Über die aktuelle Situation der freiberuflichen Musiker*innen, Ensembles und Festivals.

Text · Datum 18.3.2020

Manchmal fallen einem Dinge erst dann auf, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind: Wir haben Kultur und Versammlungen als allgegenwärtige Normalheit betrachtet. Jetzt aber wurden aus Angst vor der schnellen Verbreitung des Coronavirus der Reihe nach Konzert- und Opernhäuser geschlossen, Veranstaltungen und Festivals abgesagt, sogar Gottesdienste. Das ist aber nicht einfach nur für die potenziellen Besucher*innen seltsam und vielleicht schade. Denn etliche Kulturschaffende, vor allem freiberufliche Künstler*innen, Ensembles und kleinere Veranstaltungsorte, Agenturen und Festivals, stehen infolge dieser Entscheidungen vor dem Ruin.

Vermutlich, glaubt Cellist Isang Enders, wird es eine Zeit vor und eine nach dem Coronavirus geben: »Vielleicht wird man es später als einen Einschnitt betrachten wie den 11. September 2001. So hat jedes Jahrzehnt sein Armageddon.« Er selbst spürt die Auswirkungen schon seit gut fünf Wochen. Da sollte er in Chengdu in der chinesischen Provinz Sichuan ein Schumann-Konzert spielen, doch das sagte die Stadt ab – noch lange bevor in Europa entsprechende Entscheidungen getroffen wurden. Ein Konzert weniger, das sei ungünstig, aber in Ordnung, »zumal Januar und Februar grundsätzlich schlechte Monate sind.« Die Weihnachtszeit mit ihren Weihnachtskonzerten trägt viele Musiker*innen finanziell bis in den März, wenn die Festivals starten, immer mehr, bis zur Hochsaison im Sommer. Die Absagen bis Ende April bedeuten für Enders nun insgesamt zehn ausgefallene Konzerte und damit zehn fehlende Honorare. Viele erleben gerade ähnliches: Bei Pianist Kai Schumacher sind es bis Ende April elf Konzerte, bei Sopranistin Sarah Maria Sun drei Konzerte, zwei Meisterkurse und ein Vortrag, bei Opernsängerin Eleonore Marguerre elf Vorstellungen – gleiches bei ihrem Mann: »Zusammen bedeutet das bei uns den Verlust von einem Drittel unseres Jahresgehalts«, sagt sie.

Sie alle sind bisher jedoch noch verhältnismäßig weich gefallen: Entweder haben sie gut vorgesorgt, zusätzliche Lehraufträge an Universitäten oder Partner*innen mit festem Einkommen. »Auf meinem Konto sind im Moment 2.000 Euro«, sagt Sarah Maria Sun. »Das ist alles, was ich habe – mein gesamter Besitz. Damit komme ich über zwei Monate. Danach hätte ich ohne meinen Mann ein großes Problem.« Doch sie alle kennen Kolleg*innen, die bereits jetzt nicht wissen, wie sie im kommenden Monat ihre Miete und ihr Essen bezahlen sollen. »Was ich immer wieder feststelle, ist eine erschreckende Unkenntnis bei vielen Kollegen über die Möglichkeiten der Versicherung und privaten Vorsorge«, sagt Eleonore Marguerre. »Viele wissen nicht einmal, dass man Kindergeld oder Elterngeld kriegt. Da wünsche ich mir, dass das mehr in der Ausbildung gemacht wird.« Oder aber von den Arbeitgebern vorgegeben.

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) hat vergangenen Freitag einen »Leitfaden für Freischaffende« veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: »Versuchen Sie, sich auf eine Verschiebung des Veranstaltungstermins zu einigen« und, falls das nicht gehe, »vertraglich vereinbarte Ausfallhonorare geltend« zu machen oder »diese nachträglich mit dem Veranstalter auf Kulanzbasis zu vereinbaren.« Das Problem: Häufig gibt es gar keine Verträge, in denen so eine Klausel stehen könnte, und falls doch, befinden sich viele Freie gar nicht in der Position, diese Verträge mit auszuhandeln. »Die Abwälzung auf den Arbeitgeber ist dann möglich, wenn die Formulierungen im Vertrag individuell mit dem Künstler ausgehandelt wurden«, sagt Eleonore Marguerre. »Das werden sie aber häufig nicht.« Spielstätten zu verklagen, trauen sich indes nur die wenigsten – aus Angst, nicht wieder engagiert zu werden.

Doch das Problem ist noch viel komplexer. Schließlich ist es nicht so, dass die Veranstalter in diesen Zeiten geizig auf einem Haufen Geld sitzen und niemandem etwas abgeben wollen. Die Thüringer Bachwochen beispielsweise, die ebenfalls vergangene Woche den Ausfall des gesamten Festivals beschlossen, haben keinerlei Rücklagen. Intendant Christoph Drescher spricht von einem »Krisenmodus«: »Anders als die Kulturinstitutionen haben wir keine komplett finanzierte Struktur, die weiterarbeitet, sondern müssen sehen, wie die Finanzierung jetzt weiter funktionieren kann.« Zuerst gingen alle Absagen raus, dann erstellte er ein Notbudget. »Wir hätten 200.000 bis 250.000 Euro über die Tickets eingenommen, die jetzt fehlen. Die Frage ist, ob das überhaupt zu kompensieren ist.« Zwar habe Thüringen als Hauptgeldgeber seine Förderzusage beibehalten, gleichzeitig gebe es jedoch Stimmen aus den Kommunen und Stiftungen, die ohne stattfindende Konzerte auch nicht weiter fördern wollen – »dabei ist doch gerade für solche Situationen die Finanzierung gedacht!«, sagt Drescher. Selbst wenn ein Großteil des Publikums sich dazu entscheide, seine Karten nicht zurückzugeben, sei das allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ob er Ausfallhonorare an die Künstler*innen zahle? »Wir können zumindest den Künstlern, die All-Inclusive-Verträge haben, ihre Flugtickets und Auslagen zurückerstatten«, sagt Drescher. Die juristische Regelung im Falle von höherer Gewalt besage zwar, dass jede*r von seinen Verpflichtungen frei werde und entstandene Kosten selbst trage. »Es gibt aber auch eine moralische Seite, die uns beschäftigt.«. Dennoch versuche er »zuerst den Verein in trockene Tücher zu bringen. Es bringt nichts, jedem Künstler 50 Euro Ausfallhonorar zu zahlen und dann nächstes Jahr keine Konzerte machen zu können.« Die Planung für 2021 sei zudem bereits abgeschlossen. So könne man bei manchen Konzerten zwar überlegen, sie »noch reinzuquetschen« oder 2022 aufs Programm zu nehmen – doch haben die Musiker*innen die Stücke dann noch in ihrem Repertoire? »Was wir derzeit anbieten können, sind eher mikroskopische Lösungen«, sagt Drescher, »und ich bin mir der Schizophrenie des Systems und meines Agierens als Veranstalter dabei voll bewusst. Wenn ich daran denke, dass auch wir Gagen herunterhandeln – eine h-Moll-Messe würde bei uns nicht anders gehen als für 20.000 Euro –, da bin ich mir bewusst, dass ich Teil des Ausbeutungssystems bin. Und das ist genau der Moment, an dem alles auf der Kippe steht.«

Das musikalische Arbeiten ist immer linear – es ist auf einen kulminierenden Moment hin ausgerichtet. Auf das Konzert, die Audition, Eröffnung, Premiere. Die Beteiligten befinden sich auf einem mitunter jahrelangen Weg, über den hinweg sie ihre Kräfte einteilen, damit sie sich im Höhepunkt des Auftritts entladen können. Das macht die Spannung aus, das unterscheidet die Konzertatmosphäre von der abspulbaren Verlässlichkeit einer Aufnahme. Verpufft diese Energie nun im Nichts, ist am Ende die Kunst selbst in Gefahr. »Wir hatten gerade die Generalprobe. Jetzt packen wir unsere Koffer und fahren zurück nach Hause«, sagt Nadja Loschky. Zwei Jahre lang leitete sie als freischaffende Regisseurin an der Oper Graz ihre Produktion der Oper Die Passagierin von Mieczysław Weinberg. »Mir geht es nicht so gut«, sagt sie am Telefon, »und da kommen verschiedene Aspekte zusammen. Man ist am Ende einer solchen Produktion, nach zwei Jahren, ohnehin irrsinnig müde und rafft noch einmal alles auf, die letzten drei Proben waren schon in diesem Zustand – und dann kam die Absage. Ich musste mich irrsinnig motivieren, dran zu bleiben, und das ging allen anderen genauso.« Gerade Die Passagierin – eine Oper über eine Frau, die in den 60er-Jahren ihrer ehemaligen KZ-Aufseherin wiederbegegnet – ist ein Werk, das allein aufgrund des Themas besondere Kräfte erfordert. »Es ist geradezu absurd: Man arbeitet acht Wochen an einem so großen gesellschaftsaktuellen Thema, in dem es um Angst und um Ausgrenzung geht, und dann kommt eine andere Katastrophe – und man hört plötzlich Geschichten von Leuten, die sagen, sie fühlen sich nicht mehr wohl, mit den chinesischen oder italienischen Kollegen zusammen zu arbeiten. Ich will es auf keinen Fall gleichsetzen – aber es ist interessant, wie sich das gegenseitig berührt.« Im Moment könne sie sich nicht wirklich vorstellen, dass die Krise Ende April ausgestanden sei.

Wohin also mit der aufgeladenen Energie? Mit dem auswendig gelernten Berg-Violinkonzert, dem perfekt vorbereiteten Vorspiel, der Konzertreihe, die gerade starten sollte? »Vorgestern Abend lag ich neun Stunden auf der Couch und habe mich blöd durchs Fernsehen gezockt, weil ich die soziale Isolation proben wollte«, sagt Pianist Kai Schumacher. »Der Blick auf die Welt verändert sich, wird irgendwie zeitlupenartig, wirkt nicht so richtig echt – wie durch einen Filmfilter.« Pianist Igor Levit hingegen entschied am Freitagabend, ein Konzert aus seinem Wohnzimmer live bei Twitter zu streamen, spielte Beethovens Waldstein-Sonate – und über 280.000 Menschen sahen das Video bis Montag. Jeden Tag nun hat er seitdem online gespielt, die Resonanz ist groß, der Dank des Publikums ebenso. »Die Live-Atmosphäre nach Hause holen zu wollen finde ich persönlich ein bisschen schwierig«, sagt Kai Schumacher. »Für manche Kollegen ist es vielleicht recht egal, vier Monate lang kein Honorar zu bekommen, sie trifft es nicht existenziell. Aber wenn ich da sitze, überwältigt von zehn Konzertabsagen per Mail, und merke: ›Scheiße, ich habe keine Ahnung, wie ich meine Miete zahlen soll‹ – dann ist meine letzte Idee, im Wohnzimmer eine Beethoven-Sonate zu spielen.«

Am Montag beschloss die Bundesregierung Hilfsmaßnahmen für die Kultur- und Kreativwirtschaft zu starten – nachdem Petitionen, Umfragen, Einzelne und Verbände die Unterstützung gefordert hatten. Kulturstaatsministerin Monika Grütters will Kultureinrichtungen, Künstler*innen und anderen Freiberufler*innen in der Branche helfen, vor allem über »Ausweitung des Kurzarbeitergeldes, Liquiditätshilfen und die Stundung von Steuerzahlungen«, wie es in der Pressemitteilung der Bundesregierung heißt. »Wenn es funktioniert, ist das sicher gut, aber wie will man das bemessen? Wie groß soll denn dieser Fond sein?«, fragt Sarah Maria Sun. »Und wem kommt er zugute? Wie kann man sicherstellen, dass alle Betroffenen da gerecht berücksichtigt sind?« Die Bundesregierung selbst schreibt von der Kultur- und Kreativwirtschaft als einem »der größten Wirtschaftszweige – noch vor chemischer Industrie, Energieversorgern und Finanzdienstleistern«, mit einer Bruttowertschöpfung von 100 Milliarden Euro. »Ich bin durchaus zuversichtlich, dass irgendetwas kommt«, sagt Eleonore Marguerre. »Die Frage ist, in welchem Tempo.« Christoph Drescher äußert sich mit Blick auf die kleineren, wenig verdienenden Freiberufler*innen kritisch: »Schön, wenn ich meine Steuern erst später zahlen muss. Aber wenn ich gar keine Steuern zu zahlen habe, ist das das geringste Problem. Dem freiberuflichen Dienstleister nutzt Steuerstundung wenig.« Liquiditätshilfe sei ein Weg, »aber wenn die aktuelle Situation bis August andauert, was nicht ganz unwahrscheinlich ist, dann braucht es ein soziales Auffangsystem, was eher Richtung Hartz IV geht. Die haben ja alle keine Rücklagen.«

Hinzu kommen die freien Orchester und Ensembles, die sowohl zu den Auftragnehmern als auch zu den Auftraggebern zählen – und teilweise kurz vor der Insolvenz stehen. Im schlimmsten Fall, sagt Alexander Hollensteiner, Geschäftsführer der Kammerakademie Potsdam, friert die Stadt als Geldgeber die Finanzierung in Folge der Krise komplett ein – »und dann wären wir binnen kürzester Zeit zahlungsunfähig.« Auch er hofft auf den Notfallfonds, ist sich aber sicher, »dass da nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Das ist eine Operation am offenen Herzen. Wenn die Situation drei oder vier Monate so bleibt, dann halten privatwirtschaftliche, freiberufliche Strukturen das nicht aus.«

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Es sei erstaunlich, sagt Isang Enders, »wie fragil dieses ganze Konstrukt ist, in dem wir leben. An allen Ecken und Enden bröckelt das Hyperkapitalistische. Man braucht nur einen Husten und ein bisschen Fieber, wortwörtlich, und einen sinkenden Ölpreis, und von einem Tag auf den anderen kollabiert die Börse.« Es ist wahrscheinlich, dass er Recht hat: Es wird eine Zeit vor, und eine Zeit nach Corona geben. ¶