Was sich seine Schüler von ihrem Dirigierlehrer Ilja Musin bewahren.

Text · Titelbild Ilja Musin (Aus den freien Quellen) · Datum 6.6.2018

Wer wir sind, erfahren wir am Gegenüber, und nur wenige Personen berühren unsere Persönlichkeit tiefer als gute Lehrer für die Sache, die uns am wichtigsten ist. Dieser Text ist Teil der VAN-Serie mit Hommagen an musikalische Mentoren und Lehrerinnen. Liudmila Kotlyarova reist Ilja Musin hinterher – geografisch auf der Route Sankt Petersburg–Perm–Toulouse–Moskau und gedanklich mit den Erinnerungen seiner Schüler.

Genau heute, am 6. Juni vor 19 Jahren nahm die Welt Abschied von Ilja Alexandrowitsch Musin, dem großen Pädagogen und Doyen der Sankt Petersburger Dirigierschule. Seine Werke über Theorie und Praxis des Dirigierens wurden Bestseller der Musikwelt, zahlreiche Studenten aus der ganzen Welt kamen zu ihm, nahmen seine Workshops auf und bewahrten sie wie Perlen von seltener Schönheit. Selbst einst Schüler von Nikolai Malko und Assistent von Fritz Stiedry, half er Yuri Temirkanov, Valery Gergiev, Odysseas Dimitriadis, Semyon Bychkov, Teodor Currentzis, Tugan Sokhiev und vielen anderen Dirigenten, ihre Wege in die Musikwelt finden.

»Ich lernte ihn durch eine Videokassette kennen, die mir mein Lehrer George Hadjinikos mitbrachte – und wusste sofort: Das ist es«, erinnert sich Teodor Currentzis, als ich ihn nach Ilja Musin frage. »Alles, wonach ich mich gesehnt hatte, nahm plötzlich Gestalt an in diesem einen Menschen. Die Entscheidung stand sofort fest.« Er lehnt ein Studienstipendium in New York ab und macht sich 1994 von Athen aus auf die Reise ins wilde postsowjetische Russland, trotz der dortigen Hyperinflation und der allgemeinen Zerrüttung. In Sankt Petersburg, bei diesem legendären Professor, schien alles mit Liebe und bedingungsloser Hingabe an die Musik erfüllt zu sein.

Als Currentzis ihm dann im Konservatorium zum ersten Mal gegenübersteht, guckt Ilja Musin ihn neugierig an und fragt: »Und, was werden Sie für uns dirigieren?« »Die Coriolan-Ouvertüre, aber ich habe leider hohes Fieber!«, antwortet der damals 22-jährige Grieche. »Perfekt! Diese Art von Musik lässt sich nur mit 40 Grad Fieber dirigieren.«

»Ich war solch ein niedlicher Bub! Stand da mit dem Taktstock am Pult und zählte: 1, 2, 3… Lächelte dem Orchester ein bisschen zu. Ähnelte also ›dem wahren Dirigenten‹«, erzählt Currentzis weiter. »Musin aber rügte mich furchtbar, und ich erschrak bei dem Gedanken, dass ich völlig hilflos war!«  

Er mietet sich eine klitzekleine unmöblierte Wohnung irgendwo am Rande der Stadt, »an deren Pracht der Berliner Alexanderplatz sich kaum hätte messen können«, schließt sich für zwei Wochen ein, und übt sich in dem Geist und der Haltung, die er bei Musin gespürt hatte. Mit Mahlers Vierter kommt er zurück. »Ich glaubte, er würde mich totschlagen. Musin aber sagte: ›Schaut mal, der zweite Mitropoulos ist da.‹ Er gab mir also den Anreiz, mich auf den Weg zu einem wirklichen künstlerischen Ich zu machen.«

Es ist auch Ilja Musin, der ihm einen schöneren Namen aussucht: So wird aus dem griechischen Knaben Teodoros Kurentzís in seinen ersten Tagen in Sankt Petersburg der Dirigent Teodor Currentzis. »Sicher wusste mein Professor etwas von mir, wenn er mich so nannte.«

Ilja Musin und Teodor Currentzis • Foto Aus dem privaten Archiv von Currentzis
Ilja Musin und Teodor Currentzis • Foto Aus dem privaten Archiv von Currentzis

II.

Ein später Septembertag im Jahr 1919. Herbstnebel wallen bläulich über die Neva, ein kalter Wind wirbelt das vergilbende Laub auf, bald werden die verwelkten, goldenen Blätter der Bäume ganz dürr auf dem rastlosen Wasser ziehen.     

Es sind fast zwei Jahre vergangen seit der Großen Oktoberrevolution, gefährliche, instabile Zeiten. Am Bahnsteig des Moskauer Bahnhofs in Sankt Petersburg, dem damaligen Petrograd, steigt ein 16-jähriger Junge aus dem 900 Kilometer entfernten Kostroma aus. Zum ersten Mal hat er sich auf eine so lange Reise begeben, auf der Suche nach Glück. Während er besorgt mit dem Adresszettel einer entfernten Verwandten durch die Straßen läuft, stößt er auf einen Tschekisten in Mantel und Schirmmütze. »Warum sind Sie hier? Gab es Aufstände in Kostroma? Haben Sie Verwandte in Petrograd? Wenn Sie Probleme beim Immatrikulieren haben, wenden Sie sich an mich, ich helfe Ihnen«, überrumpelt der Leiter des Petrograder Militärbezirks den jungen Musiker. Er ist es auch, der ihm schließlich den richtigen Weg zeigt. »Wahrscheinlich rief der Anblick eines ahnungslosen Provinzlers, der in solch schwierigen Zeiten des Konservatoriums willen nach Petrograd kam, Mitleid in ihm hervor«, schreibt Ilja Musin später in seiner Autobiografie »Lektionen des Lebens«. Hilfe braucht er keine, aber die Aufregung legt sich ein wenig. Trotzdem weint sich der junge Ilja in seiner ersten Nacht in Petrograd voller Schwermut und Heimweh in den Schlaf. Eine hohe Steinmauer hinter dem Fenster verschleiert sogar den Himmel – wie anders das ist als die Kostromaer Weite!

Zum Glinka-Denkmal fügte sich später von der rechten Seite des Konservatoriumsgebäudes auch das Rimsky-Korsakov-Denkmal hinzu, mit Blick auf das Mariinsky-Theater.
Zum Glinka-Denkmal fügte sich später von der rechten Seite des Konservatoriumsgebäudes auch das Rimsky-Korsakov-Denkmal hinzu, mit Blick auf das Mariinsky-Theater.

Am nächsten Tag steigt er auf dem Theaterplatz aus, und die Schwermut weicht einer angenehmen Ehrfurcht beim Anblick des Konservatoriums, des Mariinsky-Theaters, des Glinka-Denkmals. In dieser süßen Vorfreude auf die Musik kommen ihm sogar die vorbeispazierenden Jünglinge in eleganten Mänteln und Hüten wie Komponisten vor. Später sollten sie sich als mittelmäßige Sänger erweisen, aber im ersten Moment erscheint ihm alles außerordentlich, als seien alle um ihn herum genauso verliebt in diese leicht klingende Luft, als könne diese kalte Septembersonne einen noch wärmen.     

Aus dem verwirrten Provinzler wird schon bald ein vollwertiger Vertreter der Sankt Petersburger Musikwelt. Nach dem Abschluss im Fach Klavier wendet er sich dem Dirigieren zu: Der Drang zur Tiefe und die Suche nach dem, was die Musik im Innersten zusammenhält, lassen ihn nicht los. Zusammen mit Yevgeny Mravinsky besucht er die Dirigierklasse von Nikolai Malko, trifft sich zum Mittagessen mit Dmitri Schostakowitsch und geht an manchem Abend zu Auftritten von Vladimir Mayakovsky.

Von 1933 bis 1937 assistiert er dem Chefdirigenten der Sankt Petersburger Philharmonie, Fritz Stiedry, der wiederum einst Assistent Gustav Mahlers war. Die Arbeitstage am Sankt Petersburger Konservatorium erfüllen ihn mit Begeisterung – schon 1932 wird er dort als Dozent eingestellt. Das Unterrichten lässt sich gut kombinieren mit der Arbeit mit dem philharmonischen Orchester und der städtischen Kapelle. In der Philharmonie sieht er zahlreiche Gastdirigenten kommen und gehen: Oskar Fried, Otto Klemperer, Bruno Walter, Dimitris Mitropoulos, Erich Kleiber… Dank seines außerordentlichen Gedächtnisses merkt er sich die Highlights ihrer Dirigate. Ab 1937 arbeitet er vier Jahre lang als Chefdirigent der Weißrussischen Philharmonie in Minsk. Und dann kommt der Krieg…

III.

Ich stehe auf dem Theaterplatz, gehe über die Brücke am Krukov-Kanal, die die beiden Bühnen des Mariinsky-Theaters verbindet. Die unerwartet warme Aprilsonne blendet. In einigen Minuten treffe ich Gavriel Heine, einen russischen Dirigenten amerikanischer Herkunft. Morgen dirigiert er hier das Ballet Ein Sommernachtstraum zur Musik Felix Mendelssohn-Bartholdys. Wir setzen uns ins modische Dirigentenzimmer des Mariinsky-2 mit Wänden aus Nussbaum und Ledersesseln. Auf irritierende Weise erinnert der Raum zugleich an das Büro eines herrischen Geschäftsmannes und an ein modernes Künstleratelier.  

Heine kam 1998 zu Ilja Musin, die Erinnerung an den Lehrer ist aber lebendig, genauso wie die Dankbarkeit. »Die Welt des Dirigierens lernte ich noch in Moskau kennen, wo ich Cello studierte«, erzählt er mir. »Ich entschied mich dort erst für die Klasse Alexander Wedernikows, aber der Komponist Alexander Tschaikowsky schlug mir vor, es mit Ilja Musin zu versuchen. Ich erschrak wahnsinnig, denn ich war noch ganz grün hinter den Ohren, und Musin hatte einen internationalen Ruf, Studenten aus der ganzen Welt kamen zu ihm, Yuri Temirkanov, Valery Gergiev, Vassily Sinaisky waren seine Schüler… Wie durfte ich mich vor solch einem Meister zeigen?«

In Sankt Petersburg besucht Heine deshalb zunächst Dirigierklassen anderer Professoren und wagt sich dann erst zu Ilja Musin. »Andere unterrichteten interessant und kompetent, befassten sich aber mehr mit Technik und Organisation. Bei Ilja Musin ging es aber von Beginn an um die Musik: um die Phrasierung, die Bildkraft, und spezifische technische Ansätze waren nur dafür da, dem zu dienen. Ich spürte eine tiefe Resonanz mit allem, was ich bei meinen Cello-Professoren gelernt hatte. Das waren diese grundlegenden musikalischen Prinzipien, die alle  kennen sollten. Warum sprach sonst keiner davon?«

Er entschied sich, mit dem ersten Auftritt vor seinem Lehrer noch etwas zu warten. Als es soweit war, wählte er Beethovens erste Sinfonie. Musin wendete sich im Anschluss zu seinem Assistenten und sagte: »Der kann doch gar nichts!« – und nahm ihn auf.

Ilja Musins letzter Studiengang, ein Bild aus seinem Buch »Sprache der Dirigiergeste«: Ganz links steht Mikhail Agrest, hinter Ilja Musin sind auch Sabrie Bekirova und Teodor Currentzis zu sehen. Gavriel Heine ist der Fünfte von rechts. Ursprüngliche Quelle privates Archiv von Ilja Musin.
Ilja Musins letzter Studiengang, ein Bild aus seinem Buch »Sprache der Dirigiergeste«: Ganz links steht Mikhail Agrest, hinter Ilja Musin sind auch Sabrie Bekirova und Teodor Currentzis zu sehen. Gavriel Heine ist der Fünfte von rechts. Ursprüngliche Quelle privates Archiv von Ilja Musin.

»Was ich an ihm so bewunderte«, fährt Heine fort, »ist, wie er den Sinn einer musikalischen Phrase auszudrücken lehrte. Er sagte immer, der Klang sei in der Hand. Nur eine klare Idee von Musik könne dieses Klanggefühl in der Hand aufwecken. Und nun versuche ich das mit Beethoven und höre: ›Falsch‹. ›Was ist falsch?‹ ›Musikalisch ist das falsch‹. Und er steht auf und dirigiert dieselbe Phrase, aber musikalisch so differenziert, dass ich mich wie ein Idiot fühle.« 

»Bei der ersten Sinfonie von Brahms gab es noch so einen Moment: In der Partitur stand es zwar nicht, aber es fühlte sich so an, als verlange eine Phrase mehr Volumen. – ›Zu wenig!‹, meint Ilja Musin. ›Wie wenig? Ich gebe hier doch schon mehr‹. ›Nein, nicht genug. Ihnen ist es zwar klar, aber uns nicht. Die Phrase muss sooo sein, verstehen Sie?‹ Und ich sah ein: Ich musste mich so weit aus dem mir vertrauten Rahmen bewegen, dass auch die Leute im zweiten Rang überzeugt würden«.

Oft kamen Studenten aus den USA und Europa, um Workshops bei Ilja Musin zu besuchen. Beim Anblick ihres Dirigierstils fragte Gavriel Heine seinen amerikanischen Kommilitonen Christian Knapp oft schockiert, ob man im Westen wirklich so dirigiere. »Na ja, manche machen das genauso«, antwortete Knapp. »Das war das bloße Luftschütteln: ohne Sinn, ohne Inhalt, ohne Adresse. Ich kapierte nicht, wie das funktionieren sollte? Das war gegen alles, was uns unser Lehrer beizubringen suchte«.

IV.

Nach dem Familienumzug in die USA 1989 studiert Mikhail Agrest Violine bei Josef Gingold an der Indiana University, parallel macht er sich vorsichtig mit dem Dirigieren vertraut – bis ein Bekannter vom Sankt Petersburger Konservatorium mit ihm seinen Schatz teilt: eine Videokassette mit einer Aufzeichnung einer Unterrichtsstunde mit Ilja Musin. »Ich war ganz schön schockiert. Ich schaute sie mir immer wieder an, als kehrte ich in ein altes Leben zurück, das es noch nicht gab, bis die Entscheidung in mir gereift war«. 1996 geht er zu Musin nach Sankt Petersburg. Ursprünglich plant er nur einen halbjährigen Aufenthalt. Aber dann bleibt er bis zum Schluss.

»Dieser Mensch hatte eine seltene Gabe: Er verstand es, die Schüler zu korrigieren, ohne ihre Individualität zu unterdrücken.« Eines der wichtigsten Prinzipien beim Dirigieren sei laut Musin, den Ton nicht von oben anzugeben, sondern ihn aufzufangen, so wie man mit einem Löffel die Suppe schöpft. Auf keinen Fall den Ton erdrücken. »Fangt den Ton auf«, sagte Ilja Musin seinen Schülern oft. Genauso bemühte er sich um sie, fing sie auf, statt sie zu unterdrücken.  

Agrest studierte bei Musin nicht nur das sinfonische, sondern auch das Opernrepertoire. Drei bis viermal pro Woche gab es in der Klasse bis zu fünf Stunden Unterricht mit Klavier, zwei Mal mit Orchester. Oft nahm Musin die Partitur vom Pult – alle sollten auswendig dirigieren. »Er liebte Musik auf eine kindlich aufrichtige Art und steckte damit an. Als ich Violine studierte, begeisterte ich mich daneben für Rock’n’Roll, war mir aber nicht sicher, was ich danach tun sollte. Mit Musin kam die Sicherheit«.

Ilja Musin und Mikhail Agrest • Foto aus dem privaten Archiv von Agrest
Ilja Musin und Mikhail Agrest • Foto aus dem privaten Archiv von Agrest

Wir sitzen im Café Siegfried am Sankt Petersburger Konservatorium. Der Regen ist zwar vorbei, die faule Sonne lässt aber auf sich warten: ein typisches Wetter für das Venedig des Nordens. Vor einigen Minuten habe ich noch gefroren, aber es gibt etwas an meinem Bekannten, das mich wärmt. Wir schweigen einige Zeit, dann setzt er mit geschlossenen Augen fort, als fürchte er, dass die Erinnerungsfäden abreißen:

»Ich frage mich, wie er es schaffte, bei solch einem schwierigen Künstlerleben seine pure Energie nicht zu erschöpfen und auf das Unterrichten gelenkt zu halten«. »Wie schwierig war sein Künstlerleben?«, frage ich nach. »Nach dem Krieg bekam er kaum noch Auftritte in der Philharmonie. Man wollte ihn nicht dirigieren sehen, als Interpret konnte er sich kaum verwirklichen. Das ist extrem hart für einen Dirigenten. Aber er bewahrte in sich diese jugendliche Liebe zur Musik, ohne grob, bösartig oder sauer zu werden. Er hat uns das Beste überlassen und ich überlege mir nun, wie schwer es ist, seine Gabe nicht zu vergeuden.« 

Das Leben ist ein dreckiges Geschäft, denke ich mir. Das Dirigieren ist vielleicht ein Leben im Leben. Da es subjektiv ist, lässt sich das Böse von dem Guten, das Richtige von dem Falschen schwerer trennen. Viel leichter ist es da, Unterschiede und Urteile  am Äußeren festzumachen, an Geld, Macht, Präsentation. »Wenn ich solchen ernüchternden Momenten begegne, erinnere ich mich immer an Ilja Alexandrowitsch«, sagt Mikhail Agrest.

V.

Sein Leben lang entzündete Ilja Alexandrowitsch Musin in seinen Studenten nicht nur das Brennen für die Musik, sondern half auch menschlich, wo er nur konnte. Er schrieb unzählige Empfehlungsschreiben; als Leiter des Lehrstuhls wusste er, wer welche Stipendien bekam, ob jemand hungerte – und half finanziell. Und nicht nur seinen Studenten. 1934 wurde sein Kommilitone Onik Sarkisov dank Musins nachdrücklicher Befürwortung Programmleiter der Sankt Petersburger Philharmonie. In den 1950ern bietet der ihm plötzlich Programme an, in denen Tschaikowskys Capriccio Italien der Höhepunkt ist.

Später ist Sarkisov auch derjenige, der Musin zu einer Probe André Cluytens nicht durchlässt, er schließt einfach die Tür vor dessen Augen. Völlig deprimiert weiß Musin später die Geste seinem ehemaligen Protegé nicht übel zu nehmen: Er entschuldigte sie damit, dass der damalige Direktor der Philharmonie Aleksei Ponomarew, im Gegensatz zu Musin ein treues KPdSU-Parteimitglied, alle in Angst und Schrecken gehalten habe. Auch Musins Beziehung zu Mravinsky, der in der Philharmonie ein hartes autoritäres Regime aufgebaut hatte, entwickelte sich auf eine fatale Weise. In einer Rezension zu Bogdanow-Beresowskis Buch »Der sowjetische Dirigent« erlaubte sich Musin ein paar Anmerkungen zu Ungenauigkeiten im Text und unbegründeten, naiven Lobreden auf Mravinsky. Allerdings erfuhr auch der herrschsüchtige Mravinsky davon. Ob aus diesem Grund oder nicht, von diesem Moment an blieben die Türen der Philharmonie für Ilja Musin geschlossen.    

Dabei rettete Musin die Philharmonie kurz vor diesen Ereignissen. Als die Behörden zwei Tage vor dem Konzert Verdis Requiem durch die Kantate Auf den Frieden des Stalin-Preisträgers Alexander Manewitsch ersetzten, weil ein politisches Ereignis auf den Tag gefallen war, wagten sich weder Chefdirigent Mravinsky noch sein Stellvertreter Kurt Sanderling ans Stück. Neu war es auch für Musin, doch gerade ihn flehte der Verwaltungsleiter der Philharmonie Krasnoborodow an, das Stück zu übernehmen. Nach dem Konzert bedankte sich der begeisterte Mravinsky bei Musin: »Dass du eine Partitur so blitzschnell lernen kannst, war mir bewusst. Wie aber gelang es dir in zwei Tagen die Form des Stückes zu begreifen, um so zu dirigieren?«

VI.

»Anscheinend liegt es hier nicht nur an der Philharmonie«, sagt mir Leonid Kortschmar, Musins Absolvent aus dem Jahr 1975 und Assistent in den 90ern, heute Dirigent des Mariinsky-Theaters und Professor am Konservatorium. »Sowohl die Philharmonie als auch das Theater wurden von den Besten seiner Schüler geleitet, aber die luden ihn nie ein. Und das ist ein wirklich dramatischer Moment seines Lebens«.   

Ich sitze in Kortschmars Arbeitszimmer im historischen Gebäude der »Mariinka«. An der Wand hängt ein schöner Gobelin mit einem Landschaftsbild, durch das Fenster fließt mildes Sonnenlicht. »Aber ich hörte nie, dass er sich darüber beklagte, obwohl er im Inneren vermutlich tief bekümmert war. Diejenigen, denen er sich restlos hingab, luden ihn nicht ein zu dirigieren«.         

Der internationale Ruf Ilja Musins als überragender Pädagoge nahm seinen Anfang, als Valery Gergiev ihn in den 80er Jahren der Accademia Musicale Chigiana in Siena als Gastprofessor empfahl. Von da an gab er in den letzten Jahrzehnten seines Lebens zahlreiche Meisterklassen an der Royal Academy of Music in London, an der Sibelius-Akademie in Helsinki und in Japan. Oft wurden sie von Konzerten begleitet. Auf den Jubiläumskonzerten, die Valery Gergiev für ihn im Mariinsky-Theater veranstalten ließ, dirigierte er zusammen mit seinen berühmten Lehrlingen.    

Ilja Musin beim Dirigieren • Foto privates Archiv
Ilja Musin beim Dirigieren • Foto privates Archiv

Er hatte immer ungefähr 18 Studenten in seiner Klasse und fand für jeden Zeit. »Wie beschäftigt auch immer er war, er interessierte sich weiter für unser Leben: war bei Gergievs Premieren, bei meinen Gastkonzerten, bei Debüts der Kleinen«, sagt Leonid Kortschmar. Falls er bei einem Studenten Probleme sah, lud er ihn einfach nach Hause und half, sie zu lösen. An seinen Geburtstagen versammelten sich in seiner kleinen Wohnung bis zu 25 Schüler, wie Sardinen zusammengedrängt.

»Mravinsky war ein Titan der musikalischen Architektur, darin konnte sich keiner mit ihm messen«, erzählt Kortschmar weiter. »Musin aber war ein Genie der Bildhaftigkeit, er mochte dieses Wort sehr, mit dem er emotionale Fülle meinte. Dabei brachte er einem sehr sichere Technik bei. Er gab der Kunst des Dirigierens ein manuelles und psychologisches Instrument an die Hand, und das war eine ausschlaggebende Errungenschaft für unseren Beruf«.

Trotz des späten Ruhms erlaubte Ilja Musin sich in den Erinnerungen seiner Schüler nie Grobheiten im Umgang mit den anderen, jeglicher Hochmut und »Kampf der Alphatiere« waren ihm zuwider. »Wenn mir ein Student gefällt, beginne ich, ihn aus Sympathie zu duzen«, sagt mir Leonid Kortschmar schmunzelnd. »Er aber erlaubte sich das nie – sagte ›Sie‹ zu allen, sehr achtungsvoll, wobei er bei prinzipiellen Fragen sehr streng sein und sich auch aufregen konnte. Im Großen und Ganzen war er ein Träger der wahren Kultur, alte Petersburger Schule«.

VII.

Ich stehe an der Kreuzung Sadowaja Straße/Moskauer Allee, nicht weit vom Sennaja Platz. Bei Dostojewski war diese Kreuzung ein Zeichen der Schuld und Reue seines Helden Raskolnikow, Synonym des Todes und göttlicher Liebe. Hier, in einer winzigen Kommunalwohnung, wohnte Ilja Alexandrowitsch Musin jahrelang mit seiner Frau, der Pianistin Anna Kogan. Sie starb 1992.

Am 5. Juni düstert es über dem Sennaja Platz und sehnt sich nach Regen.
Am 5. Juni düstert es über dem Sennaja Platz und sehnt sich nach Regen.

In den letzten Lebensjahren lebte er in der Rimsky-Korsakow Allee, mit der Wohnung half ihm Valery Gergiev. Auch wenn er keinen Studenten offen bevorzugte, gab es auch für Musin sicher manche Lieblinge, die, die besonders talentiert und mit ihm mental verbunden waren. Eine davon war Sabrie Bekirova. Niemand spricht über Ilja Alexandrowitsch heute so liebevoll und dankbar wie sie. Sein Heim war für sie wie das zweite Elternhaus.

Ich rufe sie in Frankreich an, wo sie seit drei Jahren als Dirigier-Professorin am Institut supérieur des arts de Toulouse arbeitet und nebenbei konzertiert. Nach Veronika Dudarova ist sie die einzige Frau, die je in Russland ein Operntheater leitete (nämlich in Wladikawkas).  

Nach dem Abschluss als Geigerin 1990 am Sankt Petersburger Konservatorium versuchte sie sechs Jahre lang, an der Fakultät für Dirigieren aufgenommen zu werden, weil sie unbedingt zu Ilja Musin wollte. Nachdem er 1993 ihr Geigensolo mit einem englischen Orchester in der Philharmonie gehört hatte, bot er ihr ein Lehrpraktikum bei sich an und bezahlte es aus eigener Tasche. Als sie 1996 wieder auf diskriminierende Hürden stieß, sollte Musin ihnen mit all seiner Autorität entgegenwirken, damit sie angenommen wurde.

Musins Studenten (von links nach rechts): Sabrie Bekirova, Tugan Sokhiev, Teodor Currentzis, Tigran Sarkisyan, Mikhail Agrest, Ji Hoon Kim, Andrey Danilov und Van Yoo.
Musins Studenten (von links nach rechts): Sabrie Bekirova, Tugan Sokhiev, Teodor Currentzis, Tigran Sarkisyan, Mikhail Agrest, Ji Hoon Kim, Andrey Danilov und Van Yoo.

»Ilja Alexandrowitsch glaubte, dass das Talent kein Geschlecht oder Nationalität kenne«, erzählt mir Sabrie Bekirova. »Er merkte, ob ein Mensch – sei es Mann oder Frau – bestimmte Eigenschaften mitbrachte, um Dirigent zu werden. Mit seinem geschulten Auge sah er in die Tiefe des Talents, registrierte Individualität und wusste sie auf die Zukunft zu übertragen«.    

Bei Sabrie Bekirova erkannte er das leidenschaftliche Temperament, bei Teodor Currentzis die poetische Begabung fürs Dirigieren, bei Tugan Sokhiev das Intellektuelle, den »klugen, klaren Kopf«. In allen Schülern sah er nicht bloß Studenten, sondern Persönlichkeiten, künftige Kollegen. »Ich habe Glück gehabt«, sagt mir Sabrie Iskanderowna mit Melancholie in der Stimme. »So einem Menschen wie ihm bin ich nachher nie wieder begegnet. Alle, die zu ihm kamen, spürten sofort eine Aura der Zuneigung. Und alle Kenntnisse brachte er einem mit Liebe nahe, einer sehr aufrichtigen Liebe«.      

»Manchmal sagte er mir: ›Werden Sie nie abhängig von einem, tun Sie alles selber‹, ›Warum?‹ fragte ich zurück. ›Wenn jemand etwas von Herzen für Sie tut, können Sie es annehmen‹, antwortete er. ›Im Gegenfall wird man Sie früher oder später auffordern, den Preis zu zahlen‹. Nach diesem Prinzip lebte er. Und wenn es mir schwer zumute war, bat er mich darüber nachzudenken, dass alles viel schlimmer hätte sein können. Augenblicklich hielt der Selbstzerstörungsprozess an«.

VIII.

Im Mai 1999 fand in Sankt Petersburg der Internationale Prokofiev-Wettbewerb für Dirigenten statt. Auf Wunsch ihres Lehrers nahmen daran auch Sabrie Bekirova, Teodor Currentzis und Tugan Sokhiev teil. Musin zweifelte nicht an seinen Schülern und fuhr während der ersten Runde für eine Meisterklasse nach Japan. Er war damals 95 Jahre alt.

Aber die tendenziöse Jury schloss Bekirova und Currentzis schon nach der ersten Runde aus. Die Empörung des Jurymitglieds Ilja Musin kannte bei seiner Rückkehr keine Grenzen. »Ich dränge mich durch die Teilnehmerreihen nach vorne zu ihm und sehe, wie er da mit hochrotem Kopf sitzt«, erzählt Sabrie Bekirova. »›Was ist passiert, Ilja Alexandrowitsch?‹ frage ich ihn. ›Wie habt ihr dirigiert?‹ ›Gut genug, glaube ich.‹ ›Die haben euch da so geschmäht, euch so beschimpft! Ich habe ihnen gesagt, was ich von ihnen halte und dass ich an diesem dreckigen Geschäft nicht weiter teilhaben will. Es geht doch nicht nur darum, wie ihr dirigiert habt – die haben da meine Schule verhöhnt, meine besten Schüler aussortiert!‹ Er rief Valery Gergiev und Yuri Temirkanov an, bat sie darum, den Wettbewerb abzubrechen und nochmal neu zu beginnen. Alles vergebens. Mutmaßlich gab ihm das den Todesstoß. Später rief ich ihn an, um ihn aufmuntern: ›Lieber Ilja Alexandrowitsch! Vergessen Sie diesen Wettbewerb! Die Zeit wird zeigen, wer was kann und wer Ihr wahrer Schüler ist«.

10 Tage später starb er.     

Ilja Musin mit seinen Studenten und Semyon Bychkov zu Besuch. Mikhail Agrest ist der zweite von rechts. Aus dem privaten Archiv von Mikhail Agrest. 
Ilja Musin mit seinen Studenten und Semyon Bychkov zu Besuch. Mikhail Agrest ist der zweite von rechts. Aus dem privaten Archiv von Mikhail Agrest. 

»Er war alles für uns – er war unsere Zukunft. Wie wir an ihn glaubten! Wir glaubten, wenn wir ihm nur zuhören, schaffen wir es. Wir wollten von ihm so viel mitnehmen, wie wir nur konnten«, sagt Gavriel Heine. »Er war alles für mich. Er veränderte, verfeinerte mich. Vor ihm war ich ein Dirigent mit dem Stock, der sich bloß den deutschen Stil angeeignet hatte. Er aber machte aus mir den Menschen, den Meister«, sagt Teodor Currentzis.

Viele seiner Studenten fühlen sich nach seinem Tod wie verwaist. Gavriel Heine entscheidet sich für Leonid Kortschmar, Mikhail Agrest für Mariss Jansons, die anderen machen bei Yuri Temirkanov ihren Abschluss. Teodor Currentzis bleibt noch einige Zeit am Konservatorium und verlässt es dann ohne Abschluss. Bald nimmt er auch von Sankt Petersburg Abschied. Sabrie Bekirova, die von Musin immer darin ermuntert wurde, neben dem Dirigieren auch ihr Talent zu Unterrichten zu vertiefen, nimmt ihren Lehrer beim Wort, seine Schule weiterzugeben. Und sie hält sich an ihr Versprechen: kümmert sich um ihre Schüler, so viel es braucht, lehrt sie Liebe und Fleiß. Die seien schon besessen von Tschaikowsky und Schostakowitsch, lernen Russisch und lieben Russland. »Merken Sie sich, Sabinchen, es ist nicht die Macht, in der die Wahrheit liegt, die Macht liegt in der Wahrheit«, hatte Ilja Musin ihr gesagt.

»Es dauert manchmal, bis du verstehst, was er meinte«, sagt Mikhail Agrest. »Aber wenn etwas schief geht, erinnerst du dich einfach daran, wie er dirigierte. Alles ist leichter, du musst es keinem recht machen, schalte einfach das Gehirn ein bisschen aus, entblöße die Seele und musiziere aufrichtig, von ganzem Herzen.«

In @vanmusik reist Liudmila Kotlyarova Ilja Musin hinterher – geografisch auf der Route Sankt Petersburg–Perm–Toulouse–Moskau und gedanklich mit den Erinnerungen seiner Schüler.

Die gesamte moderne Sankt Petersburger Dirigierschule ist heute vom Musin-Erbe geprägt. Unter den Professoren sind Leonid Kortschmar, Alexander Titow, Mikhail Kukuschkin und Pawel Bubelnikow seine Schüler. Eine lebendige Tradition, die nicht stillsteht.

Es gab auch die anderen: Kaum besuchten sie eine Unterrichtsstunde, schrieben sie schon überall, sie wären Schüler des Doyen der Sankt Petersburger Dirigierschule. Als man am Konservatorium einem Raum seinen Namen verleihen wollte, stimmte einer seiner Schüler dagegen, und die Entscheidung fiel negativ aus. In 19 Jahren wurden nur ein paar bescheidene Gedenkkonzerte veranstaltet. Auch eine Stiftung, die seinen Namen trägt, gibt es nicht. Es mussten fünf Jahre vergehen, bis sein Grab einen Gedenkstein erhielt – wieder dank Valery Gergiev.

Bis dahin war da nur eine Handvoll Erde. ¶