Ilona Schmiel, Intendantin des Tonhalle-Orchester Zürich, im Interview.

Text · Fotos © Paolo Dutto · Datum 5.12.2018

Seit vier Jahren ist Ilona Schmiel Intendantin des Tonhalle-Orchester Zürich. Sie selbst bezeichnet diese Zeit als die »dichteste« ihres bisherigen beruflichen Lebens: Erst ging ihr der Konzertsaal und dann der Chefdirigent flöten. Dass man in Zürich nun trotzdem so zuversichtlich wie lange nicht in die Zukunft schaut, ist auch ihr Verdienst. Mit Paavo Järvi hat Schmiel einen allseits geschätzten Nachfolger für den glücklosen (und am Ende ziemlich ungeliebten) Lionel Bringuier aus dem Hut gezaubert. Und die Interimsspielstätte im Maag-Areal im Zürcher Westen, in die das Orchester während des Umbaus der Tonhalle für drei Spielzeiten ausweichen muss, lieben Musiker und das Publikum gleichermaßen. Wahrscheinlich gibt es heutzutage keine neu zu besetzende Intendantenposition in der Welt der ernsten Musik, wo ihr Name nicht eher früher als später ins Gespräch kommt. Den Marsch durch die Institutionen begann Schmiel mit Mitte Zwanzig als Assistentin bei den Donaueschinger Musiktagen. 1998 wurde sie Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin des Bremer Konzerthauses »Die Glocke«, und war damals jüngste Intendantin Deutschlands. Ab 2004 leitete sie für zehn Jahre das Beethovenfest Bonn, dessen Besucherzahl und Budget in dieser Zeit kräftig wuchsen. Entsprechend unglücklich war man dort, als Schmiel 2014 als neue Intendantin des Tonhalle-Orchesters nach Zürich wechselte. Ihren Vertrag dort hat sie letztes Jahr vorzeitig bis 2024 verlängert (und dafür dem Vernehmen nach ein Angebot der Berliner Philharmoniker abgelehnt). Für die Klassik bringt die studierte Schulmusikerin und Altphilologin den dort so wichtigen Stallgeruch mit, vermutlich hätte sie aber auch in jeder anderen Branche als Führungskraft Erfolg.Ich treffe Schmiel an einem späten Freitagnachmittag im Dresdner Kulturpalast. Sie kommt gerade von einem informellen Austausch mit Intendanten-Kolleginnen und Kollegen und fliegt am Abend noch zurück nach Zürich. Trotzdem ist sie erstaunlich entspannt und gut gelaunt. Man merkt: Hier sitzt einem ein Kommunikationsprofi gegenüber. Jemand, der Lust auf Wort und Tat hat. Die Klaviatur der Kontaktgestaltung beherrscht sie mit einer Natürlichkeit, der jeglicher Ego- oder Standesdünkel abgeht. Wenn sie über etwas nicht reden will, erstickt sie ein Thema im unverfänglichen Allgemeinplatz – oder lächelt es einfach weg. Meistens aber springt einen ein interessanter Gedanke an. Und davon haben sich in den letzten 25 Jahren im »Betrieb« einige angesammelt.

VAN: Letzte Woche haben sie den Junge-Ohren-Preis für die ›programmatisch wie strukturell wegweisenden Akzente für Musikvermittlung‹ bekommen, die sie während Ihrer Arbeit in Bremen, Bonn und Zürich gesetzt haben. Als Sie vor 20 Jahren in Bremen als Geschäftsführerin der ›Glocke‹ anfingen, ein eigenes konzertpädagogisches Programm zu entwickeln, war das damals noch Pionierarbeit. Was hat sich im Bereich der Musikvermittlung seitdem geändert?

Ilona Schmiel: Die Fragestellungen sind dieselben geblieben: Wie bringen wir Leute ins Konzert? Wie professionell kann und muss es sein? Erreiche ich jeden, oder konzentriere ich mich auf bestimmte Zielgruppen? 1998 war der Gedanke, in einer Stadt mit ganz vielen unterschiedliche Anbietern zu kooperieren, noch neu. Als ich damit anfing, sagten alle, Hochschule, Musikschule, Philharmoniker, Kammerphilharmonie, ›wir sitzen das erste Mal gemeinsam an einem Tisch‹. Das hatte auf mich damals eine Schockwirkung, aber ich habe es danach in anderen Städten und Konstellationen immer wieder erlebt. Aber nur gemeinsam, mit unterschiedlichen Akteuren, kann man es tatsächlich schaffen, dass Musikvermittlung etwas ist, was sich nicht nur auf Kinder und Jugendliche, sondern auf das gesamte Konzertleben einer Stadt bezieht.

Wenn Sie ein Musikvermittlungsprogramm neu aufsetzen, was ist Ihnen am Wichtigsten?

Ich brauche Profis, die aus dem Bereich kommen, die in dem Bereich arbeiten wollen, die dafür brennen. Und gleichzeitig ist es eine Chefsache. Es muss dort jemand sitzen, der sagt: das gehört für uns originär dazu, das diskutieren wir nicht, das ist nicht etwas, worum man kämpfen muss. Auch das war 1998 noch neu. Außerdem sollte man auch in der Musikvermittlung seiner Zeit voraus sein und darf sich auf gar keinen Fall anbiedern. Es geht immer um die Herausforderung, nie um die Unterforderung oder Gefälligkeit. Es muss einen künstlerischen Anspruch geben.

Apropos Chefsache: Viele Musikvermittlungsprogramme wirken wie Scheinriesen. Sie sehen auf dem Papier groß aus, wenn man aber auf die strukturelle Ebene schaut, verbirgt sich dahinter oft eine prekäre personelle Ausstattung. Hat sich in der Hinsicht in den letzten 20 Jahren viel getan?

Es ist viel in Bewegung, und ich meine, was sind schon 20 Jahre? Es gibt viele Orchester und Häuser, die sehr aktiv geworden sind. Die Umverlagerung von Stellen und der Stellenwert der Musikvermittlung innerhalb eines Hauses sind oft noch nicht an dem Punkt, wo ich sie mir wünschen würde, da geben ich Ihnen sofort recht. Als ich nach Zürich kam, habe ich in diesem Bereich sofort um 100 Prozent aufgestockt. [Es gibt dort heute im Bereich Musikvermittlung zwei volle Stellen, verteilt auf 3 Personen.] Das, was wir bewegen wollen, das braucht Arbeitskraft und gute Köpfe.

Ilona Schmiel bei der Entgegennahme des Junge-Ohren-Preises »Charakter« am 27. November 2018 in Dortmund umgeben von Musikvermittler/innen, mit denen sie in Bremen, Bonn und Zürich gemeinsam Programme gestaltet hat.
Ilona Schmiel bei der Entgegennahme des Junge-Ohren-Preises »Charakter« am 27. November 2018 in Dortmund umgeben von Musikvermittler/innen, mit denen sie in Bremen, Bonn und Zürich gemeinsam Programme gestaltet hat.

Hinter vorgehaltener Hand erzählen einem Musikerinnen und Musiker aus Orchestern oft, dass sie mit Musikvermittlung nichts anfangen können. Was sagen Sie denen?

Das ist ständig ein Thema. Die Frage, wie sich Musikerinnen und Musiker einbinden lassen, ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Sie können bei 100 Musikern aber nicht erwarten, dass darunter 80 Musikvermittler sind. Natürlich gibt es viele, die sagen, ›das ist doch nicht unsere Hauptaufgabe‹, und das ist sie auch nicht. Aber es ist eine Aufgabe, die zunehmend mehr in das Berufsfeld des Berufsmusikers fällt. Ich kann aber auch nicht einfach einen Musiker in eine Schule oder ein Projekt schicken, ohne dass ich vorher mit ihm diskutiere, was erwartet wird. Eigentlich ist jedes Konzert bereits Musikvermittlung. Wenn ich nicht auf der Stuhlkante spiele, habe ich den Abend verschenkt. Immer. Unabhängig davon, ob da ein Stammpublikum sitzt oder potentielle neue Hörer.

Sie saßen letztes Jahr in der Jury des Programms Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland. Viele Orchester haben im Rahmen der Förderung zum Teil innovative Musikvermittlungsprojekte entwickelt, die jetzt nach zwei Jahren Förderung wieder in der Versenkung zu verschwinden drohen. Haben Sie da als Jury Einfluss drauf?

Nein, ich habe keinen Einfluss auf die politischen Entscheidungen, die damit verbunden sind. Aber jeder, der ein neues Projekt durchführt, hat die Verantwortung, sich von Beginn an zu fragen: Wenn das erfolgreich ist, wie kann ich danach weitere Gelder akquirieren, um es zu optimieren und weiterzuführen? Wer das nicht tut und einfach meint, ich mache zwei Jahre das Projekt und ›halte dann die Hände auf‹, den halte ich für verantwortungslos.

Waren die letzten vier Jahre in Zürich eigentlich die schwierigsten Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn?

Es kam sehr viel zusammen. Ich würde sagen, es war die dichteste Zeit. Mit 30 hat man den Vorteil, dass man glücklicherweise nicht bei allem weiß, was auf einen zukommt. Man fällt viele Entscheidungen zum ersten Mal. Als der Ruf nach Zürich kam, war mir klar, dass es bestimmte Herausforderungen geben würde – mit einem neuen Chefdirigenten, der schon gewählt war, anzufangen. Ich wusste, dass das Thema Auszug, Umzug, Interimsspielstätte eines werden kann, wenn die Volksabstimmung sich positiv entwickelt … Ich bin ein Mensch, der das Risiko und Veränderungen liebt, ich bin nicht gut, wenn Routine eintritt. Und ich wollte nach 15 Jahren Deutschland auch ins Ausland.

Wie lange haben Sie denn gebraucht, sich in Zürich zu akklimatisieren?

Ungefähr ein Jahr, bis man ganz unterschiedliche Situationen erlebt hat, bis man viele Orte gesehen hat, viele Menschen getroffen hat.

Ihr ehemaliger Chefdirigent Lionel Bringuier, der mit Ihnen in Zürich anfing und dessen Vertrag nicht verlängert wurde, war bei seinem Antritt gerade 27 Jahre alt. Würden Sie im Nachhinein sagen, dass es eigentlich Wahnsinn ist, jemanden so jung für so eine Position auszuwählen?

Es ist müßig über die Altersfrage zu diskutieren. Die Frage ist, was passt wann zu wem, und diese Antwort ist in der jetzigen Situation gegeben worden.

Sie sind seit zwanzig Jahren in Positionen, in denen Sie sich – zumindest öffentlich – sehr diplomatisch ausdrücken müssen …

Wenn es um bestimmte Positionen geht, ist natürlich Diplomatie gefragt, man möchte ja niemanden schädigen …

Das heißt, wenn ich Sie jetzt frage, warum Sie für die Intendanz der Berliner Philharmonikern abgesagt haben …

[schweigt und lächelt]

Ihr neuer Chefdirigent Paavo Järvi, der nächste Saison anfängt, wird dann neben der Tonhalle noch das NHK Symphony Orchestra in Tokyo, die Kammerphilharmonie in Bremen und sein eigenes Festival in Estland leiten. Haben Sie keine Angst, dass er nicht genügend Zeit hat für Zürich?

Ich glaube, dass er ein Mensch ist, der aus diesen Ergänzungen gut seine Kraft schöpft. Er ist auch nicht jemand, der als Gastdirigent jede Woche woanders sein muss. Er ist jetzt in der Lebensphase, wo er mit Kontinuität etwas erreichen möchte. Und dafür ist das Potential bei uns da. Wir sind ein relativ junges Orchester, viele Positionen sind richtig gut besetzt, Paavo Järvi hat das perfekte Alter, eine Wahnsinnsenergie, wir sind zusammen ein gutes Team, wir sind gute Sparringspartner und wir können uns gegenseitig gut einschätzen. Es gibt eine große Offenheit im Umgang miteinander, was ich wichtig finde.

Sie waren nicht das einzige Orchester, das ihn gerne gehabt hätte. Wie haben Sie ihn überzeugt?

Man muss halt schneller sein, außerdem kennen wir uns lange (lacht). Ich habe, damals noch in Bonn, irgendwann mal im Jux gesagt, ›wäre ja toll, wir würden mal intensiver zusammenarbeiten‹, und dann gibt’s plötzlich den Punkt, wo sich alles aufeinander zubewegt.

Wenn Sie aus der Vogelperspektive auf die Klassikkultur blicken, was braucht es mehr?

Es braucht Mut, es braucht Risikogeist, es braucht viel mehr dieses ›an Themen dranbleiben‹, und nicht gleich aufgeben, wenn Besucherzahlen nicht optimal sind. Es braucht wahnsinnig viel Enthusiasmus, Gremien und Politiker mehr und mehr davon zu überzeugen, dass das, was wir tun, eine ganz entscheidende Bedeutung in unserem gesellschaftlichen Leben hat.

Schmort das Klassik-Management zu sehr im eigenen Saft? Bräuchte es mehr Leute von außen?

Man braucht eine gute Durchmischung. Man muss schon sehen, dass man in seine Teams nicht nur Leute holt, die schon aus dem kulturellen Bereich kommen, sondern zum Beispiel auch welche aus Medien- und IT-Berufen. Aber sie müssen neugierig sein. Sie dürfen keine Verwalter sein. Und sie müssen Lust auf Verantwortung haben. Das ist etwas, was ich in der Generation zwischen 25 und 35 wirklich vermisse. Wenn ich heute manchmal jungen Menschen eine Position anbiete und die sagen mir, ›ich bin noch nicht so weit‹, dann denke ich, das kann doch nicht sein. Ich hätte zu dem Zeitpunkt mit meinen Kommilitonen gesagt, wir stemmen das jetzt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass zu viel Sattheit da ist.

Wie kommt es, dass bei Ihnen in dieser Spielzeit nur eine einzige Dirigentin zu Gast ist [Yi-Chen Lin in zwei Familienkonzerten am 3. März 2019]?

Es kommen auch wieder mehr. Für mich gibt es ausschließlich künstlerische Kriterien, nicht ob man mehr Frauen braucht.

Die Interimsspielstätte des Tonhalle-Orchester Zürich auf dem Maag-Areal im Zürcher Westen. Foto © Hannes Henz
Die Interimsspielstätte des Tonhalle-Orchester Zürich auf dem Maag-Areal im Zürcher Westen. Foto © Hannes Henz

Über die Tonhalle liest man oft, dass das Publikum sehr alt ist. Stimmt das?

Unser Publikum ist vielleicht ein bisschen älter als das einiger Orchester in Deutschland oder Österreich, aber wir tun viel, um dies zu ändern. Durch den Umzug in die Interimsspielstätte erreichen wir auch ein jüngeres Publikum. Ich hoffe sehr, dass wir das auch wieder mitnehmen können zurück an den See. Andererseits stelle ich mir oft die Frage: Unser Stammpublikum ist die Urgroßeltern- und Großelterngeneration, warum kommen deren Kinder nicht? Abonnements wurde lange Zeit vererbt, das passiert heute nicht mehr. Das hat mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Viele kommen heute an ihre Grenzen, sich frühzeitig festzulegen. Deswegen glaube ich persönlich daran, dass das klassische ›Abonnement‹ sich stark verändern wird. Ich möchte, dass die Menschen so oft wie möglich zu uns kommen. Aber ob diese Festlegung zum Beispiel auf einen bestimmten Wochentag noch lange funktioniert, da bin ich mir nicht mehr sicher.

Das Wegbrechen des Abopublikums geht auch mit einer ökonomischen Planungsunsicherheit einher. Wie könnten Sie das auffangen?

Damit muss ich umgehen. Darauf habe ich noch keine abschließende Antwort. Wir analysieren gerade, warum jemand nicht mehr kommt, wohin jemand wechselt, wo es eventuell eine höhere Attraktivität gibt. Es gibt dafür auch ein paar ganz simple Faktoren. Der Freitagabend war in der Tonhalle am See ein wirklich schwieriger Konzerttag, in der Tonhalle Maag ist es der beste. Wahrscheinlich liegt es an der Faszination, sich neu in ein Industriequartier zu begeben. Für andere Städte ist das gar nicht so sensationell, aber in Zürich ist es wirklich ein Riesensprung, sich vom See dorthin zu begeben. Wir haben etliche Stammkunden, die nie zuvor in diesem Gebiet waren. Sie kommen bevorzugt am Freitag und gehen nach dem Konzert hier gerne aus.

Die Tonhalle Maag bei der Eröffnung im September 2017 Foto © Tonhalle Orchester / Priska Ketterer
Die Tonhalle Maag bei der Eröffnung im September 2017 Foto © Tonhalle Orchester / Priska Ketterer

In der Klassikkultur mahlen die Mühlen eher langsam, es wird lange an etwas festgehalten. Haben Sie da nicht Lust, nach so vielen Jahren mal die Szene zu wechseln?

Das wäre denkbar, wenn ein Punkt kommt, an dem ich das Gefühl habe, nicht mehr genügend bewegen oder weiterentwickeln zu können. Aber Sie haben schon Recht mit dem konservativen Tanker, in der Klassik wird oft viel bis zum bitteren Ende betrieben …

… und am Ende will der Großteil der Zuhörer sowieso am liebsten einfach ins klassische Konzert(-format) gehen und Beethovens 7. hören …

Deswegen sind die 20 Prozent, wo man was Anderes tut, wo man verführt, aneckt, Diskussionen führt, immens wichtig. Aber genauso wichtig ist es, Beethovens 7. so zu interpretieren, dass jemand, der sie schon sehr gut kennt und jemand, der noch nie im Konzert war, sagt, ›wow, da muss ich wieder hin‹. Dazu kommt, dass die zeitgenössische Musik aus der Nische raus muss. Diese Nischenpolitik, die lange betrieben wurde, die totale Spezialisierung, bringt nicht mehr Menschen zusammen, sondern hat sie ausgegrenzt. Es ist ein kleiner Club, in dem man sich immer wieder selbst miteinander beschäftigt.

Clubs haben ja für viele einen großen Reiz …

… ja, aber sie verweigern anderen einen Zugang. Mir geht es bei jedem Angebot, das wir machen, darum, Menschen zu erreichen. Wenn wir nicht immer mehr Menschen dafür begeistern, dann haben wir noch nicht alles dafür getan.

Wie wollen Sie zeitgenössische Musik denn aus der Nische herausbringen?

Indem wir sie zum Beispiel ins normale Aboprogramm integrieren, auch wenn das nicht alle mögen. Man muss eine gute Balance finden. Es darf nicht in die Richtung der totalen Innovation kippen, wo man zu viele verliert. Es geht mir nicht darum, Menschen zu vergraulen. Aber ich möchte immer wieder die Ohren öffnen und immer mal wieder provozieren, um danach das Bekannte anders zu hören. Mein Traum ist es ohnehin, gar nicht mehr das Programm anzukündigen, eigentlich auch gar nicht mehr, wer spielt. Sondern einen Tag und eine Uhrzeit, und so viel Vertrauen zu haben, dass die Menschen sagen: ›Das wird schon gut sein.‹

Sie haben Ihren Vertrag in Zürich bis 2024 verlängert. Nehmen wir an, Sie hören dann auf. Was wollen Sie hinterlassen?

Ganz konkret: eine hör- und sichtbare qualitative Verbesserung des Tonhalle-Orchesters Zürich, die es bis 2024 in eine nächste Liga überführt.

Woran ließe sich das messen?

An der großen Begeisterungsfähigkeit von der Bühne und im Saal. Die wird vor Ort wirken und auch international für noch größere Attraktivität und Aufmerksamkeit sorgen. Und ich hoffe bis dahin einen Prozess angestoßen zu haben, dass diese Institution für das 21. Jahrhundert relevant bleibt.

Das Tonhalle-Orchester in der Tonhalle Maag Foto © Paolo Dutto
Das Tonhalle-Orchester in der Tonhalle Maag Foto © Paolo Dutto

Gibt es die Institutionen Orchester und Konzerthaus, wie wir sie heute kennen, noch in fünfzig Jahren?

Nur wenn wir es schaffen, dass wir das Konzerthaus morgens schon öffnen und drinnen etwas passiert. Wenn sich Menschen dort aufhalten und sagen, das ist ein Ort, an dem ich mich wohlfühle. Nur wenn das Orchester es schafft, das Konzertritual positiv zu kultivieren, aber ansonsten auch multimedial und in allen Technologien, die entstehen werden, immer wieder eine Antwort für sich selbst findet, sich diese Möglichkeiten zunutze zu machen. Dennoch wird sicherlich nicht alles überleben, was wir heute sehen und schaffen.

Wird die neue Tonhalle so ein offener Ort sein?

(leicht gequält) Nein, aber wenn es ein Neubau gewesen wäre… Aber man kann sie an manchen Punkten durchlässiger machen. Das Foyer oder die schöne neue Terrasse, alle Optionen für eine Öffnung schauen wir uns an.  

Auf der Seite der Tonhalle ist Ihre eigene E-Mail Adresse angegeben. Landen alle E-Mails, die an die Adresse gehen, wirklich direkt bei Ihnen?

Ja, und ich lese sie auch alle. Manchmal bekommt man unterirdischste E-Mails, aber ich versuche, mit den Leuten in den Dialog zu kommen, außer es sind nur verächtliche Kommentare. Die positive Auseinandersetzung miteinander meine ich ernst. Ich lerne von diesen Besucherinnen und Besuchern ja auch viel darüber, wie unsere Arbeit von außen gesehen wird.

»Mein Traum ist es, gar nicht mehr das Programm anzukündigen, eigentlich auch gar nicht mehr, wer spielt. Sondern einen Tag und eine Uhrzeit, und so viel Vertrauen zu haben, dass die Menschen sagen: ›Das wird schon gut sein.‹« Ilona Schmiel, Intendantin des @TOZuerich, in @vanmusik.

Das heißt, Sie laden die Absender der E-Mails dann zu sich ein?

Immer wieder. Es gibt Dinge, die ich so interessant finde oder so krude, dass ich denke, die Person dahinter, die möchte ich einfach mal sehen. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben am Anfang gesagt, ›nein, das ist hier in der Schweiz anders, die Leute werden nicht kommen‹. Und es war genau das Gegenteil. Manchmal sitzen dann auch Menschen vor einem, die haben wirklich etwas geschrieben, wo ich denke, das passt doch gar nicht, ist doch eigentlich ein ganz netter, kultivierter Mensch. Die meisten bedanken sich, dass sie eingeladen werden. Dann gibt es auch Menschen, die sich entschuldigen, aber darum geht’s mir gar nicht. Obwohl ich schon manchmal frage, ›wissen sie, was sie da geschrieben haben, so kurz vor Mitternacht? Wenn ich nicht ein dickes Fell hätte, könnte das einem schon den Schlaf rauben.‹ ›Ich wusste ja nicht, dass sie das lesen‹. ›Sie haben es doch an meine Adresse geschickt.‹ ›Wieso sind sie denn um die Uhrzeit überhaupt noch wach?‹ ›Weil ich mit Künstlern essen war und daher um Mitternacht noch fit bin.‹ ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.