Deutschlandfunk Kultur und sein neues »Handbuch Stilistik«

Text und · Titelbild Herr Olsen (CC BY-NC 2.0) · Datum 27.2.2019

Aktuell kursiert beim Kulturradio des Deutschlandfunks das »Handbuch Stilistik«: ein Dokument, das allen Redakteuren, Moderatorinnen und Autoren des Tagesprogramms zum Beispiel erklärt, wie sie in Zukunft das Publikum ansprechen, Musik ein- und ausblenden oder an- und abmoderieren sollen, und welcher Duktus, welche Haltung und Sprechweise dabei grundsätzlich gewünscht sind. Die Vorgaben sind für alle Sendungen verbindlich, das Dokument liegt VAN vor.

»Wenn wir in der digitalen Welt mit ihrer starken Ausdifferenzierung und Konkurrenz überleben wollen…«, so beginnt das Papier, und die Angstperspektive verleiht allem nun Folgenden den Charakter des Überlebensnotwendigen.

Aus dem Klammergriff des Legitimationsdrucks befreien möchte sich der Deutschlandfunk mit dem Motto: Bloß nicht irritieren! Denn die Musterhörerin Susanne Wagner (49 Jahre, Patchwork-Mutter, Nachhaltigkeitsfan, in Leipzig geborene und nun in Frankfurt am Main lebende Architektin auf dem zweiten Bildungsweg) ist zwar »weltoffen«, »neugierig, sehr selbstbewusst und angstfrei« und hat »einen sehr weiten, modernen Kulturbegriff«, überrascht werden möchte sie aber nur ungern. Besonders nicht mit verstörenden musikalischen Hörerfahrungen. Unter der Rubrik »II. Wer sind wir?« heißt es zur Musikauswahl:

»Der Musikgeschmack unserer Zielgruppen ist so ausdifferenziert bzw. unterschiedlich, dass das Repertoire eine breite Grundlage bilden muss, die im Tagesprogramm keine Abschaltfaktoren enthalten darf. Abschaltfaktoren sind u.a. Schlager, Balkan-Pop, Klassik.«

»Abschaltfaktor« ist dabei vermutlich mehr als nur ein Sprachunfall. Die Wortwahl passt zu einer Entwicklung, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk schon viele Jahre andauert und eine klare Linie verfolgt. »Klassik« befindet sich dort in einem langen aussichtslosen Rückzugsgefecht gegen Sparmaßnahmen, es erfolgen Reformen zugunsten einer besseren »Durchhörbarkeit«, Klangkörper fusionieren. Bei ARD und ZDF findet »klassische Musik« jenseits von Echo/Opus-Verleihung, Neujahrs- oder Sylvesterkonzert kaum noch statt – und noch seltener ohne aufmerksamkeitsheischende Starfixierung.

DLF Kultur richtet sein Programm »an den ›Modernen Etablierten‹ (Ø-Alter 37 Jahre), ›Hochkulturorientierten‹ (Ø-Alter 62 Jahre) und den Teil der ›Familienorientierten‹ (Ø-Alter 44 Jahre), denen der Mainstream zu wenig ist.« Dass diese Zielgruppe bei »Klassik« eher abschaltet, dafür liegen dem Sender vermutlich valide Daten aus Media-Analyse und Hörerbefragungen vor. Die Programmanpassungen, die mit Statistik und Quote legitimiert werden, betreffen oft und vor allem die Musik. Zugrunde liegt die Hypothese, dass musikalische Hörgewohnheiten gleichzeitig so ausdifferenziert und so festgefahren sind, dass der Hörer keine ästhetische Frustrationstoleranz mehr aufbringt. Bei Politik und gesellschaftlichen Fragen gesteht man der Musterhörerin ein Interesse an einem »Blick über den Tellerrand« zu, um die »eigenen Lebenswelten mit denen anderer Kulturen abzugleichen«. Bei Musik hingegen wechselt sie bei einem Irritationsmoment schnell den Sender.

Aber selbst wenn bei Balkan-Pop und Schlager genauso viele wegschalten wie bei Klassik, macht das dann alle drei gleich? Der »Abschaltfaktor« ist der große Nivellierer, mit der man sich der anstrengenden Frage nach Gehalt und Qualität elegant entledigen kann. Schlager ist Schlager und Klassik Klassik und alles kann ins Kröpfchen. Das Tagesprogramm von DLF Kultur bewegt sich schon heute zwischen den vielschichtigen Wortbeiträgen musikalisch ziellos durch das Niemandsland des seichten Pop. Auf den begeisterten Musik-Aficionado egal welcher Genre-Couleur wirkt das eher abschreckend.

Dem Legitimationsdruck könne nur begegnet werden, indem man »mehr Hörerinnen und Nutzerinnen gewinnt«, heißt es im »Stilistik-Handbuch«. Allerdings geht es bei der Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk oft gar nicht um quantitative, sondern qualitative Fragen: darum, dass er als zu wenig flexibel, innovativ und risikobereit wahrgenommen wird, dass ein ängstlich angenommener Mehrheitsgeschmack verwaltet werden soll, was zu oft im ästhetischen Kompromiss endet. Woher stammt die Annahme, der Hörer wolle beim Radiokonsum vor allem weich fallen? (Wir kennen das schon aus anderen Sparten, zum Beispiel der Funkhaus-Europa-Reform von 2016.) Und, wenn es so wäre, müsste man ihm den weichen Fall auf jeden Fall garantieren? Stellt sich Legitimation über Masse ein, oder über Relevanz? Stellt sich Relevanz ein, indem man Irritation vermeidet?

Zugunsten einer besseren »Durchhörbarkeit« verbietet Deutschlandfunk Kultur klassische Musik zwischen den Wortbeiträgen im  Tagesprogramm. @vanmusik über den »Abschaltfaktor Klassik«.

Der Deutschlandfunk sieht sein Alleinstellungsmerkmal im hintergründigen analytischen Wort. Tatsächlich gibt es gerade bei DLF Kultur viele Musikjournalisten, die über die klassische Musikkultur scharfsinnig und gut informiert berichten, und damit Debatten prägen. Dass hausintern die Musik, aus der sich dieser Diskurs speist, als Abschaltfaktor bezeichnet wird, macht ihre Arbeit umso ehrenvoller. Und es entsteht das Paradoxon, dass in der Musik und deren Umgebung offensichtlich Diskutierwürdiges stattfindet, obwohl sie selbst nur zum Abschalten ist. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.