Datenexplosionen und Kapitalismus –  musikphilosophisch betrachtet

Text · Titelbild Pixabay / geralt (CC Zero) · Datum 30.8.2017

Mit Big Data werden allgemein Datenmengen bezeichnet, die entweder zu groß, zu komplex oder zu schnelllebig sind, um in einer herkömmlichen Weise verarbeitet zu werden. Außerdem denken wir an digitale Technologien und eine um sich greifende und kaum noch zu kontrollierende Datenexplosion, die nach immer größeren, schnelleren und noch mehr Strom fressenden Speicherkapazitäten verlangt. Alle zwei Jahre verdoppelt sich einer 2011 durchgeführten Berechnung zufolge das weltweit erzeugte Datenvolumen. Die Entwicklung wird durch das »Internet der Dinge« (zum Beispiel ans Netz angeschlossene Haushaltsgeräte), »neuronale Netzwerke« oder ein sich ausweitendes »Cloud Computing« zusätzlich beschleunigt. Das ebenso charismatische wie schwammige Buzzword Big Data bezeichnet daher sowohl die Ursache als auch die Wirkung einer neuen Ära digitaler Kommunikation, die durch eine ständige Aneinanderreihung technologischer Innovationen permanent dabei ist, sich selbst zu überholen. Ganz in diesem Sinne wurde das erst kürzlich ausgerufene »Big-Data-Zeitalter« von einschlägigen Experten bereits wieder für beendet erklärt und durch sein logisches Folgeprogramm »Huge Data« ersetzt. Eine Fortsetzung wird wohl folgen.

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Die ästhetischen Konsequenzen von diesen Entwicklungen lassen sich im Fall der zeitgenössischen Musik nur schwer entziffern, denn die theoretische Eingrenzung hinkt der digitalen Erweiterung des musikalischen Materialbestandes notorisch hinterher. Das weitläufige Feld der Neuen Musik zeigt sich durch die Integration vielfältiger digitaler Innovationen inzwischen selbst als unüberschaubare und sich permanent aktualisierende Datenansammlung. Der Versuch, hier Strukturen auszumachen, Entwicklungen zu benennen ist also ziemlich kühn – wer behält bei Big Data noch den Überblick? Hatte der Philosoph Harry Lehmann 2012 in seinem gleichnamigen Buch noch von einer »Digitalen Revolution der Neuen Musik« gesprochen, deren unabsehbare Folgen er zum Gegenstand eines philosophischen »Gedankenexperiments« machte, sind datenbasierte Kompositionstechniken wie Sampling, Recycling, Copy & Paste und Remix fünf Jahre später in der Neuen Musik bereits zum festen Inventar geworden. Gerade jüngere Komponistinnen und Komponisten versuchen sich in ihren Werken zunehmend an multimedial angereicherten musikalischen Hybridformen, die zum Beispiel digitale Samples und analoge Instrumentalklänge, selbstgedrehte Videoprojektionen und wirksam in Szene gesetzte Lichteffekte miteinander in Verbindung und in gegenseitige Interaktion bringen.

Alexander Schubert, HELLO

Doch wo der digitale Code als ästhetisches Metamedium die Szenerie zeitgenössischer Musikproduktion zunehmend beherrscht, da zeichnen sich auch problematische Entwicklungen ab, die bereits in einer Reihe theoretischer Kontroversen ausführlich diskutiert wurden.

Einerseits eröffnet die Überschreitung von musikalischen Stil- und Genregrenzen im Rahmen einer kreativen Vermischung von analogen und digitalen (Klang-)Medien eine Vielfalt von künstlerischen Innovationsmöglichkeiten, die der traditionell eher nischenhaft verorteten Neue-Musik-Szene zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen können. Andererseits macht die mit der Digitalisierung einhergehende Durchbrechung ästhetisch-kritischer Sicherheitsabstände die Maschinerien von Kunst und Kapitalismus in einer neuen und ungeahnten Weise anschlussfähig. Der digitale Code ist trotz aller durch ihn in Gang gesetzter ästhetischer Innovationsschübe vor allem ein machtvolles Tool kapitalistischer Wertmaximierung, das seine ökonomischen Ursprünge auch im künstlerischen Gewand niemals vollständig abstreifen kann. Die durch die Integration digitaler Medien ausgelöste Erweiterung eines traditionellen Verständnisses von zeitgenössischer Musik wird daher immer auch davon bedroht, in Form von marktförmig organisierten Musik-Happenings wiedereingehegt zu werden. Künstlerisch freigesetzte Energien werden so eingefangen und in die Kreisläufe eines gewinnorientierten Kunstbetriebes zurückgeleitet.

Derartige Zirkularitäten versuchten die beiden französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari bereits in ihrem 1972 erschienenen Buch Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I durch den Begriff der »Decodierung« zu fassen. Gemeint ist hier nicht die Entschlüsselung einer geheimen Botschaft, sondern eine kontinuierliche Vermischung und Destabilisierung sicherheitsstiftender Unterscheidungen und Codes, die sich ökonomisch ausbeuten lässt. Die beiden Autoren machen in einer unaufhörlichen »Decodierung der Ströme« eine »wesentliche Tendenz des Kapitalismus« aus, der auf seiner Suche nach neuen Quellen des Mehrwerts nicht müde werde, die Sphäre der Produktion zu revolutionieren und dabei hemmende Grenzziehungen niederzureißen. Gemeint ist eine Art gigantisches ökonomisches Wasserkraftwerk, das ursprünglich getrennt voneinander verlaufende Informationsflüsse miteinander verbindet, um aus ihrem Zusammenschluss neue Energien gewinnen zu können. Wirklich freigesetzt werden die decodierten Ströme Deleuze und Guattari zufolge dabei allerdings nicht. Sie werden lediglich in einem abgezirkelten Territorium künstlich produktiv gemacht, um in kontrollierter Weise abgeschöpft beziehungsweise »recodiert« zu werden.

Für alle, die noch folgen können und besonders die, die wir gerade im Begriff sind, in der wirtschaftsphilosophischen Grundlagenarbeit zu verlieren, ein Beispiel: Marketing und Kommunikation im Musikbusiness. Das verlangt zwar ausdrücklich nach skandalösen Grenzüberschreitungen und sich selbst überbietenden Selbstinszenierungen. Diese werden aber durch vorab festgelegte ökonomische Rahmenbedingungen gesteuert und kontrolliert – zumindest wird das versucht. Das ästhetische Paradigma kreativer Freiheit droht in diesem Setting wohlkalkulierter Entgrenzung in eine Zwickmühle zu geraten, die sich in kritischen Begriffen nicht mehr auflösen lässt. Einerseits zeigt sich die kreative Freiheit als Möglichkeit, in einem schier unendlichen Pool transversal vernetzter Materialien und Medien nach neuen Formen des musikalischen Ausdrucks zu suchen. Andererseits wird eine alle Grenzen überschreitende künstlerische Produktivität zunehmend zum Motor unablässiger Mehrwertproduktion gemacht, der die Anschlussfähigkeit und Kontinuität eines marktförmig organisierten Kunstbetriebes dauerhaft garantieren soll. Auch wenn die hier skizzierte Doppelbindung sich häufig als Win-win-Situation erweist, ohne die die finanziell aufwendigen Realisierungen zeitgenössischer Kompositionen nicht möglich wären, lohnt es sich doch, über ihre ästhetischen Konsequenzen nachzudenken und sie gegebenenfalls in eigens auf sie zugeschnittenen künstlerischen Konzepten aufzugreifen. Ob es sich bei der Digitalisierung in der zeitgenössischen Musik um eine künstlerische oder um eine kapitalistische Revolution handelt, ist momentan nur schwer zu entscheiden. Im Zweifel ist sie beides zugleich. Denn auch die Unterscheidung von Kunst und Kommerz ist seit langem den Kräften einer unausgesetzten Decodierung ausgesetzt, die sich nur mit jedem neuen Werk aufgreifen und in einer singulären Weise weitertreiben lässt. ¶

Johannes Kreidler, Charts Music

Viele der hier skizzierten Aspekte werden am 1. und 2. September beim vom Hamburger Decoder-Ensemble veranstalteten Big-Data-Weekend virulent werden, das nach den Konsequenzen einer »schrankenlosen Verfügbarkeit von Medien im digitalen Zeitalter« und deren Auswirkungen auf die aktuelle Musikproduktion fragen will. Der Gedanke einer »Decodierung von Big Data« wird dabei auf mehreren Ebenen verhandelt. Einerseits hat das Decoder-Ensemble acht Kompositionsaufträge an Komponist*innen und Videokünstler*innen der jüngeren Generation vergeben, welche sich in ihren Werken – die in zwei Konzerten uraufgeführt werden – mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Darüber hinaus erweitern Gäste wie das audiovisuelle Duo incite/, der Percussionist Sven Kacirek sowie die Electronica-Künstlerin Electric Indigo das stilistische Spektrum der Veranstaltung. Außerdem gibt es Vorträge und eine Diskussionsrunde rund um die Kultur des Remix im Spannungsfeld von kreativer Freiheit und Urheberrecht.