Das Iceland Symphony Orchestra, sein linsenübersätes Konzerthaus und die filterlose Kultur drumherum
Et hätt noch emmer joot jejange.
Woran sich bildsüchtige Augen in Island als Erstes gewöhnen müssen, ist die visuelle Überreizung. Man erkennt die, die zum ersten Mal hier sind, daran, dass sie schon im Bus vom internationalen Flughafen Keflavík nach Reykjavík mit der Kamera an der Windschutzscheibe kleben. Die anderen denken dann: Wartet, bis ihr erst die Vulkane, die Gletscherseen, Geysire und Wasserfälle seht. Wo jeder Blick verwertungsökonomisch das perfekte Instagram-Bild sein könnte, wirkt es fast wie eine ironische Geste, dass Olafur Eliasson die Fassade von Harpa, des 2011 eingeweihten Konzerthauses im Reykjavíker Hafen, mit Waben aus dichroitischem Glas versehen hat, die wie übergroße Filterlinsen wirken. In einem für Eliasson typischen Amalgam aus technischer Finesse und organischem Spiel mit den Sinnen brechen die Glaselemente das Tageslicht und reagieren mit wechselnden Farben auf Tageszeit und Wetter. Wenn man drinnen steht und hinausschaut, tauchen Hafen und Reykjavíks Hausberg Esja in gelb, orange und grün auf. Mit dem Bau von Harpa wurde 2007 begonnen, zur Hochzeit des isländischen Goldrauschs. Das Konzerthaus war Teil eines groß angelegten Entwicklungsplans, zu dem auch ein 5-Sterne Hotel und eine Art isländisches World Trade Center gehörten. Ein Jahr später kam der Crash, die Banken gingen reihenweise pleite, mit ihnen auch die private Investorengruppe des Hafenareals. Aus Harpa drohte eine Bauruine als Mahnmal des Größenwahns zu werden, der als Ursache der Krise ausgemacht wurde. Heute ist das Konzerthaus Wahrzeichen, Architektur gewordener Nationalstolz und Symbol für die isländische Willenskraft, sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen. Zunächst gab es aber einigen Unmut darüber, dass die 160 Millionen Euro Baukosten verstaatlicht wurden, während gleichzeitig rigider Sozialabbau betrieben wurde. Die Erzählung konnte vielleicht nur eine gute Wendung nehmen, weil man die Durchlässigkeit der Fassade zur programmatischen Ausrichtung machte: Harpa ist ein offener Raum, man kann sich jederzeit hineinbegeben, durch die großen verkanteten Quader stromern, auf den ausladenden Treppen hoch- und runterwandeln, die Blickwinkel und Perspektiven ausloten.

