jeden Fall gemacht werden. Ich weiß nicht, warum Orchester das eigentlich nicht schon tun. Dabei ginge es weniger ums High sein, als darum, dass die Leute sich einfach ein bisschen mehr entspannen als sie es sonst tun würden. Manche Leute zögern, wenn es darum geht, sich auf eher außergewöhnliche künstlerische Situationen einzulassen – genau diesen müsste man die Möglichkeit schaffen, ihren Komfortbereich zu verlassen, so dass sie sagen können: ›Ich mochte diese Erfahrung‹«.

Die Stückauswahl wäre bei der ganzen Sache ein entscheidendes Thema – und ein Gebiet, bei dem das Colorado Symphony meiner Meinung nach noch weiter hätte gehen können. In der wohl lebhaftesten Besprechung von »Classically Cannabis« im Magazin Slate schreibt Joel Warner:

»Was soll in einem so unternehmungslustigen Haus bei einer solchen Gelegenheit denn nun gespielt werden? […] ›Tatsächlich hatten die Stücke des Konzerts gar keinen speziellen Bezug zu Marihuana‹, gibt Justin Bartels, der erste Trompeter des Orchesters, der das Programm zusammengestellt hat, zu.« Das Problem liegt genau in diesem »Bezug« der Musik zur Droge. Anstatt Repertoire zu suchen, das einen direkten Bezug zu Cannabis selbst hat – an dieser Stelle der unvermeidbare Fingerzeig auf die Symphonie fantastique – sollten Konzerte so gestaltet werden, dass sie besonderen Genuss bereiten, wenn man als Zuhörer high ist.

Foto von JURASSIC BLUEBERRIES (CC BY-NC-ND 2.0)
Foto von JURASSIC BLUEBERRIES (CC BY-NC-ND 2.0)

Für manche klassischen Musiker verstärkt Graskonsum das Empfinden einzelner Klänge und Texturen, während der Blick für das Ganze, die Form und die Struktur geschwächt wird. Wenn man gekifft hat, sagt mir Trovato, »hört man all die Bestandteile eines Stücks, die irgendwie besonders sind: die Farbe, das Tempo, Texturwechsel. Alles wird drastischer und lebendiger, jeder noch so geringfügige Klang.« Als ich ihn frage, welche Musik er gerne höre, wenn er bekifft ist, nennt er mir vor allem langsame Stücke für Streicher, die der Wahrnehmung genug Zeit lassen zu verstehen, was genau passiert: die Cavatina aus Beethovens Streichquartett op. 130, Strauss’ Metamorphosen und Schönbergs Verklärte Nacht.

Ein europäischer Orchestermusiker schlägt einen ähnlichen Ton an, als er mir sagt: »Ich hatte eine wunderschöne Erfahrung, als ich bekifft Bruckner gehört habe. Tatsächlich könnte ich mit der Sinfonie nicht umgehen, wenn ich nicht vorher kiffe.« Er fügt hinzu, dass High-Sein ein guter Zustand sei, um »dichte« klassische Musik zu hören, weil es einem erlaube »ganz klar zu hören.«

»Ich erinnere mich gut an einen Abend, an dem die Wiener Philharmoniker hier waren. Wir haben direkt vor der Tür gekifft. Es war absolut überwältigend«, sagt mir der anonyme US-Komponist. Auf meine Frage, welche Musik besonders gut mit Marihuana zusammengehe, antwortet er: »Da muss ich sofort an impressionistische Musik denken … wahrscheinlich ist high aber alle Musik gut, die man auch sonst gerne mag. Es ist schon besonders, wenn man zu Daphnis et Chloé geht und einem diese riesige Klangmassen um die Ohren gehauen werden.« Wir waren uns auch einig, dass, wie er es formuliert, »die Musik (des Komponisten) Michael Pisaro durch Gras wirklich erweitert wird.«

Im Moment sind all diese Gedanken natürlich komplett hypothetisch. (Ich habe mich noch nicht einmal ansatzweise der Frage gewidmet, welches Gras am besten mit bestimmten Stücken funktioniert.) Ich schreibe sie trotzdem auf, um Ensembles und Dramaturgen dazu zu ermutigen zu experimentieren und darüber nachzudenken, was funktionieren könnte und was nicht. Es ist gut möglich, dass ein Format, welches Antworten auf die Fragen erproben würde, am Ende scheitern würde – genau so wie es vielen traditionellen Konzerten passiert.

Auszug aus MICHAEL PISAROs HEARING METAL 2; MICHAEL PISARO AND GREG STUART

Damit eine Cannabis-inspirierte Konzertreihe erfolgreich wäre, müsste sie auf der Ebene der Wahrnehmung funktionieren, nicht nur in Bezug auf die Atmosphäre oder das Marketing. Sie bräuchte eine klare ästhetische Richtung. Sie müsste mehr auf Länge, Ruhe und das Neue bauen als es das durchschnittliche Konzert tut. Sie bräuchte Musik, die gut zusammen mit der Droge funktioniert, die durch die Droge eine Erweiterung erfahren würde, damit Marihuana nicht nur ein verzichtbares Extra zum Konzert bleibt.

Der Impuls müsste wahrscheinlich eher von Ensembles für zeitgenössische Musik, von kleineren Veranstaltungsorten und von unabhängigen oder privaten Veranstaltern kommen. Für ein etabliertes Orchester, ist es das Eine, das Risiko eines neuen umstrittenen Formats einzugehen. Oft scheint es aber noch schwieriger, Konzerte mit einer radikalen und kompromisslosen ästhetischen Vision aufs Programm zu setzen. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.