Darf Don Giovanni in metoo-Zeiten faszinierend sein? Soll man es stehen lassen, wenn der Lutheraner Bach »Papst und Türken« als Gefährder vertont? Darf ein moderner Opernkomponist auch Terroristen singen lassen? Volker Hagedorn plädiert für ein komplexes Ja und die Mündigkeit des Publikums.
Neulich spielte ich als Bratscher mit in Johann Sebastian Bachs Kantate Gleich wie der Regen und Schnee vom Himmel fällt, mit vier Violas besetzt, grandioses, frühes Stück aus Weimar, mit einem Rezitativ, in dem sich die gläubige Seele vor »der Türken und des Papsts grausamen Mord und Lästerungen« bewahrt sehen will. So steht es in der Lutherschen Litanei, auf die Bachs Textdichter Neumeister zurückgriff. Bach, als orthoxer Lutheraner erzogen, wuchs zur Zeit eines »Türkenkriegs« auf, der vor seiner Geburt begonnen hatte und erst 1699 endete, und der Dreißigjährige Krieg hatte die Generation seiner Großeltern in Thüringen tief geprägt. Er vertonte also nicht nur Glaubensworte, sondern auch kollektive Erfahrungen. Dass er nicht gegen Katholiken und Muslime des 21. Jahrhunderts anschrieb, versteht sich von selbst. Wirklich?

