Das Duo Jatekok begleitet Rammstein auf ihrer ersten Stadiontour.

Text · Titelbild Patrick S. (CC BY-NC 2.0) · Datum 10.7.2019

1.779 Kommentare hat der Facebook-Post, mit dem Rammstein am 23. Mai das französische Klavierduo Jatekok als Support Act für ihre aktuelle Stadiontour ankündigten. Manch ein Fan sah seine Loyalität zur Band daraufhin auf eine harte Probe gestellt. »Are they trying to make us all sleep before they come on?«, fragt Victoria. »When I’m going to a metal concert I expect all the bands to play metal!!«, krittelt Sigbjørn, »Piano becomes metal when you play Rammstein on it«, beschwichtigt Andy, »Will the piano burn?«, erkundigt sich Pisza.»Es gibt aber auch sehr positive Rückmeldungen. Viele Fans schreiben uns, fragen nach den Noten oder ob wir ein Album mit den Klavierversionen der Songs aufnehmen«, erzählt Naïri Badal. Wir sitzen zusammen mit ihrer Duo-Partnerin Adélaïde Panaget auf einer Rasenfläche vor dem Hannoveraner Niedersachsenstadion. Gerade haben sie drinnen ihren Soundcheck beendet, in zwei Stunden werden sie im ausverkauften Stadion ihr einstündiges Set beginnen. Ein vierhändiges Rammstein-Best-of, Mein Herz brennt, Sonne, Engel, Frühling in Paris. In Hannover werden dann über 40.000 zuhören, vor ein paar Tagen in Berlin waren es über 70.000. Um uns herum: Rammstein-Tattoos auf allen Körperteilen, Rammstein-Songs aus allen Rohren, Rammstein-Binge-Buying an den offiziellen Merchandising Ständen. Irgendwo muss er sich ja Bahn brechen, der Rausch der Vorfreude, der über das Gelände zieht wie eine träge bekiffte Wolke.Benannt haben sich Naïri und Adélaïde nach György Kurtags Klavierminiaturenzyklus Játékok. Die beiden lernten sich mit zehn an eine Pariser Musikschule kennen, blieben in Kontakt, studierten später am Pariser Konservatorium bei Brigitte Engerer und Nicholas Angelich. Einige Wettbewerbserfolge als Duo ermutigten sie, ab 2007 in dieser Formation weiterzumachen. »Wir waren begeistert vom dem Repertoire, das es zu entdecken gab, vor allem das Orchester-Repertoire, Sacre du printemps, Rapsodie espagnole, während man als Klaviersolist meist dieselben Sachen spielt.« Jetzt also Support auf Rammsteins erster Stadiontournee, die hierzulande das für die Band typische bipolare Hintergrundrauschen begleitet: überbordende Euphorie bei den Fans (alle Konzerte binnen Minuten ausverkauft, verzweifelte Fans in den Warteschleifen des Ticketshops, Rekordverkäufe des neuen Albums) trifft auf Diskursfeuer im Feuilleton: Ist es Ernst, oder wollen sie nur spielen? (Zum Einpendeln empfiehlt der Autor Die Sendung mit Rammstein-Keyboarder Flake auf Radio Eins, eine Perle der Radiokunst). Das Duo Jatekok wirkt hingegen schon jetzt erstaunlich tiefenentspannt.

VAN: Ihr habt vor zwei Jahren das erste Mal drei Rammstein-Konzerte in Nîmes eröffnet. Kanntet ihr die Band vorher?

Adélaïde Panaget: Nein, als der Anruf kam, dachten wir: ›Okay, wer ist Rammstein?‹

Was war damals die erste Reaktion, als Ihr Euch die Musik angehört habt?

Adélaïde Panaget: ›Oh mein Gott, was ist das?‹ [lacht] Aber es war auf Anhieb eine ziemlich interessante Vorstellung, diese Art von Musik vor ihren eigenen Fans zu spielen.

Naïri Badal: Ich hatte vorher nie wirklich Metal gehört, kannte nur System of a Down und Metallica. Aber ich habe die Musik sofort sehr gemocht.

Es gibt ein Best-of-Album mit Rammstein-Songs für Klavier. Basieren Eure Arrangements darauf?

Adélaïde Panaget: In Nîmes war das noch so, dort hatten wir auch nur einen Flügel zur Verfügung, den wir präpariert haben. Für diese Stadiontour wollten wir aber unbedingt auf zwei Klavieren spielen und haben einen Freund gebeten, die Noten dafür umzuschreiben. Nur schade, dass wir nicht zwei Flügel zur Verfügung haben [die beiden spielen auf der Bühne zwei E-Pianos der Firma Alpha]. Da wir auf der B-Stage spielen, wäre es etwas viel Aufwand gewesen, dort zwei Flügel hochzuhieven.

Wann habt ihr die Anfrage vom Rammstein-Management bekommen?

Adélaïde Panaget: Anfang Mai.

Wie habt ihr reagiert?

Naïri Badal: [schreit] Wir waren super glücklich, es ist eine Once-in-a-lifetime-Geschichte.

Adélaïde Panaget: In den größten Stadien Europas zu spielen, ist einfach unfassbar cool. Unser Traum war es immer, in den großen klassischen Konzertsälen aufzutreten. Jetzt fangen wir halt mit den Stadien an [lacht].

Ihr habt sofort zugesagt? Keine Bedenken?

Naïri Badal: Naja, ein bisschen überlegen mussten wir schon. Schließlich können wir drei Monate kaum üben, weil wir die ganze Zeit in Zügen und Flugzeugen unterwegs sind. Wir hatten auch andere Konzertverpflichtungen während des Sommers, weshalb uns ein befreundetes Klavierduo bei einigen Tourterminen ersetzt. Und es gab persönliche Projekte, die wir zurückstellen mussten. Aber am Ende war klar: Das ist eine einmalige Gelegenheit, wir müssen das machen. Wir lernen auch eine Menge.

Keine Angst, dass die Klassikwelt Euch in eine Crossover-Schublade steckt?

Naïri Badal: Klar, das ist schon eine Gefahr.

Adélaïde Panaget: Andererseits machen wir sonst nichts in die Richtung, es ist nicht so, dass wir jetzt auf einmal nur noch Crossover machen. Es ist eher ein kurzer Ausflug in eine andere Welt, für drei Monate. Danach haben wir immer noch unser ganzes Leben für die klassische Musik. Ich mache mir da nicht wirklich Sorgen.

Waren die Musikerkollegen neidisch?

Naïri Badal: Klar. [lacht] Die meisten sagten: ›Ihr seid verrückt, und habt verdammtes Schwein.‹

Seid ihr noch nervös? Ward ihr es je?

Naïri Badal: Beim Tourauftakt in Gelsenkirchen sehr, das war schrecklich. Wir waren noch nicht richtig vertraut mit dem Sound, den Klavieren, dem Monitoring, wussten nicht, wie das Publikum reagiert, wie wir es ansprechen und mit ihm interagieren sollten … Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt.

Kriegt ihr eigentlich viel mit vom Publikum?

Naïri Badal: Manchmal schon, es ist jedes Mal eine neue Entdeckung, wie unterschiedlich das Publikum reagiert. In Gelsenkirchen haben sie sich nicht so sehr für uns interessiert, die meisten haben einfach weiter ihr Bier getrunken. In Paris, Berlin und Dresden waren sie interessierter, haben zugehört und mitgesungen.

Habt ihr Angst gehabt vor der Reaktion des Publikums?

Naïri Badal: Beim ersten Mal schon.

Adélaïde Panaget: Mittlerweile fühlen wir uns sicherer, wir wissen, dass das Publikum okay ist mit dem was wir tun.

Naïri Badal: Ich glaube das Publikum akzeptiert uns auch deshalb, weil wir später mit Rammstein zusammen einen Song spielen.

Engel, in einer klavierbegleiteten A-Capella Version. War das die Idee der Band?

Adélaïde Panaget: Ja.

Naïri Badal: Es ist so etwas wie ein Approval der Band, wenn wir während der Show zurückkommen auf die Bühne und mit ihnen zusammenspielen. Das ist großartig für uns.

Die Social-Media-Reaktionen der Fans auf Euch sind sehr ambivalent, von starker Abneigung und Enttäuschung bis Neugierde.

Naïri Badal: Auf Youtube gibt es furchtbare Kommentare, das liegt vielleicht auch an dem Video, das wir ausgewählt haben, ein Konzertausschnitt des ersten Auftritts in Nîmes. Aber auf Facebook oder Instagram gibt es auch sehr positive und wertschätzende Rückmeldungen. Viele Fans schreiben uns, interessieren sich für unsere Arbeit, fragen nach den Noten oder ob wir ein Album mit den Klavierversionen der Songs aufnehmen. Wir wissen nicht, ob die Band das will, aber das wäre eine schöne Sache.

Kann man Eure eigenen Alben eigentlich beim Rammstein-Merchandising kaufen?

Naïri Badal: Wir haben unser Label schon gefragt, sie dort auszulegen. Irgendwie hat es noch nicht geklappt, wir müssen da nochmal mit ihnen reden.


Ein Rammstein-Crew-Mitglied kommt vorbei, umarmt die beiden.


Seid ihr integriert in den Tourtross, oder müsst ihr alles selbst organisieren?

Adélaïde Panaget: Eher letzteres. Die Band fliegt sowieso nach jedem Konzert zurück nach Berlin. Mittlerweile ist das okay, wir sind dadurch freier und können im Grunde zwischen den Konzerten machen was wir wollen. Aber am Anfang hat es uns überrascht. Es ist so eine große Organisation, eine komplett neue Welt, und wir wussten nicht, wie wir uns integrieren sollten, wir hatten nicht die richtigen Backstage-Pässe, wussten nicht genau, wer für was verantwortlich ist.

Naïri Badal: In der Klassikwelt sind wir es gewohnt, dass uns der Intendant eines Festivals persönlich abholt, wir zusammen essen gehen nach dem Konzert, es ist eine kleine Welt. Hier fühlten wir uns am Anfang ziemlich alleine. Mittlerweile ist es besser, wir kennen die Crew, im Grunde ist es wie eine große Familie.

Habt ihr viel Kontakt mit der Band?

Naïri Badal: Klar, wir haben gerade zusammen Mittag gegessen, manchmal sind wir auch im selben Hotel und frühstücken zusammen.

Wissen die, was ihr eigentlich macht?

Naïri Badal: Es fängt langsam an. [lacht]

Adélaïde Panaget: Tatsächlich haben sie uns gerade heute gefragt, was wir eigentlich sonst so für Konzerte spielen. [lacht] Ich würde ihnen gerne mal ein paar klassische Stücke vorspielen hier vor der Show. Am Anfang wollten wir in unserem Set auch Schubert oder Bach unterbringen, aber das war nicht möglich.

Ihr habt gesagt, dass ihr von der Professionalität lernt. Was zum Beispiel?

Naïri Badal: Es ist wie eine Mikrogesellschaft, supergut organisiert, jeder weiß genau, was er oder sie zu tun hat, alle sind wahnsinnig gut aufeinander eingespielt. Und die schiere Größe der ganzen Unternehmung ist natürlich krass. Hier in Hannover spielen wir ja nur einmal, die ganze Logistik, die Riesenbühne für einen Termin auf- und wieder abzubauen …

Adélaïde Panaget: Bei der Band selbst ist es wirklich interessant zu beobachten, wie sie arbeiten. Die ersten zehn Shows haben sie jedes Mal etwas Anderes ausprobiert, kleine Details, wie man sich auf der Bühne bewegt, die Setlist. Es ist nicht so, dass sie sagen, ›so ist es, und wir bewegen uns nicht‹, es ist die ganze Zeit work in progress. Von dieser Flexibilität können wir klassischen Musiker uns einiges abgucken.

Werdet ihr nach der Tour Entzugserscheinungen haben?

Naïri Badal: Es wird wahrscheinlich einen Moment der Depression geben, weil es das Ende von etwas Großem ist. Aber es geht dann weiter, es gibt neue Projekte, Aufnahmen.

Adélaïde Panaget: Ich vermisse mein Klavier schon, wir lieben es, auch vor 200 Leuten zu spielen, es ist etwas Anderes. Aber es ist schon verrückt, in einem Stadion zu spielen.

Was würdet ihr denn gerne mitnehmen zurück in die Klassikwelt?

Das jüngere Publikum.

Verfolgt Ihr die Kontroversen um die Band?

Naïri Badal: In Frankreich gab es auch eine Debatte wegen des Videoclips zu Deutschland. Sie provozieren, aber wir wissen, dass sie alles andere als Faschisten sind. Wenn sie es wären, säßen wir nicht hier.

Adélaïde Panaget: Genau zu dem Zeitpunkt, als die Einladung zur Tour kam, haben wir auch die ganzen Nachrichten zum Deutschland-Video gesehen und dachten ›Oh scheiße‹.

Naïri Badal: Ich fand das Video ehrlich gesagt überhaupt nicht problematisch, letztlich ist es eine Anerkennung der eigenen Geschichte. Als Armenierin würde ich mich freuen, wenn eine türkische Metal-Band so ein Video veröffentlicht und den Genozid an den Armeniern nicht leugnet.

Was war bisher der stressigste Moment?

Adélaïde Panaget: Manchmal hat das Klavier seine Aussetzer, das bringt das Adrenalin in Wallung.

Naïri Badal: Wir singen bei unserem Set auch ein Lied, Seemann, das war das erste Mal eine Herausforderung, weil wir keine Sängerinnen sind.

»Als der Anruf kam, dachten wir: ›Okay, wer ist Rammstein?‹« Das Duo Jatekok begleitet @RSprachrohr auf ihrer ersten Stadiontour. @vanmusik.

Und die lustigste Begebenheit?

Adélaïde Panaget: Als wir Frühling in Paris in Paris gespielt haben, haben sehr viele mitgesungen und ich war sehr glücklich. Wir integrieren da eine kleine Passage aus Edith Piafs Non, je ne regrette rien, ich war glücklich, dass das Publikum das erkannte. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.