Je mehr sich Kultur legitimieren muss, desto mehr wird gezählt. Besonders in der Klassik grassiert die Statistik. Wie viel Mozart, wie viel Avantgarde, wie viele Komponistinnen? Volker Hagedorn findet die Messwerte unmusikalisch.

Die Zauberflöte musste Platz eins räumen, Don Giovanni ist von sieben auf acht gerutscht. Auf der Plattform backtrack.com, die Angaben zu knapp 34.000 Konzerten, Ballettabenden, Opern im vergangenen Jahr auswertet, rangeln sich bei »top 20 operas« nun Verdi, Puccini und Bizet um die Spitzenplätze. Beim Smalltalk kann man dazu noch süffisant anmerken, dass die Titelheldinnen aller drei meistgespielten Opern allesamt so oder so Opfer der Geschlechterrollen im europäischen 19. Jahrhundert sind, ob sie nun durch Tuberkulose, Suizid oder Mord sterben. Was wiederum damit zu tun hat, dass ohnehin vier Fünftel aller Opern auf den Spielplänen mehr als hundert Jahre alt sind. Und da wird die Statistik dann doch interessant und kulturpolitisch brisant, denn: Muss das nicht anders werden? Moderner? Und mit viel mehr Komponistinnen?

Statistik! Seit Jahren zählen im »Musikbetrieb« alle wie die Kontoristen, Stück für Stück, habe ich auch schon gemacht. Wie viel Brahms wird gespielt gegenüber wie viel Berlioz, wie viele Komponisten ohne Sterbedatum schaffen es in Konzertsäle und Opernhäuser, wie viele davon sind weiblich? Wie steht es mit der »Auslastung«, wenn zur Brucknersinfonie ein Stück von Isabel Mundry kommt, und wie setzt sich das Publikum zusammen? Aus welchen Einkommensgruppen und Altersklassen? Von wo? »Würden Sie mir Ihre Postleitzahl sagen?« Soweit ist es noch nicht an der Konzertkasse, aber das kommt schon noch. Man kann ja alles in jede These einspeisen. Man könnte sicher belegen, dass sich bei mindestens drei unterscheidbaren Klangereignissen pro Sekunde das Durchschnittsalter der Hörer bei 72,2 Jahren einpegelt…

Ich frage mich inzwischen doch, ob Statistiken so viel Sinn und Sprengkraft haben, auch abgesehen vom hypnotisierten Blick auf die »Auslastung«, der bei vielen das Interesse an künstlerischen Prozessen ersetzt. Sicher – wer zum Beispiel bei »den« Orchestern Innovationsscheu wahrzunehmen glaubt, kann die nicht einfach mal gefühlt diagnostizieren, sondern muss zum Beispiel die Bruckners zählen. Aber damit ist nichts darüber gesagt, wie innovativ oder bräsig sie von Berlin bis Köln, von New York bis Tokyo gespielt werden. Und als Barockbratscher würde ich mir von niemandem sagen lassen, ich spielte zu viel Bach – ich bin froh, dass ich den überhaupt spielen kann und, ja doch, auch den Messias von Händel. Die Vorstellung, die Musik in Kirchen würde zu 50 Prozent auf ein Entstehungsdatum nach 1968 heraufgeregelt, wäre ein Albtraum.

Allerdings liegt das Niveau zeitgenössischer Sakralmusik schon wegen der aktuellen Kirchenlieder krass unter dem, was für das Musiktheater entsteht. So ist man geneigt, auf den ersten Blick dem Komponisten Moritz Eggert recht zu geben, der die deutschen Opernspielpläne durchzählte. In der vorletzten Spielzeit hätten von 444 Premieren nur 38 Stücken gegolten, die in den letzten 50 Jahren entstanden. Eggert forderte in der ZEIT »fifty-fifty«. Man solle sich mal ein Kino vorstellen, das zu 84 Prozent Filme bis zu den 1960ern zeigt. Aber: Ein Kino, das wie die Opernhäuser dem jüngsten Achtel seiner Geschichte sechzehn Prozent einräumt, würde zu 84 Prozent Filme bis ca. 2004 spielen, den ganzen Fellini plus Fluch der Karibik… Ich wäre glücklich über so ein Kino!

Schön und fair war der »Echo« nie, aber keiner lehnte den Preis ab. Jetzt wird er geopfert – nach Entgleisungen, in denen sich gesellschaftliche Vorgänge spiegeln. Volker Hagedorn sieht da viel Symbol und wenig Diskussion. Zum Artikel
Schön und fair war der »Echo« nie, aber keiner lehnte den Preis ab. Jetzt wird er geopfert – nach Entgleisungen, in denen sich gesellschaftliche Vorgänge spiegeln. Volker Hagedorn sieht da viel Symbol und wenig Diskussion. Zum Artikel

Ein Opernhaus indessen, das wie Eggerts Kino zu 84 Prozent Werke aus der ersten Hälfte seiner Geschichte zeigte, hätte jenseits von Fidelio nicht mehr viel Spielraum für junge Hüpfer wie Georges Bizet und Moritz Eggert. Anders gesagt, es geht bei der Oper um einen gigantischen Fundus, um mehr als vierhundert Jahre gesellschaftlicher Erfahrung und musikalischer Entwicklung. Was davon zum »Kernrepertoire« wurde, ist so extrem gut und unauslotbar, dass man keineswegs eine gleiche Zahl ebenbürtiger Opernpartituren seit 1968 fände. Es liegt nicht an der Trägheit oder Doofheit von Intendanten, Künstlern und Publikum, dass Don Giovanni nicht von Position 7 auf 400 abstürzt, um Platz zu machen für Zender und Kurtág, Eggert und Neuwirth. Das wird er auch nie tun.

Aber es geht nicht um Rankings. Massenhafter Zuspruch bürgt nicht für Qualität und umgekehrt. Finnegans Wake, ein Buch, das höchstens 400 Leute komplett verstehen, läuft unter Herausforderung, nicht unter Flop – es muss ja auch nicht aufgeführt werden. Eggert hat recht damit, dass zu wenig gewagt wird, dass Allzubewährtes vieles Neue erstickt. Es ist grotesk, dass ein beklemmend wunderschönes Musiktheaterwerk wie Klaus Hubers Schwarzerde seit seiner (gelungenen!) Basler Uraufführung 2001 auf keinen weiteren Spielplan geriet. Jedem wird so ein Beispiel einfallen und ebenso eine Wagneroper jenseits von Tristan, die man nicht immer wieder hören müsste.

Aus Künstlerinnen droht das Zählen Quotenfrauen zu machen. Vor fünf Jahren war bei bachtrack.com Sofia Gubaidulina auf Platz 132 nach 131 männlichen Tonsetzern die meistgespielte Komponistin, gefolgt von Clara Schumann (180) und Kaya Saariaho (210). Derzeit sind zumindest lebende Komponistinnen erst ab Platz 190 zu finden. Aber ganz sicher würde keine von ihnen sich so definieren – als Frau im Quotenkampf. Sollte es dem Kuratorium des Ernst von Siemens Musikpreises, dem sechsstelligen »Nobelpreis« der Branche, einfallen, zum ersten Mal in 46 Jahren eine Komponistin zu würdigen, wäre das keine Pioniertat für den Minderheitenschutz, sondern die Reaktion auf eine beträchtliche Reihe renommierter Namen und bedeutender Œuvres.

»Massenhafter Zuspruch bürgt nicht für Qualität und umgekehrt.« Volker Hagedorn gegen das Zählen in @vanmusik.

Die Kategorie »woman composer« ist Historie – in Europa. Der US-Musikjournalist Alex Ross indessen twitterte vor einem Jahr: »Number of female composers programmed by the Chicago Symphony and the Philadelphia Orchestra for the 2018–19 season: 0.« Die Folge war ein Proteststurm, gegen den dann in Philadelphia ein Werk der 38-jährigen Anna Clyne in Stellung gebracht wurde. So wird aus einer Null ein Strich – aus einer Künstlerin aber auch. »Für mich gibt es ausschließlich künstlerische Kriterien, nicht ob man mehr Frauen braucht«, erklärte neulich in VAN Ilona Schmiel, Intendantin des Züricher Tonhalle-Orchesters. Es wird Zeit, vom Zählen zur Musik zu kommen. So, wie ein Bratscher zehn Takte Pause irgendwann als Teil der Partitur begreift. ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016) und »Der Klang von Paris« (2019), ein weiteres Buch ist in progress.