Die Gesichter noch blasser, die Augenringe tiefer, die Schlangen vor Überäumen länger. Der Kaffeekonsum steigt, der Alkoholkonsum sowieso, zum Feiern oder Vergessen. An vielen Musikhochschulen ist gerade Prüfungszeit.Hochschulprüfungen bilden immer nur die jeweilige Tagesform des Prüflings ab, man kann Glück oder Pech mit dem abgefragten Stoff haben, Bewertungen sind häufig (wenn man nicht gerade Analysis II schreibt) subjektiv. Gerade die Benotung künstlerischer Prüfungen scheint aber oft besonders undurchsichtig.Die Soziologin Rosa Reitsamer hat darum zusammen mit Rainer Prokop im Rahmen einer qualitativen Studie über einen Zeitraum von 3 Jahren über 50 Lehrkräfte an 4 Musikhochschulen in Deutschland und Österreich zu ihren Bewertungskriterien bei künstlerischen Prüfungen befragt. Dazu wurden die Performances einiger Studierender bei Klassenabenden und im Einzelunterricht gefilmt und im Anschluss mit den Proband*innen, den Lehrkräften diskutiert. Der Fokus lag dabei auf Studiengängen, in denen klassische westliche Kunstmusik im Zentrum steht. Die Ergebnisse werden voraussichtlich Ende 2020 in Buchform erscheinen. Rosa Reitsamer gibt mir aber schon jetzt telefonisch einige Einblicke.
VAN: Lassen sich die Bewertungskriterien in künstlerischen Prüfungen überhaupt vergleichen? Oder sind die total unterschiedlich?
Reitsamer: Uns hat überrascht, wie ähnlich die Kriterien sind, die die Lehrenden an den vier Musikhochschulen, die wir untersucht haben, für die Bewertung von musikalischen Leistungen anwenden – wenngleich sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Für alle Lehrenden gleichermaßen wichtig sind handwerklich-technische Fertigkeiten am Instrument.

