Über die Bewertung künstlerischer Prüfungen an Musikhochschulen.

Text · Titelbild chuttersnap via Unsplash · Datum 17.7.2019

Die Gesichter noch blasser, die Augenringe tiefer, die Schlangen vor Überäumen länger. Der Kaffeekonsum steigt, der Alkoholkonsum sowieso, zum Feiern oder Vergessen. An vielen Musikhochschulen ist gerade Prüfungszeit.Hochschulprüfungen bilden immer nur die jeweilige Tagesform des Prüflings ab, man kann Glück oder Pech mit dem abgefragten Stoff haben, Bewertungen sind häufig (wenn man nicht gerade Analysis II schreibt) subjektiv. Gerade die Benotung künstlerischer Prüfungen scheint aber oft besonders undurchsichtig.Die Soziologin Rosa Reitsamer hat darum zusammen mit Rainer Prokop im Rahmen einer qualitativen Studie über einen Zeitraum von 3 Jahren über 50 Lehrkräfte an 4 Musikhochschulen in Deutschland und Österreich zu ihren Bewertungskriterien bei künstlerischen Prüfungen befragt. Dazu wurden die Performances einiger Studierender bei Klassenabenden und im Einzelunterricht gefilmt und im Anschluss mit den Proband*innen, den Lehrkräften diskutiert. Der Fokus lag dabei auf Studiengängen, in denen klassische westliche Kunstmusik im Zentrum steht. Die Ergebnisse werden voraussichtlich Ende 2020 in Buchform erscheinen. Rosa Reitsamer gibt mir aber schon jetzt telefonisch einige Einblicke.

VAN: Lassen sich die Bewertungskriterien in künstlerischen Prüfungen überhaupt vergleichen? Oder sind die total unterschiedlich?

Reitsamer: Uns hat überrascht, wie ähnlich die Kriterien sind, die die Lehrenden an den vier Musikhochschulen, die wir untersucht haben, für die Bewertung von musikalischen Leistungen anwenden – wenngleich sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Für alle Lehrenden gleichermaßen wichtig sind handwerklich-technische Fertigkeiten am Instrument.

Für sehr viele Lehrende ist es auch wichtig, dass die Studierenden zunächst bei der Zulassungsprüfung und dann im Verlauf des Studiums zeigen, dass sie etwas von der Musik verstehen, die sie spielen. Und dass sie den Willen haben, sich mit Musik auszudrücken und mit dem Publikum in einen Dialog zu treten.

Und wie bewertet man so einen Willen? Ist das von außen überhaupt zu beurteilen?

Wie bei jeder sehr spezifischen Profession gibt es auch in der Musik Bewertungskriterien, die sich für Außenstehende nicht auf den ersten Blick erschließen. Wenn eine Person eine Beethoven-Klaviersonate spielt, richteten die Lehrenden ihren Blick unter anderem darauf, ob die Person die musikalischen Strukturen des Stücks verstanden hat und weiß, wie das Stück zu interpretieren ist.

Hätte es dafür nicht auch gereicht, mit den Lehrkräften Audioaufnahmen anzuhören?

Die Lehrenden erkennen die Stärken und Schwächen der Studierenden, wenn sie deren Körperhaltung beim Singen oder beim Spielen eines Instruments stehen. Aber sie bewerten ja auch, wie eine Person auf die Bühne geht, wie sie sich verbeugt – auch das spielt eine Rolle und die Lehrenden haben teilweise auch sehr konkrete Vorstellungen darüber, wie diese vermeintlich nebensächlichen Handlungen auszusehen haben.

Das ist aber ja schon sehr außermusikalisch.

Die Interaktion mit dem Instrument, die Körperhaltung beim Singen und die Atmung beeinflussen die Klangerzeugung ganz entscheidend. Der Körper spielt die Musik, und es ist auch der Körper, das Körpergedächtnis, das durch ständiges Wiederholen trainiert wird. Der Körper steht beim Musizieren, ebenso wie beim Sport, unweigerlich im Zentrum.

Ich habe oft das Gefühl, dass den Lehrkräften gar nicht so klar ist, wie sehr es um Körper geht in der Bewertung. Es wird so getan, als wäre Musik eine Kunst, die körperlos im Raum steht, die man genauso gut anhand einer Audioaufnahme beurteilen könnte. Aber eigentlich geht es die ganze Zeit um Körper.

Die Lehrenden sprechen bei der Beurteilung der musikalischen Leistungen der Studierenden ununterbrochen über den Körper. Was der Körper macht, wie die Haltung ist, wie man atmet … Das wird ja auch im Unterricht fortwährend korrigiert.

Aber ist den Lehrenden das auch bewusst?

Wenn man die Lehrenden fragen würde, ob sie die Körperhaltung beurteilen oder das, was sie hören, würden einige möglicherweise sagen: letzteres. Wenn man dann länger mit ihnen spricht, merkt man aber, dass der Körper im Mittelpunkt steht.

Sie haben eben gesagt, dass die Bewertungskriterien an allen vier Hochschulen recht ähnlich waren. Welche waren das denn?

Zu den Bewertungskriterien zählen beispielsweise handwerklich-technische Fertigkeiten; Bühnenpräsenz; der Wille, sich mit Musik ausdrücken zu wollen; ein Verständnis von Musikstücken und musikalischen Strukturen; Repertoirekenntnisse; aber auch die Fähigkeit, sich selbst oder anderen im Ensemble beim Musizieren zuzuhören. Und dann sprechen die Lehrenden zudem sehr viel über Talent, Begabung und Musikalität.

Und wie transparent und vergleichbar sind diese Kriterien?

Die Kriterien, die ich gerade genannt habe, teilen eigentlich alle über fünfzig Lehrenden, die wir befragt haben, mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Wie transparent diese Kriterien für die Studierenden sind, haben wir noch nicht erforscht. Wir arbeiten gerade an einer Studie über die Werdegänge von klassisch ausgebildeten Musikern und Musikerinnen und im Zuge dessen fragen wir auch nach diesem Aspekt.

Die Lehrenden, die wir interviewt haben, haben am Ende des Interviews gesagt, dass sie es als sehr positiv empfunden haben. Sie waren im Gespräch ja gezwungen, viele Aspekte ihrer Bewertungspraxis zu explizieren, die für sie und ihre Kollegen und Kolleginnen selbstverständlich erscheinen und die darum unausgesprochen bleiben, aber die sie gegenüber uns Soziologinnen und Soziologen genauer erklären mussten. Bei der Bewertung eines Klavierklassenabends ging es zum Beispiel sehr explizit um die Hand- und Fingerhaltung der einzelnen Personen und was man daran erkennen kann, also dass beispielsweise die Bewegungsfreiheit des linken Arms etwas eingeschränkt war. Einen solchen Aspekt würden die Lehrenden bei einer Prüfung gegenüber ihren Kollegen und Kolleginnen wohl eher nicht sagen, weil sie davon ausgehen, dass es ohnehin alle sehen und auch hören. Wenn dieser unausgesprochene Common Sense zwischen den Lehrenden dann mal expliziert wird, kann das einen Reflexionsprozess über die eigene Bewertungspraxis in Gang setzen. Es gibt zahlreiche Lehrkräfte, die sehr positiv auf unsere Vorträge reagiert haben und die meinten, dass sie ihre eigene Bewertungspraxis nochmals überdenken wollen – beispielsweise in Bezug auf Transparenz oder die Diversität der Studierenden, die die Aufnahmeprüfungen an einer Musikhochschule bestehen.

Es gibt aber trotzdem eine Unsicherheit und eine Restgröße, die sich nicht verbalisieren lässt. Bei der Beurteilung von künstlerischen Leistungen bleibt immer etwas, das sich in Wörtern nicht ausdrücken lässt, aber das kann unterm Strich möglicherweise den Ausschlag für eine bessere Note oder eine bestandene Zulassungsprüfung sein. Vor allem bei Zulassungsprüfungen sind die Lehrenden ja auch aufgefordert, das künstlerische Entwicklungspotenzial einer Bewerberin oder eines Bewerbers einzuschätzen und zahlreiche Lehrende sagten, dass die Möglichkeit, sich zu täuschen, immer gegeben ist.

Wurden in der Studie auch andere Bewertungsmöglichkeiten diskutiert?

Ganz viele Lehrende sagten, sie würden Abschlussprüfungen nicht mit Noten, sondern mit bestanden, mit Auszeichnung bestanden und nicht bestanden beurteilen wollen. Viele halten Noten nicht für sinnvoll, weil die Abgänger und Abgängerinnen ja daran bewertet würden, wie sie ihr Instrument beherrschen und nicht welche Note im Abschlusszeugnis steht. Hinzu kommt, dass die Notenfindung sich teilweise auch schwierig gestalten kann, wenn sich die Lehrenden in den Prüfungskommissionen nicht einig sind und sie daher lieber auf die Notengebung verzichten würden.

»Ganz viele Lehrende würden Abschlussprüfungen lieber nicht mit Noten, sondern mit ›bestanden‹, ›mit Auszeichnung bestanden‹ und ›nicht bestanden‹ beurteilen.« Eine Studie über die Bewertung künstlerischer Prüfungen an Musikhochschulen in @vanmusik.

Ich kenne Musikstudierende, die nicht das Gefühl haben, offen gegenüber der Lehrperson sein zu können, wenn es zum Beispiel darum geht, Grenzen zu kommunizieren oder eine andere Meinung zu vertreten, weil sie fürchten, dass sich das negativ auf Prüfungen bei denselben Lehrkräften auswirken könnte.

Einige Lehrkräfte haben gesagt, es wäre ihnen lieber, wenn sie ihre Studierenden bei der Abschlussprüfung nicht bewerten müssten. Aber klar, Musikkonservatorien sind von Hierarchien zwischen Lehrenden und Studierenden durch das Meisterklassensystem geprägt, das sehr tief in unserer Vorstellung verankert ist, wenn es darum geht, wie ein angemessener Musikunterricht aussehen soll. ¶

Rosa Reitsamer und Rainer Prokop organisieren vom 27. bis 29. Februar 2020 die Konferenz »Creative Identities in Transition: Higher Music Education & Employabilitiy in the 21st Century« an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Der Call for Papers läuft noch bis zum 6. Oktober 2019.

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN.