»Wir haben das ja alle nicht gelernt«, überschreibt die Oboistin und Bildungsforscherin Esther Bishop einen wissenschaftlichen Artikel über die Lehre an Musikhochschulen von 2022. Gerade in den künstlerischen Fächern sind viele Lehrende, auch Professor:innen, in allererster Linie ausgebildete Künstler:innen, die Tätigkeit an der Musikhochschule ergibt sich eher »nebenbei«. An deutschen Musikhochschulen findet sich sehr viel sehr gute Lehre, teilweise exzellente. Immer wieder gibt es aber auch Berichte über problematische Lehrpersönlichkeiten und Unterrichtskonzepte, über Machtmissbrauch und Schwarze Pädagogik.
Das Netzwerk 4.0, ein Zusammenschluss von 18 deutschen Musikhochschulen, hat seit 2021 musikspezifische Fortbildungen speziell für Lehrende an Musikhochschulen angeboten, jetzt läuft die Förderung des Projekts aus. In Bayern startet allerdings ein eigenes Weiterbildungsprogramm für die drei Musikhochschulen des Landes. Lehrende können sich hier vernetzen, Beratungsangebote wahrnehmen und ein sogenanntes Lehrzertifikat erwerben. Was es damit auf sich hat, erklärt mir Julia Rupprecht, die als Referentin für innovative Hochschullehre an der Hochschule für Musik und Theater München angesiedelt, aber musikhochschulübergreifend tätig ist und das neue Zertifizierungsprogramm mit entwickelt hat.
VAN: Was ist die Grundidee beim neuen Lehrzertifikat?
Julia Rupprecht: Die Grundidee ist, dass wir Lehrpersonen an bayerischen Musikhochschulen in ihren Lehrkompetenzen weiterentwickeln. Deswegen setzt sich dieses Lehrzertifikat aus fünf Bereichen zusammen, die wichtig sind, um guten Unterricht zu planen, vorzubereiten, durchzuführen und zu evaluieren: Lehr-Lernkonzepte, Präsentation und Kommunikation, Prüfen, Reflexion und Evaluation sowie Beraten und Begleiten. In diesen Kompetenzbereichen werden verschiedene Kurse angeboten, aus denen Lehrpersonen frei wählen können, um sich weiterzuqualifizieren. Wir haben uns dabei an der bereits bestehenden Lehrqualifizierung an bayerischen Universitäten und Hochschule für angewandte Wissenschaften orientiert, haben sie aber an die spezifischen Anforderungen von Musikhochschulen angepasst. Hier haben wir etwa viel weniger Veranstaltungen mit großen Studierendengruppen – wie Vorlesungen – dafür andere Formate, wie zum Beispiel den künstlerischen Einzel- und Kleingruppen- oder Ensemble-Unterricht. Deshalb braucht es zum Teil auch andere didaktische Fähigkeiten, wie beispielsweise im Bereich des Mentorings oder des Beratens und Begleitens, um Studierende auf eine künstlerische Tätigkeit vorzubereiten.

