Über den Irrtum, dass klassische Musik einen zum besseren Menschen macht. Der vierte Teil einer kleinen Serie über klassische Tonspuren im Film.

Text · Titelbild Khánh Hmoong (CC BY-NC 2.0) · Datum 11.4.2018

Die Verbindung von Ästhetik und Moral hat sich aus einer langen europäische Denktradition heraus entwickelt. Seit der Antike existiert die Vorstellung der Einheit von Wahrem, Guten und Schönen in einer Person als erstrebenswerte Charaktereigenschaft, bei Platon und Plotin als Kalokagathia, später als die ›Schöne Seele‹. Mit Schiller wird die Idee einer Vervollkommnung zur harmonischen Menschlichkeit das Ziel der ästhetischen Erziehung. Die Denkfigur lautet, dass der Mensch in der Auseinandersetzung mit Schönheit, Kunst und Kultur zu einem kultivierten, moralisch guten Menschen wird. Jonathan Demme führt im Schweigen der Lämmer diese Schönheit und Kultiviertheit als etwas vor, das lediglich als zerbrechliche Schicht über einer grausamen Realität liegt.

Der Protagonist des Films, der kluge Serienmörder und gebildete Psychopath Hannibal Lecter, befindet sich unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen in Haft. Die erste Einstellung zeigt einen Kassettenrekorder, aus dem sowohl der Protagonist als auch der Zuschauer den zweiten Teil des Themas von Bachs Goldberg-Variationen hört. Daneben liegen Bleistiftzeichnungen, ein Gedichtband und eine Kochzeitschrift. Lecter sitzt hinter einem Vorhang, die Augen geschlossen und in die Musik vertieft, als die Gefängniswärter sein zweites Abendessen, Lammkoteletts, bringen. Aus jeder Einstellung, jedem Klang, jedem Wort und jeder Geste spricht die Kultiviertheit der Person, die hinter Gittern sitzt. Wenn Schiller die schöne Seele als etwas beschreibt, »wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonisieren, und Grazie ihr Ausdruck in der Erscheinung ist«, dann trifft diese Beschreibung ziemlich genau auf die Wirkung des kannibalischen Mörders zu. Dieser clevere Lecter, den Wärtern um Längen überlegen, nutzt die Situation, um auszubrechen. Während er mit der Kugelschreibermine die Handschellen hinter seinem Rücken öffnet, bewegen sich seine Lippen zur Musik. Es scheint als sei er in Gedanken ganz bei Bach, bei der Schönheit der Musik.

Der folgende Gewaltausbruch bewegt sich jenseits dieser kultivierten Welt. Der Gefangene überwältigt effizient und brutal die Wächter, untermalt mit martialischen Orchesterklängen. Die Tonspur wechselt von Bach aus dem Kassettenrecorder hin zu einer deskriptiven Filmmusik, die die Entrücktheit des Gewalttäters illustriert und lässt die glatte Oberfläche der Kultiviertheit bersten.

Ebenso unvermittelt wie sie aufgebrochen ist, legt sich die Decke der Musik wieder über die Gefängniszelle. Im Hintergrund das Schlachtfeld, lauscht Lecter noch einigen Takten Bach, bewegt die Hand sanft zur Musik, bevor er sich abwendet, ein Klappmesser einsteckt und die Gefängniszelle ruhig und gefasst verlässt.

Die schlaflosen Nächte des Grafen Keyserlingk, die mit Hilfe von Klavierstücken verkürzt und aufgeheitert werden sollten, gehören zu den bekanntesten Legenden der klassischen Musik. Bach glaubte, so der anekdotische Bericht des Musikforschers Forkel, diesen Wunsch am besten durch Variationen erfüllen zu können. Nach dem nächtlich spielenden Cembalisten Goldberg wurden die Variationen im Laufe des 19. Jahrhunderts benannt. Forkels zweifelhafte Anekdote zeigt, wie die Arbeit Bachs mit romantischen Ideen und Idealen des 19. Jahrhunderts überdeckt wurde.


Der Irrtum, dass klassische Musik einen zum besseren Menschen macht, Hannibal Lecter und die Goldberg-Variationen in @vanmusik.

Zweifelsohne stellt diese Musik einen Höhepunkt der barocken Variationskunst dar. Die planvolle und kunstfertige Komposition Bachs ist wie ein Prototyp des Wahren, Schönen und Guten. Mit den Goldberg-Variationen statuiert Demme ein Exempel, das sich ohne weiteres auch auf andere Kunstmusiken übertragen ließe: Einer der größten Irrtümer der europäischen Kulturgeschichte ist die Idee, dass Kunst und Kultur, Bildung im humanistisch-idealistischen Sinne, die Menschen prinzipiell zu guten Menschen macht. ¶