Wenn in der Tora jemand von Gott angerufen wird, ist die Antwort häufig ein einziges Wort: Hineni. Es ist das Wort, mit dem Abraham auf Gottes Auftrag reagiert, seinen Sohn Isaak zu opfern, und das er wiederholt, wenn er in letzter Sekunde aufgehalten wird. Auch Moses sagt es, wenn er den brennenden Dornbusch erblickt. Im Hebräischen bedeutet Hineni »Hier bin ich«, aber es umfasst mehr als nur eine schlichte Ortsangabe. Das »Hier bin ich« beschreibt den Standort des Selbst in Zeit und Raum, ebenso aber auch in der emotionalen, spirituellen und moralischen Welt. Das Wort wird zu einer Art Leitmotiv: Wenn eine Person es äußert, ist klar, dass ihr ein tiefer Wandel bevorsteht – meist in Form einer Krise. Leonard Cohen platziert die Phrase prominent im Opener zu seinem letzten Album You Want It Darker. Mit Cohens Worten gesprochen, könnte Hineni hier die »rituelle Antwort auf eine ausweglose Situation« sein.

Der jüdische Kantor Gideon Zelermyer, der in dem Song ebenfalls singt, erklärte der Montreal Gazette 2016, der Sänger bewältigte so sein eigenes Leben angesichts seines nahenden Todes: »Ich denke, ›hineni‹ bezieht sich auf Leonard als jemanden, der eine Übereinkunft mit Gott sucht, der seine Bilanz im Buch des Lebens, dem Sefer Chajjim, zieht: Hier bin ich – ich bin bereit.« Es ist ein Dankgebet für die Erneuerung, für die Gnade, für das Verständnis der Kreise, in denen sich das Leben in diesem Universum vollzieht. Aber Cohen deutet an, dass das für ihn trotzdem kein Gang ins helle Licht der Erlösung ist, sondern darker.


Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.

Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv

VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.


Sie haben schon ein Abo?

… berichtet über Musik und Kunst für Paper, die Washington Post, NPR, Gramophone und andere. Sie war Teil der Redaktion bei Time Out New York und WQXR/Q2 Music. Auf der Bühne der Brooklyn Academy of Music konnte man ihre Texte auch schon hören – beim Next Wave Festival. Seit 2020 ist sie festes Mitglied der VAN Redaktion. olivia@van-verlag.com