VAN: In deinem Buch beschäftigst du dich mit Skandalen in der und um die Neue Musik. Wie bist du darauf gekommen?

Anna Schürmer: Ich hatte schon länger die Beobachtung gemacht, dass in der Neuen Musik – ob es große oder kleine Aufführungen sind – bis heute dieser Provokationsgedanke spürbar ist. Buhrufe, Türenschlagen, Handgemenge, Kontroversen und vernichtende Kritiken sind konstante Begleiter der musikalischen Avantgarden seit dem frühen 20. Jahrhundert. Und da ich sowohl studierte Historikerin als auch Musikwissenschaftlerin bin, hat mich dieses vielschichtige Phänomen des Eklats im Musikleben gereizt. Ein Konzertsaal ist ja eine Art öffentlicher Versammlungsort. Und wenn sich dort die Gemüter erhitzen, ist das wie eine kleine Laborsituation der Gesellschaft und ihrer aktuellen Debatten: Worüber regen sich die Menschen wann auf, und warum?

Ich verwende übrigens bewusst den Begriff ›Eklat‹, da er sehr viel schillernder ist als ›Skandal‹. Das französische Wort ›éclat‹ bedeutet ›Knall‹, ›Sprengung‹ oder ›Splitter‹ und ich finde, diese Begriffe treffen die Eigenart solcher Störfälle sehr genau: Ein Eklat ist ein Moment, der eine besondere Intensität und Ausstrahlungskraft besitzt, der uns packt und mitreißt, und in dem sich polarisierende Kräfte entladen. Und gerade Musik ist ja diese Kunstform, vor der man nicht flüchten kann, wenn man im Konzertsaal sitzt. Wenn einer ›Buh!‹ ruft und der nächste ruft ›Bravo!‹, dann gibt es häufig diesen Dominoeffekt: Alle steigen mit ein und die Situation eskaliert.


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