Eine der Luxuriositäten des hiesigen Musiklebens, die dereinst vielleicht »von einst« sein werden: an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zwei große Mahlersinfonien zu hören, in zwei benachbarten Häusern, gespielt von zwei erstrangigen Orchestern und geleitet von zwei Stardirigenten beiderlei Geschlechts. Es soll Lästerzungen geben, denen die höchst erfolgreichen Yannick Nézet-Séguin und Joana Mallwitz als Schaudirigenten gelten, dies aber braucht nur Schauhörer zu scheren, denn der Blindhörer findet, dass mit geschlossenen Augen die Ohren eh besser funktionieren; und dann können die da vorn ja ruhig turnen, wie sie wollen.
Auch wenn, zugegeben, ein leidenschaftlicher Oldenburger Mahlerologe in einem führenden Fachmagazin schrieb, »bei Mahler ist man ja auch immer Zuschauender«. Ich höre ihn trotzdem lieber mit den inneren Augen, die einem übergehen bei jedem rechten Mahlerschmaus wie dem König von Thule, »so oft er trank daraus«. Bisweilen freilich lohnt auch für den überzeugten Blindhörer das Augenöffnen, etwa bei den Berliner Philharmonikern unter Nézet-Séguin im letzten Satz von Mahlers dritter Sinfonie, wenn bald dieser, bald jener der »Knaben des Staats- und Domchors«, die nun wieder zu schweigen haben, auf eine Art mitwiegt, dass es ganz Mahlers Bezeichnung entspricht: langsam, ruhevoll, empfunden. Diese rührende Verbindung von Klang und Anblick lässt einen wieder innig daran glauben, dass das fühlende Leben sich immer, immer erneuern wird.

