Wenn partizipativ organisierte Kollektive und die Junge Norddeutsche Philharmonie zusammen ein Festival erfinden.

Text · Titelbild © DETECT CLASSIC FESTIVAL · Datum 8.5.2019

Konstantin Udert von der Jungen Norddeutschen Philharmonie (jnp) und Joseph Varschen, Musiker, DJ und Veranstalter, stehen recht verloren in der riesigen Halle einer alten Torpedo-Versuchsanstalt am Tollensesee in Neubrandenburg. Vor dem inneren Auge: tanzende und lauschende Menschen, Bars, Nebel, verrückte Bretterkonstruktionen, die den Raum in eine fantastische Parallelwelt verwandeln, Musik irgendwo zwischen Techno und Schönberg. Vom 26. bis 28. Juli soll hier das Detect Classic Festival stattfinden, zum ersten Mal in Neubrandenburg.

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Wie man die Halle irgendwie gemütlich, familiär bekommt ist noch die Frage. Zum Glück sind für die Lösung dieses Problems nicht die beiden verantwortlich, sondern die Kollektive Jonny Knüppel und Werkstatttraum. Letztere beschreiben sich selbst als »selbstverwalteten, multidisziplinären, kreativen und kollaborativen Raum für Kunst- und Kulturgeschehen in Kreuzberg 36«.Den Kontakt zu den Kollektiven hat Joseph hergestellt. Bei Detect ist er außerdem für das Booking, insbesondere für den Bereich der elektronischen Musik, zuständig. Ansonsten arbeitet er als Techno DJ, ist Teil der electronica live Band AFAR, Filmmusiker und Mitveranstalter zahlloser Open Airs und Raves. Jetzt zerbricht er sich den Kopf über Essensstände, Bühnen und Safe Spaces in den Räumen der 1941–42 erbauten Torpedotestanstalt, in der später zu DDR-Zeiten Panzer repariert wurden. Ist das der passende Ort für ein Festival? »Wir gehen an den Randbereich, die alte Rüstungsfabrik, die diese Transformation ganz dringend braucht«, erklärt Joseph. »Ein Schlosspark oder eine Bibliothek brauchen die Transformation nicht, eine alte Torpedofabrik schon.«

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Drei Floors wollen die Kollektive erschaffen, einen draußen und zwei drinnen. Spielen sollen hier neben der jnp unter anderem Burnt Friedman, Cats & Breakkies, das Ensemble Reflektor, INIT, M.Rux, O/Y, Yatao, Pulsar Collective und das Stegreif Orchester, more tba. Außerdem ist ein »Marktplatz« geplant und ein Raum für Diskussionen und Workshops. Einen kleinen Strand und eine nahegelegene Campingwiese gibt es sowieso, hier fehlen nur noch die Kompostklos.Enthusiastisch versponnen und verspielt klingt es, sobald über das Gelände und seine Verwandlung gesprochen wird, viel eher nach Fusion in Miniaturformat als nach den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, unter deren Flagge Detect in diesem Jahr vom Stapel läuft. Festspiel-Intendant Markus Fein lässt dem Detect-Team großen Freiraum und konzentriert sich auf die Lobbyarbeit: Er hat Detect 375.000€ vom Bund für die ersten drei Jahre in Neubrandenburg eingeworben, als Partner der ersten Stunde ist außerdem weiterhin die Aventis Foundation dabei.Bei unserer Ortsbegehung rotieren Konstantin und Joseph wild im eigenen kleinen Festival-Orbit. Bei der Rückreise holt uns die schnöde Realität aber dann doch schnell ein. Der RE nach Berlin fällt aus, das heißt: zwei Stunden warten am Bahnhof Neubrandenburg – genug Zeit also für ein Gespräch.

VAN: Wer braucht ein Festival mit klassischer Musik neben Elektronischem und Pop?

Konstantin Udert: Klassische Musik ist so exklusiv, wird so auf einen Sockel gestellt. Viele der 20- bis 40-jährigen sagen zu mir: ›Cool, dass du sowas machst, aber das ist nichts für mich.‹ Da tut es gut, wenn klassische Musik ein Stil unter mehreren ist. Wir wollen ein Festival machen, auf dem man von der Gemeinschaft getragen wird, wo alles passieren kann – auch klassische Musik.

©Jonny Knüppel
©Jonny Knüppel

Joseph Varschen: Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass man, wenn man klassische und elektronische Musik zusammenbringt, Klischees gegeneinander antreten lässt. Dass man nur die Oberflächen von zwei Dingen aufeinandertreffen lässt. Dass der DJ sagt, er hätte gerne einfach vier Streicher, die ein bisschen Hintergrundteppich in sein Techno-Set reinstreichen. Oder das Orchester sagt: ›Wäre geil, wenn da eine 909-Kick drunter liegt, wo jemand auf eine Drum Machine drückt.‹ Darauf kann man dramaturgisch schnell hereinfallen.

Man könnte vor allem dich, Konstantin, jetzt auch so verstehen: Wir streuen ein bisschen Pop und Techno um die klassische Musik herum, um die Jüngeren zu ködern, damit denen auch die Klassik schmeckt.

Konstantin: Wir haben als jnp 2016 auf dem Fuchsbau-Festival gespielt. Das war für uns ein kleiner Proof of Concept, dass es sich für das Publikum nicht komisch angefühlt hat, sondern ganz natürlich auf so einem Festival auch an klassischer Musik teilzunehmen. Wir geben uns wirklich Mühe, Detect nicht aus unserer Klassikecke zu denken, ›was müssen wir tun, damit die Leute den heiligen Gral finden und in den Tempel der Klassik aufsteigen?‹

Joseph: Beim Grabowsee-Festival [einem inoffiziellen Festival auf dem Gelände der alten Lungenheilanstalt, d. Red.] wurde das klassische Konzert [von Humboldts Studentischer Philharmonie, d. Red.] nicht groß angekündigt, dabei war das so eine Art Festival-Abschluss, alle andere Bühnen waren aus und das Konzert der einzige Programmpunkt, der noch lief. Es war etwas total Besonderes, dieses Publikum zu haben, das sonst keine Klassik-Konzerte besucht, vielleicht weil es sich in deren Setting nicht wohlfühlt, und das gleichzeitig auch gar nicht genau weiß, was klassische Konzerte beinhalten, und das dann in diesem Festivalkontext auf unerwartete Weise dort hineinzustoßen.

War das Konzert eigentlich komplett unverstärkt?

Joseph: Ja. Und es war Stecknadel-fallen-hören-Stimmung. Man hat gemerkt, dass die Spannung im Raum immer größer wurde. Alle haben auf die erste Pause gewartet, die lang genug ist, dass man ausrasten kann. Dort ist dann auch ein Applaus losgebrochen, der dermaßen heftig war, dass der Dirigent wirklich nur noch mit Tränen, die ihm über die Wangen liefen, weiterdirigieren konnte. Und das ist dann das Schöne, dass eben auch, um es, Konstantin, mit deinen Worten zu sagen, der heilige Gral der Popmusik, das Populär-Sein, das Abfeiern, das ausgelassene Feedback mit reinspielt. Dann wird es eine Win-Win-Situation für alle Welten.

Hätte man nach dem Tumult wieder die Stecknadel fallen hören?

Joseph: Ja! Das war total rührend für alle. Und gleichzeitig natürlich auch witzig, wenn die Leute im Frack auf der Bühne sitzen und im Publikum trägt jemand ein rosa Hasenkostüm.

Warum braucht man Kollektive, um ein Festival zu organisieren?

Joseph: Oh Gott, wo fange ich da an?

Am besten ganz vorne.

Joseph: Die Berliner Techno-Szene kommt aus der Subkultur. In den Wendejahren gab es viele leerstehende Gebäude, Freiräume, die genutzt wurden von Kulturkollektiven, von freien Künstlern, die dann mit der Musik Techno eine Ausdrucksform gefunden haben, um diese Räume zu bespielen – da sind wir jetzt in den 90er Jahren und Nullerjahren. Deswegen finden wir heute in Berlin noch eine sehr gut vernetzte Subkultur, die jetzt im Zuge der Stadtentwicklung bedroht ist und kleiner wird. Daraus ist in Deutschland auch eine besondere Festivalkultur erwachsen, weil die Kollektive, die vorher diese Freiräume der Stadt gestaltet haben, dann auch elektronische Festivals aus der Perspektive des Undergrounds initiiert haben. In der Schweiz zum Beispiel ist das anders, da stehen bei Festivals häufig große Sponsorings im Hintergrund. Dieses Festivalgefühl, dieses Underground-Gefühl, aus der freien Szene kommend, nicht aus der geförderten Kreativwirtschaft, wollen wir mit der Klassik zusammenbringen. Da war ziemlich schnell klar: Wenn wir ein Festival gestalten wollen, das sich nicht wie eine Messe anfühlen soll, weiße Pavillons, Messeteppich und Infostände, sondern wirklich wie eine kleine Parallelwelt, die aus sich selbst erwachsen ist, dann brauchen wir diese kreative Schaffenskraft der Kollektive. Beim Detect ist der Werktstatttraum aus Kreuzberg dabei, die haben diverse Festivals aufgebaut, zuletzt das oewerall Festival.

Das andere Kollektiv ist die Gruppe, die das Jonny Knüppel gemacht hat, einer der letzten Enklaven in Berlin für freie Subkultur, die letztes Jahr schließen musste, weil das Gelände nicht gehalten werden konnte. Deswegen gab es diese sehr gut laufende Gruppe, die mit allen Möglichkeiten und Kapazitäten im leeren Raum stand. Umso schöner ist es jetzt, denen das Detect in die Hände zu legen.

Das Jonny Knüppel – leider mittlerweile geschlossen. ©Jonny Knüppel
Das Jonny Knüppel – leider mittlerweile geschlossen. ©Jonny Knüppel

Konstantin: Wir haben ja eben darüber gesprochen: Machen wir jetzt rote Schleifchen um die klassische Musik, um Leute anzulocken und denen ein Produkt anzudrehen, was sie normalerweise nicht interessiert? Nein. Es geht darum, grundlegend Welten, Arbeitsweisen zusammenzubringen – auch Leidenschaft, die aus einem anderen Bereich kommt, auf dieses Festival zu holen. Diese Festival-Idee gehört ja niemandem. Wir haben da nur den Stein ins Wasser geworfen. Wir wollen kein jnp-Festival, sondern eins, das die gemeinsame Idee trägt und teilt. Diese Kollektive dabeizuhaben ist ein riesiger Schritt raus aus der Konzertlogik im Klassikbetrieb, bei der ich mich als Sender positioniere und sage: Hier, ganz tolles Konzert, ganz tolle Solisten und jetzt verkaufe ich das mit Marketing und PR an mein Publikum. Wir brauchen diese Kollektive ganz, ganz dringend um die Idee, dass jemand für jemand anderen eine Veranstaltung ausdenkt und produziert und dann fertig übergibt, zu überwinden.

Clasht es auch mal bei der Zusammenarbeit?

Konstantin: Klassische Musik ist einfach oft sehr gut subventioniert. Das Festival hier ist auch sehr gut gefördert. Wir nutzen die Förderung zum Beispiel, um einen sehr fairen Einstiegspreis zu ermöglichen dieses Jahr, 55 Euro plus 10 Euro für Camping. Wenn man aus einem Subkulturbereich kommt, ist erstmal Konsens, dass es keine Kohle gibt und man trotzdem was macht. Manchmal fangen aber mit dem Geld auch erst Probleme an – bestimmte Sachen können dann nicht gemacht werden, wenn man mit ihnen nicht auch einen bestimmten Standard erreicht. Da prallen einfach verschiedene Welten aufeinander, bei denen wir auch gucken müssen: Wie stellen wir Fairness für alle Beteiligten her? Wir können ja auch unmöglich jede geleistete Stunde bezahlen.

Joseph: Bei jeder Event-Organisation gibt es immer die, die aus Leidenschaft viel reingeben. Und dann gibt es Dienstleister, den, der den Flügel transportiert und stimmt, und der eben seinen Stundensatz kriegt. Aber das wird immer so sein. Und gleichzeitig wäre es eine tote Unternehmung, wenn es für alle nur ein Job wäre.

Konstantin: So was gibt es im kommerziellen Klassikbereich aber viel – Klassik-Open-Air am Gendarmenmarkt, ich glaube, kein einziger arbeitet da freiwillig. Das ist einfach ein Job.

Joseph: In der Festival-Landschaft im Elektronik-Bereich basiert fast alles auf ehrenamtlicher Arbeit. Der Großteil der Helfer arbeitet für das Festivalticket, kriegt, wenn man Glück hat, noch eine Essensmarke dazu. Aber dass das der Standard ist, macht die Sache nicht besser. Deswegen ist unser Ziel, auch in Zukunft daran zu arbeiten, dass sich alle damit gut fühlen und wissen, woran sie sind und wofür sie es machen. Für die Kollektive ist zum Beispiel besonders, dass dieses Festival sicher die nächsten drei Jahre hier stattfinden kann. Das ist eine total besondere Situation, weil man da für die Zukunft was gestalten kann.

Ein von Jonny Knüppel gestalteter Floor. ©Jonny Knüppel
Ein von Jonny Knüppel gestalteter Floor. ©Jonny Knüppel

Konstantin, wie trifft die jnp eigentlich Entscheidungen?

Konstantin: Ziemlich informell. Wenn’s hart auf hart kommt, entscheidet der Vorstand.

Hast du das Gefühl, die Zusammenarbeit mit basisdemokratisch arbeitenden Kollektiven verändert die Art, wie ihr euch als Orchester organisiert?

Konstantin: Wir haben über die Arbeit mit den Kollektiven Sachen gesehen, die wir vorher nicht so kannten, vielleicht gibt es da eine Übertragung. Vielleicht. Man kann ja als Orchester auch nicht jede Entscheidung basisdemokratisch treffen. Die jnp wird nur von freiwilligen Mitgliedern getragen. Darum ist die Responsivität auf die Anliegen unserer Projektteilnehmer sowieso sehr hoch, sonst würde es ja nicht funktionieren.

Was sagst du zu Leuten, die meinen: Eine Probe ist kein Ponyhof, künstlerische Exzellenz braucht einen gewissen Druck – als jemand, der für ein Orchester steht, in dem alle absolut freiwillig und ohne Gage mitspielen?

Konstantin: In unserem Fall ist das absoluter Schwachsinn. Niemand kommt zu uns, um sich seinen Sommer versauen zu lassen. Wir geben alle unser Bestes, wir wollen das alle, da muss man nicht mehr drücken. Auch abseits von unserem Orchester: Wenn ich jemanden behandle wie ein unartiges Kleinkind, wird dieser Mensch keine künstlerischen Entscheidungen treffen, sondern Angstentscheidungen. Das funktioniert für mich nicht.

Wie reagieren die klassischen Musiker*innen auf die Ansage, dass bei Detect gezeltet wird, machen die da mit?

Konstantin: Es ergibt nur Sinn, Künstler anzufragen, die auch auf das Festival kommen wollen. Es gibt auch auf dem Champions-League-Niveau Künstler, die genau auf sowas gewartet haben.

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Wie klima- oder umweltfreundlich wird Detect sein?

Konstantin: Wir sind extrem bemüht, haben uns Nachhaltigkeitskonzepte angeschaut und übernehmen das, was wir im ersten Jahr halt schaffen. Es gibt auch Workshops und Diskussionsrunden, in denen man sich auch damit auseinandersetzen kann.

Joseph: Wir sollten zum Beispiel auch in jedem Fall auf der Website anteasern, dass es sehr gut ausgebaute Radwege aus Berlin gibt – und nicht die Möglichkeit, nach Tegel zu fliegen. Die Macher und Gestalter dieses Festivals gehören zur ersten Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels mit voller Wucht zu spüren bekommen werden und gleichzeitig, denke ich, so offen und wach mit ihrer Umwelt sind, dass das ein Punkt auf der Agenda sein muss.

Konstantin: Das Festival funktioniert nicht ohne Qualität in der Musik. Und es funktioniert nicht, ohne Müllvermeidung, Mülltrennung, Anreise mitzudenken.

Joseph: Wenn man sich mal Messebau anguckt: Da wird massiv Material besorgt, alles muss irgendeine CI, die Farbe des Monats tragen und gleichzeitig basiert alles auf Plastikbesteck und ist extrem kurz gedacht. Bei uns ist es dagegen vollkommen normal, dass wir kein Plastikbesteck nutzen und dass nicht 40 weiße Pavillons gekauft werden, die man dann nachher wegschmeißt, dass es dafür aber Kompost-Klos gibt. Gleichzeitig sind wir noch weit davon entfernt, dass wir uns als Öko-Festival bezeichnen können.

Die @jnphilharmonie und zwei Berliner Kollektive planen in Neubrandenburg ein Festival mit Klassik, Techno, Pop, Industriehallen, Zeltplatz, Strand und Kompostklos. Eine Ortsbegehung in @vanmusik.

Auf dem Programm der Jungen Norddeutschen Philharmonie stehen für Detect John Adams’ Harmonielehre, Agon von Stravinsky, Webern, Schönberg, insgesamt kein Stück, das vor 1900 geschrieben wurde. Wie habt ihr das ausgewählt?

Konstantin: Das ist ein Programm, auf das wir total Bock haben. Die Webern- und Schönberg-Orchesterstücke sind in den üblichen Konzertprogrammen nicht so leicht unterzubringen. Bei Detect haben wir eine Carte Blanche, da können wir machen, worauf wir am meisten Lust haben. ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN.