Laurie Anderson im Interview

Text · Fotos © Peter Hundert · Datum 7.3.2019

Laurie Anderson, Performance-Künstlerin, Geschichtenerzählerin und Frau von Lou Reed, gestaltet für die Elbphilharmonie ein viertägiges Festival. Angereist ist sie unter anderen mit dem tibetischen Mönch Tenzin Choegyal, dem Bassisten Greg Cohen und Stewart Hurwood von The Velvet Underground. Die 71-Jährige wirkt in ihrer Präsenz ein wenig ermattet, mit ihren wachen, grünen Augen, die immer wieder in den Hafennebel schweifen, als ich sie inmitten des Festivals in ihrer Garderobe in der Elbphilharmonie besuche. Vieles ist improvisiert, ungeplant. »Be fearless« gehört zu ihren Grundprinzipien, die sich stark aus der buddhistischen Praxis speisen. Doch immer wieder flackert durch ihr Mitgefühl auch eine Flamme von Anarchie. »I don’t like anyone to tell me what to do«, sagt sie, auf sehr sanfte Art.

2017 warst Du zuletzt in Hamburg, eingeladen von der Kunsthochschule, zusammen mit Wim Wenders. Wie kam es dann genau zu Deiner Verbindung mit der Elbphilharmonie?

Das war ein großes Glück! Wim Wenders meinte zu mir: ›Du musst dir dieses Haus ansehen, das ist fantastisch!‹ So kam ich her und bin in Greg Cohen reingelaufen, der an dem Abend mit Woody Allen aufgetreten ist. Es war lustig, weil das der Abend war, an dem die Femen Aktivistinnen auf die Bühne gelaufen sind, um gegen Kindesmissbrauch zu demonstrieren. Sie waren oben ohne und hatten sich mit einem glitschigen Zeug eingeölt, so dass die Security sie minutenlang nicht richtig packen konnte, sie sind immer wieder abgerutscht. Woody hat nicht verstanden, dass es eigentlich um ihn geht, er ist irgendwie alt geworden und ein bisschen gaga. Er fand es glaube ich ganz gut, diese Frauen mit ihren nackten Brüsten. Greg hat ihm dann irgendwann zugeraunt: ›Wir müssen wirklich mit der Show aufhören‹, aber sie haben dann als die Frauen von der Bühne waren einfach weitergespielt, was sicher gut war. Greg hat mir dann später am Abend Nils Hansen von der Elbphilharmonie vorgestellt, wir haben uns sehr nett unterhalten, und er hat mir dann irgendwann vorgeschlagen: Willst du nicht mal diesen Reflektor für uns machen? Klar, habe ich gesagt. Und ich bin sehr glücklich, denn ich habe vor ein paar Tagen noch eine Sternstunde hier erlebt.

Welche war das?

Simon Rattle mit Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. Ich komme ja aus der Bildhauerei, habe dann ›Spacial Sound‹ studiert und interessiere mich extrem für Klang im Raum. An diesem Abend waren sich zwei Orchester im Saal gegenüber. Was dann passiert ist, ist unbeschreiblich, ich habe wirklich noch nie so etwas gehört! Der Sound hat sich spiralförmig nach oben geschraubt, wie ein Softeis aus Klang. Du kannst Dir das auch vorstellen wie ein Schiff, das über uns allen gebaut wurde. Das war eine Offenbarung für mich. Die Klänge haben sich ganz individuell entwickelt, du konntest sie einzeln hören, wie sie nach oben jagen. Simon Rattle hat das ganz genau gespürt, was da gerade passiert, er war emotional, außer sich, wäre fast hinten rüber gefallen, wenn ihn nicht das Geländer gehalten hätte. Ich habe den ganzen Abend wie in einem Traum verbracht. Es gibt nicht das perfekte Konzerthaus für jede Art von musikalischer Architektur. Aber in diesem Fall war es eine Erweckung. Der Raum ist ja wie ein riesiger Wasserfall oder sowas, der hat sowas Fließendes. Er erschlägt dich nicht, wie es so viele andere Konzertsäle tun. Das passt wunderbar zu den ›Drones‹.

Die du jetzt im Reflektor auch umsetzt, mit Lou Reeds E-Gitarren in Here Comes the Ocean.

Ich habe mich zu Drones, also zu Feedbackschwingungen von E-Gitarren, schon immer hingezogen gefühlt. Lou hat sehr viel damit gearbeitet, mit ihnen gelebt. Sie sind in ihren mikrotonalen Schwingungen auch eine Art von Meditation für mich, auch wenn sie die Ohren bluten lassen, so laut sind sie. Auch für Lou sind sie pure Energie, Energieräume. Was mich reizt, ist einen Klangraum mit ihnen aufzumachen. Einen Raum, in den du gehen kannst. Ein bisschen wie Virtual Reality, damit arbeite ich ja auch gerne.

Gestartet bist Du gestern mit den Songs from the Bardo, mit Texten aus dem tibetischen Totenbuch. Der Untertitel des Buches lautet übersetzt ›Befreiung durch Hören im Zwischenraum‹. Es ist ein sehr religiöser Text, hattest Du keine Bedenken, das auf der Bühne zu verhandeln?

Das ist ein extrem harter Text. Und es ist nicht einfach, dem zuzuhören. Ich bin froh, dass die Leute dazu bereit waren. Es ist ja – ich weiß nicht, ob das klar wurde – eine Übersetzung von Tenzin Choegyal, dem tibetischen Mönch, der auch mitgespielt und gesungen hat. Er lebt in Australien, ist Teil einer tibetischen Diaspora, die durch die chinesische Vertreibung nun weltweit aktiv ist. Es ist doch seltsam, wie etwas so Grausames und Schreckliches wie die Ermordung und Vertreibung der Mönche so wundervolle Nebenwirkungen haben kann. Aber zu gestern: Wir haben die Bardo Songs in der Besetzung zum ersten Mal gemacht und auch nicht wirklich geprobt. Es war wie ein Versuch für mich, und das gilt für dieses gesamte Reflektor-Ding, wirklich frei zu improvisieren. Die Möglichkeit zu geben, im Moment zu sein. Präsenz zu finden. Höchst aufmerksam zu hören, was passiert. Wir sind dann gestern auch in eine Art Schwebezustand gekommen – ich hatte das Gefühl, der Text sagte mir, immer langsamer zu werden, bis jedes Wort einen Raum geöffnet hat. Er beschreibt ja die Natur des Geistes im Bardo, also im Zustand nach dem Tod, und es ist etwas ziemlich Großartiges, das zu lernen.

Laurie Anderson & Kronos Quartett. Ihr inzwischen mit einem Grammy als beste Kammermusikeinspielung ausgezeichnetes Album »Landfall« handelt vom Klimawandel und seinen Folgen.

Was lehrt er Dich persönlich zum Beispiel?

Ich bin eine Geschichtenerzählerin. Und ich glaube, wir müssen verschiedene Wege finden, das Ende der Dinge zu beschreiben. Ob es der Tod ist – oder das Ende der Menschheit auf diesem Planeten, den wir sicher nicht für immer bewohnen werden.

Eine wichtige Botschaft, die lehrt mich auch mein buddhistischer Lehrer immer wieder, ist diese: Versuche dich traurig zu fühlen, ohne traurig zu sein. Das ist eine sehr wichtige Unterscheidung. Denn diese Welt ist natürlich traurig und voller schrecklicher Dinge. Es wäre idiotisch, das nicht anzuerkennen. Diese positive Affirmation zu sagen, ›Hey, alles toll‹, das widerstrebt mir. Es ist nicht alles toll. Es ist nicht einmal in Ordnung. Die Lehre ist: Schieb das nicht zur Seite, akzeptiere es, aber werde es nicht.

Beschreibt das auch deinen Umgang mit den politischen Entwicklungen in den USA?

Ja, ich fühle mich oft hilflos. Immer wenn es eine Bewegung gibt, wird sie zerschlagen. Es kommt mir mittlerweile oft vor wie in einem faschistischen Staat: Erst lachst du noch, dann imitierst du ein Lachen und irgendwann hörst du mit dem Lachen auf. Weil du nicht mehr weißt, was du tun sollst. Deshalb wird es wichtiger für uns, die Natur des Geistes zu verstehen.

Was mich zum Beispiel rasend macht, ist die Trennung der Welt in ›wir‹ – und ›die anderen‹. Das ist Trumps Ding, egal ob es um Menschen aus Mexiko oder Syrien geht, oder um Journalisten, die ihm unbequem werden – dieses ›We are the real people, they’re not‹. Dieses Denken soll uns korrumpieren. Ich habe gerade ein Buch gelesen von der wunderbaren, türkischen Autorin Ece Temelkuran: ›How to lose a country‹. Brian Eno hat es mir empfohlen, er meinte ›Laurie, das musst du lesen.‹ Sie beschreibt sieben Schritte von der Demokratie zu einem faschistischen Staat. Es ist extrem beängstigend, doch wird dir klar: Das passiert hier gerade, und zwar nicht aus Zufall, es sind über Jahrzehnte geplante Prozesse. Wenn Kinder erschossen werden, sagt Trump: ›Das ist der Preis, den wir für unsere Freiheit bezahlen müssen‹ – und du denkst, du hast dich verhört. Aber wir hören richtig, wir sind dem ausgesetzt, obwohl er längst hinter Gittern sitzen sollte. Die Kunst ist, auf einer anderen Ebene zuzuhören.

https://vimeo.com/

Laurie Anderson 1982 mit »O Superman«

Hast Du Wege gefunden, künstlerisch damit umzugehen? In deiner Performance Habeas Corpus in der Park Avenue Armory Hall in New York hast Du den Versuch gemacht, einen Guantánamo-Häftling zu rehabilitieren…

Als Künstlerin will ich verstehen. In meinen Performances geht es mir wiederum nicht darum zu sagen, so sollte es sein, das solltest du tun, und das nicht. Das widerstrebt mir extremst. Ich hasse es selber, wenn mir jemand sagt, was ich zu tun habe. Damit kann ich nicht arbeiten. Ich streue nur Provokationen, über die du nachdenken kannst, oder auch nicht. Das ist das Einzige, was ich tun kann.

»Was mich rasend macht, ist die Trennung der Welt in ›wir‹ – und ›die anderen‹.«Laurie Anderson in @vanmusik.

Auf der Abschiedsfeier für Lou Reed, 50 Tage nach seinem Tod, hast Du erzählt, nach welchen Prinzipien ihr gelebt habt. Der erste Punkt ist ›Fearlessness‹, außerdem sprichst Du von einem aktivierten ›Bullshit detector‹. Wo Du nun gerade in der Elbphilharmonie bist, wäre das auch ein Rat, den du jungen Musiker*innen mit auf den Weg geben würdest? Und gibt es noch weitere?

Auch hier widerstrebt es mir, für eine Gruppe zu sprechen. Aber wenn ich das auf mich selbst übertrage, würde ich sagen: Habe keine Angst davor, es anders zu machen, wenn du es fühlst. Es gibt Millionen von Arten, dieses Repertoire zu spielen. Wenn ich in einem guten Konzert bin und Orchester erlebe, finde ich aber auch, dass es etwas Wunderbares sein kann, sein Ego zu überwinden und Teil einer Maschine zu sein. Dafür muss der Dirigent oder die Dirigentin natürlich sehr gut sein. Nummer zwei wäre wohl: Kommuniziere mit deiner Musik, siehe es niemals nur als Selbstausdruck. Ich glaube, das sollten wir im Kopf behalten. Ich glaube außerdem, für manche wäre es das Beste, nie wieder klassische Musik zu spielen. Manchmal steckst du mitten in einem System und dann wachst du auf und denkst: Das ist nicht meins. Oder nicht mehr meins. Und wenn Dein Instinkt Dir sagt, lass los, dann lass los.

Mir ist das mit der Geige recht früh passiert, als ich 16 war. Ich war auf dem Weg, eine klassische Geigerin zu werden. Ich habe dann urplötzlich mit allem aufgehört und der Grund dafür war, dass mir bewusst wurde, dass ich nie etwas anderes lernen werde, wenn ich diesen Weg weitergehe. Aber ich wollte ein Leben, das ich fühlen kann. Der wahre Grund war wohl, dass ich nie gut genug war, um Solistin werden zu können. Aufzuhören war sehr radikal für mich, wie von einer Klippe zu springen! Denn ich habe es geliebt und es war ja seit dem sechsten Lebensjahr mein Leben. Irgendwann habe ich verstanden, dass diese Jahre des Übens dafür da waren, mein Bewusstsein zu öffnen und meine Ohren zu formen. ¶

Elisa Erkelenz

... hat französische und deutsche Literatur sowie Kulturmanagement in Bonn, Paris und Hamburg studiert. Heute arbeitet sie als freie Journalistin, Kuratorin und Dramaturgin im Bereich klassischer Musik. Unter anderem ist sie für die Donaueschinger Musiktage oder die Elbphilharmonie tätig, kuratiert die Philosophiereihe »Bunkersalon« mit dem Ensemble Resonanz, entwickelt die globale Konzertreihe »Outernational« und schreibt für das VAN Magazin.