Topsanierte Bachstädte im Osten schrumpfen zu Seniorenresidenzen. Festivals helfen dagegen auch nicht. Wie wär’s mal mit einer Invasion?

Rollkoffer werden auf der ganzen Welt über Trottoirs und Straßen gezogen. Je nach Befüllung und Beräderung unterschiedlich, erzeugen sie das Grundrappeln der Gegenwart, den akustischen Schatten der Vernetzung. Normalerweise. Aber nicht in einer Stadt, bei deren Nennung Musikfreunde rund um den Planeten verklärt blicken und seufzen: »Die Brandenburgischen Konzerte! Die Violinsonaten … ach, Bach!« Köthen. Nein, wenn hier ein Rollkoffer rappelt, bedeutet es – dass ein Fremder die Stadt betreten hat. Dieser würde gern jemanden nach dem Weg zum Hotel fragen, anstatt sein Navi zu aktivieren, aber er sieht niemanden. Er kommt an etlichen Seniorenresidenzen vorbei, aus denen aber auch niemand herausschaut. Irgendwann taucht der unvermeidliche dicke frühverrentete Sechzigjährige mit dem Dackel auf, der einem freundlich weiterhilft. Mittlerweile trägt man den Koffer am Griff. Er stört sonst die Stille.

Köthen. Foto © Groundhopping Merseburg (CC BY-NC 2.0)
Köthen. Foto © Groundhopping Merseburg (CC BY-NC 2.0)

Und warum macht man sich auf den Weg in diese Stille, den nur der Dicke mit dem Dackel kreuzt? Weil man wissen will, wo die Musik herkommt. Das Schloss in Köthen steht ja noch. Hier wurden die Konzerte zuerst geprobt, gespielt, gehört, die jetzt alle kennen, rund um die Welt. Still war es ringsum überhaupt nicht. Welcher Lärm in einer Stadt von 3.000 Einwohnern herrschen kann, Schmiede, Karren, Baustellen! Als Bach da arbeitete, wurde Köthen um ein Drittel vergrößert, eine Dauerbaustelle, neue Stadtmauer, neue Promenade, schicke Häuser. Er wollte hier gar nicht weg, zu seiner zweiten Hochzeit besorgte er 325 Liter Wein für ein Fünftel seines Jahresgehalts … Natürlich wird die Musik, die er hier schrieb, immer wieder auch jetzt hier gespielt. Der Geigerin Midori dienen Stadt und Schloss, topsaniert, zur Kulisse ihrer neuen Bach-DVD und es gibt ein wunderbares kleines Bachfest, alle zwei Jahre. Aber danach ist die Stille der Stadt um so dichter, einmal noch durchfurcht von den Rollkoffern der Abreisenden.

Die Bachstadt Köthen verliert stetig Einwohner, etwa 6.000 seit der Wende, auf sieben Geburten kommen 16 Sterbefälle. Der Bachstadt Mühlhausen geht es nicht viel besser, auch sie wird von der Bertelsmann Stiftung dem »Demographietyp 9« zugeordnet, dem allerletzten: »stark schrumpfende Kommunen mit Anpassungsdruck«. Was tun mit all den hübschen leeren Orten? In Mühlhausen war Bach mit 21 Jahren, sehr energisch, und komponierte den Actus tragicus. Die Altstadt nebst Stadtmauer ist ein Traum. Den DDR-Funktionären fiel zu spät ein, dass man sie abreißen könnte, und als sie damit anfingen, hörte die DDR schon wieder auf. Danach wurde Mühlhausen so gut saniert, dass man dort Historienschinken drehen könnte, ohne vorher die Straßen abzusperren. Es ist ja fast niemand unterwegs. Man müsste nur ein paar Autos umparken und ein paar Ziegel an den Dächern lockern, die zu gut saniert sind. Aber wenn die Crew wieder abgezogen wäre, käme die Stille zurück.

Stille in Mühlhausen. Foto © Magnus Hagedorn (CC BY-SA 2.0)
Stille in Mühlhausen. Foto © Magnus Hagedorn (CC BY-SA 2.0)

Also, was tun? Heute ziehen 21-jährige wie Bach, die Kreativen, nicht nach Mühlhausen, sie verlassen solche Orte. Sie ziehen nach Berlin und gehen unter zwischen tausenden anderer Kreativer. Berlin platzt vor Neustartern, sie treten sich da auf die Füße und können die Mieten nicht bezahlen. Wenn aber all die Berliner Neustarter wirklich so dynamisch und kreativ sind, wie sie und alle Welt behaupten – warum ziehen nicht ein paar tausend von ihnen nebst Anhang nach Mühlhausen? Man könnte per Internet klären, welche Künstler, Musiker, Biobäcker, Bioklempner, Yogalehrer, Lyriker, Satiriker, Espressokocher und Expressionisten, Start-up-Fuzzis und App-Nerds, Kindergärtner, Komponisten und Kolumnisten und, natürlich, Organisten die mit historisch korrektem Kopfsteinpflaster belegten Gassen, die herrlichen Fachwerkhäuser bevölkern möchten. Man müsste natürlich die derzeit bereits oder noch vorhandenen Mühlhausener fragen, ob sie das gut finden. Man bräuchte einen extrem guten Organisator. Die erste gelungene Invasion Mühlhausens wurde von Heinrich dem Löwen durchgeführt, aber ob so einer der richtige wäre?

Ja, ja, die Utopien. Aber es wäre doch schön, wenn Rollkoffer auf Kopfsteinpflaster richtig nach Leben klänge und Bach sich vom Dauereinsatz als Ortsheiliger gründlich erholen könnte. Falls es klappt: Ich hätte da gern ein geräumiges Haus mit Garten, gern innerhalb der Stadtmauer für 700 kalt. ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016) und »Der Klang von Paris« (2019), ein weiteres Buch ist in progress.