Ich bin mir sicher, wir alle kommen, wenn wir genug klassische Musik gehört und auch noch etwas dazu gelesen haben, an den Punkt, an dem wir gewisse Komponist:innen einfach nicht mehr ertragen können. Ich bin in der Nähe von Boston aufgewachsen, und beim ewigen Auf- und Abfahren des Highway 95 im babyblauen Buick meines Großvaters machte mich der Lokalsender schon bald bekannt mit meinen musikalischen Moriarty: Georg Philipp Telemann. Ich lernte schnell, den Komponisten zielsicher zu identifizieren, wenn ich auf die Klassikwelle umschaltete und mitten in ein Stück hinein, das mich mit unnötiger Affektiertheit anödete.

Irgendwann aber können wir nur noch schwer sagen, warum genau wir die Musik, die wir hassen, eigentlich hassen. Mit einer anderen Facette des Komponisten hat mich 2012 eine Produktion von Telemanns Orpheus in der New York City Opera herumgekriegt. Was für mein 17-jähriges Ich fades Rokoko war, klang Jahre später (mit der richtigen Besetzung) nun satt, nuanciert und knackig. Was mir damals wie ein kitschiger Garten aus simplen Melodielinien schien, vollgestopft mit zurechtgestutzten Hecken und groteskem Blumenschmuck, war in Wirklichkeit ein dichtes Labyrinth aus buntem Herbstlaub voller Abzweigungen und Sackgassen. Diesem Gefühl habe ich bei Telemann hinterhergejagt: endlich etwas fassen, das einem so lange entwischt ist.


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… berichtet über Musik und Kunst für Paper, die Washington Post, NPR, Gramophone und andere. Sie war Teil der Redaktion bei Time Out New York und WQXR/Q2 Music. Auf der Bühne der Brooklyn Academy of Music konnte man ihre Texte auch schon hören – beim Next Wave Festival. Seit 2020 ist sie festes Mitglied der VAN Redaktion. olivia@van-verlag.com