Leif Ove Andsnes ist ein stiller Mensch. Wenn er die Bühne betritt, ist sein Blick in sich gekehrt und leicht gesenkt, so, als höre er hin. Auf das rauschende Theater rundherum, die leiser werdenden Stimmen, den beginnenden Applaus. In der Kölner Philharmonie Mitte November ging er den Weg zum Flügel nicht allein, sondern gemeinsam mit dem 91-jährigen Dirigenten Herbert von Blomstedt – ein wirklich besonderes Duo. Wie Blomstedt beim Taktieren machte auch Andsnes am Flügel gar nicht viel. Keine ausladenden Pianistenbewegungen, keine effektheischenden Rubati, keine großen Fortissimos. Er spielte einfach, Johannes Brahms’ 1. Klavierkonzert – mit einer Wachsamkeit, die sich wie ein Schirm immer größer werdend über das Geschehen spannte. Extrem bewusst, magisch fließend. Das Publikum forderte ihn wieder und wieder auf die Bühne, auch nachdem er schon längst seine Blumen bekommen hatte. Eine Zugabe spielte er dennoch nicht. Enttäuschtes Raunen – über das er, ganz kurz nur, zu lächeln schien.In seiner Garderobe rückt sich Andsnes für das anstehende Interview einen Stuhl zurecht: mit der Rückenlehne zur Tür, den Blick aufs Klavier vor der Wand. Er ist konzentriert, hat sich Gedanken gemacht. Wie auf der Bühne lässt er sie scheinbar aus dem Hinhören, aus der Stille heraus neu entstehen. Manchmal, nachdem er einen Satz gesagt hat, legt er beide Handflächen aneinander und die Zeigefinger an die Lippen und bleibt so ein paar Sekunden sitzen. Den Blick in sich gekehrt und leicht gesenkt. Dieses Schweigen hat etwas Besonderes, es ist wie ein kurzes Zeitanhalten. Jedes Mal setzt Andsnes nämlich wieder an – und scheint seinen Gedanken dann ein ganzes Stück näher gekommen zu sein.
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