Franz Schuberts Unvollendete genannte Sinfonie h-Moll D 759 aus dem Jahr 1822 ist neben Mozarts Requiem KV 626 (1791) das wohl bekannteste Musikfragment aller Zeiten. Mag uns allein der Begriff »unvollendet« zunächst mit Traurigkeit umgeben, so ist zu bedenken, dass eben jenes »Fragmentarische« Schuberts für gleich mehrere Generationen von zeitgenössischen Komponisten im 20. und noch im 21. Jahrhundert zur höchst bejahenden Vorlage für die Titelgebung vermeintlich »brüchiger Musik« wurde. Unzählige Werke werden bis heute mit »Fragment« überschrieben oder gar zusätzlich mit den bedeutungsschwangeren drei Punkten vorne und hinten im Titel versehen. Mit authentischer Verletzlichkeit, offener Brüchigkeit oder tatsächlicher Unvollendetheit haben diese Stücke jedoch meist nichts zu tun. Style, nichts als Style!

Warum Schuberts Sinfonie h-Moll, die erst am 17. Dezember 1865, also 37 Jahre nach dem Tod des Komponisten in Wien uraufgeführt wurde, unvollendet blieb, darüber haben sich schon zahlreiche Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler die Köpfe zerbrochen. Einer Theorie nach hatte Schubert die Arbeit an der Sinfonie im dritten Satz abgebrochen, weil er darin angeblich selbst Analogien zum dritten Satz von Beethovens zweiter Sinfonie erkannt hatte; ein weiteres Beispiel für den zu häufig bemühten Vergleich zweier doch sehr unterschiedlicher Komponisten, der für Schubert, inzwischen vor vorgehaltener Hand, regelmäßig schlecht ausging – natürlich völlig zu Unrecht. Schubert hat nie vor dem machtvollen Werk Beethovens »kapituliert«, er war schlichtweg seinem eigenen Schaffen gegenüber recht kritisch eingestellt. Schubert litt eher an einem Ideen-Überschuss, was sich schon anhand der vielen abgebrochenen Klaviersonaten zeigt. Nie wieder möge in Einführungen und Programmtexten zu Konzerten, in denen Schubert, aber nicht Beethoven erklingt, über Beethoven gesprochen und geschrieben werden! In Zeiten der Gender-Correctness müssten wir es ebenso mit der Schubert-Beethoven-Correctness halten – und folglich, wenn auf Beethoven die Sprache kommt, stets auch Schubert erwähnen. Schubert konnte die weitaus schöneren Melodien erfinden, entwickelte ganz eigene sinfonische Strategien und setzte revolutionär überraschende Harmonieblöcke gegeneinander. Ohne Schubert kein Bruckner. Und was wären wir ohne Bruckner? Unspirituelle Zyniker.

