Das Iceland Symphony Orchestra, sein linsenübersätes Konzerthaus und die filterlose Kultur drumherum

Text · Titelbild Derek Cosslett (CC BY-NC-ND 2.0) · Datum 31.5.2017

Et hätt noch emmer joot jejange.

Woran sich bildsüchtige Augen in Island als Erstes gewöhnen müssen, ist die visuelle Überreizung. Man erkennt die, die zum ersten Mal hier sind, daran, dass sie schon im Bus vom internationalen Flughafen Keflavík nach Reykjavík mit der Kamera an der Windschutzscheibe kleben. Die anderen denken dann: Wartet, bis ihr erst die Vulkane, die Gletscherseen, Geysire und Wasserfälle seht. Wo jeder Blick verwertungsökonomisch das perfekte Instagram-Bild sein könnte, wirkt es fast wie eine ironische Geste, dass Olafur Eliasson die Fassade von Harpa, des 2011 eingeweihten Konzerthauses im Reykjavíker Hafen, mit Waben aus dichroitischem Glas versehen hat, die wie übergroße Filterlinsen wirken. In einem für Eliasson typischen Amalgam aus technischer Finesse und organischem Spiel mit den Sinnen brechen die Glaselemente das Tageslicht und reagieren mit wechselnden Farben auf Tageszeit und Wetter. Wenn man drinnen steht und hinausschaut, tauchen Hafen und Reykjavíks Hausberg Esja in gelb, orange und grün auf. Mit dem Bau von Harpa wurde 2007 begonnen, zur Hochzeit des isländischen Goldrauschs. Das Konzerthaus war Teil eines groß angelegten Entwicklungsplans, zu dem auch ein 5-Sterne Hotel und eine Art isländisches World Trade Center gehörten. Ein Jahr später kam der Crash, die Banken gingen reihenweise pleite, mit ihnen auch die private Investorengruppe des Hafenareals. Aus Harpa drohte eine Bauruine als Mahnmal des Größenwahns zu werden, der als Ursache der Krise ausgemacht wurde. Heute ist das Konzerthaus Wahrzeichen, Architektur gewordener Nationalstolz und Symbol für die isländische Willenskraft, sich am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen. Zunächst gab es aber einigen Unmut darüber, dass die 160 Millionen Euro Baukosten verstaatlicht wurden, während gleichzeitig rigider Sozialabbau betrieben wurde. Die Erzählung konnte vielleicht nur eine gute Wendung nehmen, weil man die Durchlässigkeit der Fassade zur programmatischen Ausrichtung machte: Harpa ist ein offener Raum, man kann sich jederzeit hineinbegeben, durch die großen verkanteten Quader stromern, auf den ausladenden Treppen hoch- und runterwandeln, die Blickwinkel und Perspektiven ausloten.

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Auch das Iceland Airwaves Festival hat sich Harpa mittlerweile einverleibt, im Dezember kuratieren Sigur Rós im Gebäude ein eigenes sechstägiges Festival. Einzig die in Reykjavík mittlerweile unvermeidlichen Souvenirläden mit Stofftier-Puffins, Glitzerkugeln mit Elfenbewohnern und Wollpullovern stören ein wenig. Auf Harpa passt ein Sprichwort, das die Isländer ziemlich oft verwenden und zum wundersamen Pragmatismus des kleinen Landes passt: »Þetta reddast«, auf Kölsch: Et hätt noch emmer joot jejange.

»Wir haben kein Schloss in Island, dies ist unser Palast.«

Im großen Saal von Harpa, der 1.800 Sitzplätze fasst, hat das Iceland Symphony Orchestra seine Heimstätte gefunden. Der Saal heißt Eldborg, »die Feuerburg«, ein Name für den Krater eines Vulkans. Er ist ganz in lavarot gehalten, seine Betonwände können aufgeklappt werden, um die dahinterliegenden Resonanzkammern zu öffnen. »Der Saal ist an sich schon ein Instrument«, erzählt mir die Managerin des Orchesters, Arna Kristín Einarsdóttir. »Wir haben kein Schloss in Island, dies ist unser Palast.« Ich treffe sie in ihrem Büro an der Rückseite von Harpa. Vom Schreibtisch aus geht der Blick direkt durch Eliassons Wabenfilter in die Weite, am Horizont schillert die Gletscherkuppe des Vulkans Snæfellsjökull, in dessen Krater Jules Verne in Reise zum Mittelpunkt der Erde den Einstieg in die Unterwelt anlegt. Einarsdóttir erzählt mir von den Anfängen des Orchesters. Bis zu seiner Gründung 1950 gab es lediglich eine kleine musikalische Gesellschaft, das Reykjavík Orchestra (Hljómsveit Reykjavíkur), die sich erstmals anlässlich eines Besuchs des dänischen Königs 1921 versammelte und sich aus Laienmusikern zusammensetzte.

Das Hljómsveit Reykjavíkur, der Vorgänger des ISO, auf einem Foto aus dem Jahr 1925.
Das Hljómsveit Reykjavíkur, der Vorgänger des ISO, auf einem Foto aus dem Jahr 1925.

Das erste vollständige Symphoniekonzert in Island fand erst 1926 statt, als eine Abordnung der Hamburger Philharmoniker im Sommerurlaub ein paar Konzerte in Island spielte. Es dirigierte ein 27-jähriger Isländer namens Jón Leifs, der später mit programmatischen Orchesterwerken wie Hekla oder Geysir eine neue isländische Kompositionstradition begründete. Das Iceland Symphony Orchestra ist heute das einzige professionelle Sinfonieorchester des Landes. Ist es Vor- oder Nachteil, der Platzhirsch zu sein? »Es ist beides«, erzählt Einarsdóttir. »Es ist aber immer gut für uns und für unsere Zuhörer, wenn internationale Orchester wie die Göteborger Symphoniker oder die Berliner Philharmoniker zu Besuch kommen, damit wir sehen, dass wir mit den Besten mithalten können.« Bis 2011 spielte das ISO im Háskólabíó, dem Universitätskino. Der Umzug in die Harpa-Konzerthalle bedeutete in jeder Hinsicht einen Quantensprung. Als Nächstes stehe an, wieder auf die internationale Landkarte zu kommen. »Es ist nicht leicht, wenn du mit etwas aufgehört hast, wieder damit anzufangen.« Noch ein Jahr vor der Krise ging man auf große Europatournee, spielte im Februar in Köln, Düsseldorf, Braunschweig, Zagreb und Wien, und im November in Berlin und München. Als der Crash hereinbrach, war man gerade im Aufbruch nach Japan begriffen. Man musste kurzfristig absagen, weil die Banken kein Geld mehr ausspuckten. Seitdem ist es schwieriger geworden, die isländische Währung ist so volatil, dass jede längerfristige Planung einer Lotterie gleicht. 2013 lud das Kennedy Center das Orchester zum Nordic Cool Festival nach Washington ein, 2014 debütierte man bei den Proms in London, diese Saison führte ein Gastspiel nach Göteborg, 2018 ist eine Tournee nach Japan in Planung.

Die Managerin des ISO, Arna Kristín Einarsdóttir, erzählt über den Umzug des Orchesters in das neue Konzerthaus Harpa.

Die Szene

Ein kalter Novembertag in Reykjavík. Der Wind peitscht die Kälte gegen das Gesicht und lässt es zu einer schmerzenden Maske erstarren. Die Einzigen, die sich draußen herumtreiben, sind Touristen oder Herrchen und Frauchen, die ihre Hunde ausführen. Im Café Vinyl liegen alte Ausgaben der britischen Musikzeitschrift »The Face« aus. Ich blättere hindurch und bleibe bei einem Cover aus dem November 1993 hängen. »Björk – Licking the Ice Queen«. Damals hatte sie gerade ihr erstes Solo-Album Debut herausgebracht und war die Sensation. Ihre Musik und Selbststilisierung verbanden sich mit den exotischen Phantasien, die man andernorts von Island hatte. Die Insel katapultierte sich ans Firmament der Popkultur als neuer Sehnsuchtsort, und Björk wurde zu seinem Totem. Alles was im Anschluss aus Island kam, ging weg als der neue heiße Scheiß, Sigur Rós, Múm, GusGus, FM Belfast, Ben Frost, Singer-Songwriter, Elektronica, Ambient oder Drone. In letzter Zeit scheint es, als zöge die Kunstmusik langsam nach. Im Februar veranstaltete die Elbphilharmonie das dreitägige Festival »Into Iceland«, im April zog das LA Philharmonic mit dem Reykjavík Festival nach, man findet isländische Komponisten wie Jón Leifs, Haukur Tómasson, Anna Þorvaldsdóttir und Daníel Bjanarson immer häufiger in Konzertprogrammen.

Statistisch gesehen kennt jeder jeden über 6,6 Ecken, in Island schrumpft die Bekanntschaftskette beträchtlich, in der Musikszene wird aus der Ecke dann vollends eine gerade Linie. Jeder spielt mit jedem, man hat ziemlich schnell verstanden, dass Kollaboration mehr Sichtbarkeit erzeugt als gegenseitige Abgrenzung. Im Grunde ist man eine einzige große Posse, gruppiert um ein paar Knotenpunkte wie das Kollektiv Bedroom Community. Ein Mitglied, der Komponist und Dirigent Daníel Bjarnason, ist auch Artist-in-Residence des ISO. Das Orchester spielt seit den 2000ern regelmäßig mit den lokalen Größen der Popularmusik. Beim letzten Airwaves-Festival begleitete es Björk bei einem zweistündigen Auftritt in Harpa und gestaltete ein Konzert zusammen mit der Bedroom Community.

Die Musik

»Jeder mit jedem« bringt noch etwas mit sich: Jeder ist ein Tausendsassa und Multitalent. Vor allem im Sport hat man das außerhalb Islands zuletzt verwundert zur Kenntnis genommen. Der Trainer der isländischen Fußballnationalmannschaft ist gleichzeitig auch Zahnarzt auf den Westmännerinseln, der isländische Trainer, der die deutsche Handballnationalmannschaft letztes Jahr sensationell zum EM-Sieg geführt hat, ist eine Art Serial Entrepreneur, der auch schon mal mit Autoteilen handelte. Bei der Musik ist es auch so, zumindest ist die »Überwindung der Genregrenzen« hier kein rhetorischer Marketing-Sprech für Beliebigkeit und Gleichförmigkeit, sondern seit jeher Normalfall und Überlebensstrategie. »Eine ›Do-It-Yourself‹-Einstellung« nennt es Valgeir Sigurðsson, der viele Jahre Produzent von Björk war, in seinem Greenhouse Studio mit so unterschiedlichen Künstlern wie Bonnie ‘Prince’ Billy, Feist, Damon Albarn, Hilary Hahn, Sigur Rós und Brian Eno zusammenarbeitete und 2006 zusammen mit Ben Frost und Nico Muhly die Bedroom Community gründete. »Man muss immer einen offenen Radar haben, wenn man hier als Musiker überleben will, und sich am besten nicht auf ein Genre beschränken. Viele der Studiomusiker, mit denen wir arbeiten, spielen im Iceland Symphony Orchestra und vielleicht daneben noch in fünf anderen Projekten. Die Leute machen sich nicht verrückt darüber, ob sie jetzt auf einem Album mit experimenteller elektronischer Musik spielen oder zeitgenössischer klassischer Musik, es gibt diese Engstirnigkeit nicht. Alles ist erlaubt. Du musst es nur herausfinden.«

»Es gibt hier auch gar keinen anderen Weg«, beschreibt es Einarsdóttir. »Jeder in der isländischen Gesellschaft muss mehrere Rollen ausüben, niemand kann sich nur auf ein Spezialistentum beschränken. Stattdessen sind wir ziemlich gut darin, flexibel zu sein und den Blick fürs Ganze bewahren«. Wie lässt sich das vereinbaren mit der Verfeinerung von Spieltechniken und der Forderung nach Expertenwissen, das sowohl in der Neuen Musik, besonders aber im Bereich der historisch informierten Aufführungspraxis zum Gebot der Stunde gehört? »Das ist schwierig, wir machen wenig Alte Musik, und wenn, müssen wir es auf modernen Instrumenten spielen.« Und was sagt der Chefdirigent dazu? »In dieser Zeit der Über-Spezialisierung mag ich weiterhin den Gedanken, dass es in der Musik eine Universalität gibt«, sagt Yan Pascal Tortelier, den ich in seinem Dirigentenzimmer im Backstagebereich von Harpa treffe. »Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein guter Musiker gut in Tschaikowski, aber schlecht in Ravel ist.«

Isländische Musik ist Kernkompetenz und Alleinstellungsmerkmal des Orchesters, von dessen 95 festangestellten Musiker*innen zwei Drittel aus Island kommen. Ilan Volkov, der von 2011 bis 2014 Torteliers Vorgänger war, hat in drei Jahren 25 Stücke isländischer, meist noch lebender Komponisten eingespielt, wie er uns jüngst im Interview erzählte. Volkov gründete 2012 auch das Festival Tectonics, dessen Name sich ableitet von den beiden Kontinentalplatten, der eurasischen und der amerikanischen, die in der Nähe von Reykjavík aufeinandertreffen (beziehungsweise sich mit einer Geschwindigkeit von circa 2cm im Jahr voneinander entfernen). Für das US-amerikanische Label Sono Luminus wird das ISO in den nächsten Jahren neue Werke zeitgenössischer isländischer Komponisten einspielen, die erste Aufnahme mit Musik von Daníel Bjarnason, Þuríður Jónsdóttir, María Huld Markan Sigfúsdóttir, Anna Þorvaldsdóttir und Hlynur A. Vilmarsson ist im April erschienen. »Zeitgenössische Musik zu spielen, fühlt sich für uns ganz normal an«, sagt Einarsdóttir. »Die Tradition wiegt nicht so schwer, es gibt einen natürlichen Hunger nach Neuem und Unbekanntem«.

Ich frage sie nach ihrem Lieblingsstück isländischer Musik. »Landsýn von Jón Leifs«, antwortet sie. »Es fängt an mit diesem unglaublichen Kontrafagott, das die tiefste Note spielt, die man sich vorstellen kann. Eigentlich klingt es gar nicht nach einer Note, es hat diese unergründliche Textur, wie ein tiefes Grollen. Für mich fühlt es sich an wie der Grundton Islands. Was ich an Leifs Musik so unglaublich finde: Es gibt eine Reihe anderer isländischer Komponisten, die zur selben Zeit wie er gelebt haben, aber seine Musik spricht einen als Isländer so unmittelbar an. Woher kommt das? Ich kann es nicht erklären, aber wenn ich seine Musik höre, denke und empfinde ich: Das ist Island.«

Einen Raum weiter bin ich mit Sigrún Eðvaldsdóttir verabredet, die seit 1998 erste Konzertmeisterin des ISO ist. Wir reden über die Entwicklung des Orchesters, Höhepunkte und die Klangidentität. Nach dem Umzug in das neue Konzerthaus sei man zuerst etwas nervös gewesen, weil man plötzlich so exponiert gewesen sei, erzählt Sigrun. »Dadurch sind wir disziplinierter und flexibler darin geworden, Probleme zu lösen«.

Sigrún Eðvaldsdóttir, seit 1998 erste Konzertmeisterin des ISO, über den Klang des ISO.

Der Talisman

Noch wichtiger als Harpa war für die Entwicklung des Orchesters vielleicht eine Begegnung, die sich im Moskauer Konservatorium Anfang der 1960er Jahre zutrug. Dort verliebten sich eine isländische Klavierstudentin und ihr sowjetischer Kommilitone, der kurz vor der Weltkarriere stand. Þórunn Jóhannsdóttir und Vladimir Ashkenazy heirateten 1961 in Moskau (Jóhannsdóttir musste dafür ihre isländische Staatsbürgerschaft aufgeben). Zwei Jahre später verließen die beiden die UdSSR. Nach einigen Jahren in London zog man 1968 weiter nach Island, wo sie bis 1978 lebten. 1970 war Ashkenazy eine treibende Kraft hinter der Gründung des Reykjavík Arts Festival. »Alle kamen sie, er brachte Leute wie du Pré und Barenboim das erste Mal nach Island«, erzählt Einarsdóttir. Ashkenazy, der seit 1972 auch die isländische Staatsbürgerschaft besitzt, war nie Chef des Orchesters, aber wurde eine Art Talisman. Das Orchester wiederum wurde eines der ersten, bei denen sich der Pianist als Dirigent probierte. 1978 kam es zum Bruch, nachdem Ashkenazy sich in einem Interview mit einer isländischen Zeitung despektierlich über die Qualität des Orchesters ausgelassen hatte, was bei dessen Mitgliedern nicht so gut ankam. Mittlerweile hat man sich wieder versöhnt, Ashkenazy ist Ehrendirigent und mindestens einmal in der Saison zu Gast. Wenn er dirigiert, erwarte er kein Honorar, erzählt Einarsdóttir. »Er hatte so eine enorme Wirkung auf die Musikszene hier, keine Ahnung wo wir jetzt wären, hätte er damals nicht diese isländische Lady geheiratet.«

Es liegt wahrscheinlich nicht nur an der Qualität des Orchesters und deren Stammdirigenten des Orchesters wie Osmo Vänskä, Hannu Lintu und Ashkenazy und dem Exotikfaktor Islands, sondern auch am sicheren kuratorischen Gespür für musikalische Substanz, dass sich jede Saison eine Reihe wirklich guter Solisten nach Reykjavík aufmacht. Allein letzte Spielzeit waren es, wenn man nur mal die Geiger nimmt, Leute wie Christian Tetzlaff, Viviane Hagner, James Ehnes und Alina Ibragimova; im Oktober kommt Leila Josefowicz.

Der Local Hero

Zwischen der globalen Berühmtheit isländischer Musiker und dem Wegfall der Distanz am Ort ihrer Herkunft besteht ein kurioses Missverhältnis. Die meisten musikaffinen Menschen berichten entgeistert davon, dass sie bei einer kurzen Stippvisite in Reykjavík irgendjemandem sehr Bekanntes über den Weg gelaufen sind. Das Land ist klein, und die meisten wohnen in der Hauptstadt, meistens im Radius der Postleitzahl 101 (bekannt aus dem gleichnamigen Buch und Film). Wer öfter oder ein bisschen länger Zeit in Reykjavík verbringt, der weiß schnell, wo Jónsi von Sigur Rós seinen Kaffee trinkt, Björk ihr Mittagessen isst und in welchem Schwimmbad Ólafur Arnalds im Hot Pot sitzt. (In letzterem sitzt auch Björk, und es liegt gegenüber des Cafés, wo sie frühstückt). Nicht weil man danach suchen würde, sondern weil man sich permanent über den Weg läuft.

Der größte Klassikstar Islands ist Víkingur Olafsson. Er ist allgegenwärtig. 2011 spielte er beim Eröffnungskonzert von Harpa, man vertraute ihm die Auswahl der Konzertflügel an, die das Konzerthaus erwarb. Im Sommer findet alljährlich das Reykjavík Midsummer Music Festival statt, das er 2012 gründete. Als ich ihn in Harpa treffe, probt dort gerade ein Männerchor für sein Jubiläumskonzert zum hundertjährigen Bestehen. Im Backstagebereich steht eine Gruppe von aufrechten knorrigen Männern in feierlichen Anzügen beisammen. Als Ólafsson auftaucht, öffnet sich die Runde kurz und umschließt ihn in ihrer Mitte. Jeder möchte hallo sagen, die einen schütteln feierlich die Hand, andere umarmen ihn herzlich. Da schwingt viel Stolz mit auf den berühmten Sohn, der regelmäßig zu Besuch kommt. Der wiederum weiß, wo er herkommt, und dass es sich gehört, den Älteren Respekt zu zollen. Ich frage Víkingur nach seiner Geschichte mit dem ISO, er erzählt mir von seinem ersten Auftritt mit dem Orchester und dem Alptraum, der diesem voranging:

Víkingur Ólafsson erzählt über seinen ersten Auftritt mit dem ISO.

Die Fans

Unglaubliche 45 Prozent aller Isländer zwischen 18 und 34 Jahren waren schon einmal bei einem Konzert des Iceland Symphony Orchestra, die Auslastung liegt im Moment bei 85 Prozent, obwohl sich mit dem Umzug die Platzkapazitäten von 900 auf 1.800 Sitze verdoppelt haben. Zwei langjährige Fans des Orchesters, Björgvin Ásbjörn Bjarnason und seine Frau Kristjana Sigrún Kjartansdóttir, treffe ich vor einem abendlichen Konzert des ISO im Harpa-Restaurant. Beide sind Ärzte und haben seit zwölf Jahren ein Abo. Das Orchester werde immer besser und besser, sagen sie. Sie sind stolz darauf, dass jetzt die großen Namen in die Stadt kommen. »Jonas Kaufmann gab hier sein erstes Konzert in Skandinavien und fünf Zugaben! Außerdem waren mindestens 300 weibliche Fans aus Deutschland dabei.« Bryn Terfel habe leider bei seinem Auftritt die Stimme verloren und musste das Konzert nach zehn Minuten abbrechen. »Ich preise das Orchester hier immer unter meinen Patienten an«, erzählt Björgvin. »›Wir haben aber nicht viel Geld‹, kommt dann oft als Antwort. ›Die Karte kostet doch nur 2.500 Kronen [ca. 22 EUR]‹, sage ich dann. Die meisten denken, es sei mindestens das Doppelte.« Beim anschließenden Konzert des ISO ist die Garderobe unbewacht und beim Solisten des Abends im Programmheft auch sein Twitteraccount angegeben.

Zwei langjährige Fans des Orchesters, Björgvin Ásbjörn Bjarnason und seine Frau Kristjana Sigrún Kjartansdóttir, vor einem abendlichen Konzert des ISO im Harpa-Restaurant.
Zwei langjährige Fans des Orchesters, Björgvin Ásbjörn Bjarnason und seine Frau Kristjana Sigrún Kjartansdóttir, vor einem abendlichen Konzert des ISO im Harpa-Restaurant.

Das Nachklingen

Als Groundhopper bezeichnet man jene Art Fußballfan, dessen Sammelleidenschaft darin besteht, möglichst viele Spiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien zu besuchen. Wer in Deutschland Mitglied der V.d.G.D. (Vereinigung der Groundhopper Deutschlands) werden möchte, musste in den ersten Jahren 100 Stadien in zehn Ländern (Länderpunkte) besucht haben. 2003 wurden die Regeln verschärft, jetzt müssen mindestens 300 Stadien in 30 Ländern vorgewiesen werden. Es geht um Abenteuerlust und darum, der Kommerzialisierung und dem hohlen Event zu entkommen, indem man sich mit Ländern und Vereinen vertraut macht, wo die Stimmung purer, die Fankultur noch nicht voll und ganz durchkapitalisiert ist, die Stadien schön oder urig. Mit »Einmal ins Camp Nou« fängt es an, und endet in der vierten serbischen Liga. Auch in der Klassikwelt gibt es derartige Fans, auch wenn hier andere Kriterien gelten. Legendäre Säle wie der Wiener Musikverein, die Mailänder Scala oder die Tokioter Suntory Hall, neue Konzerttempel wie die Elbphilharmonie, Harpa oder die Osloer Oper, auratische Festival-Orte wie Bayreuth oder Salzburg, natürlich berühmte Orchester oder Stars. Vielleicht gibt es eine unterschätzte Kategorie, die der Post-Konzert-Umgebung: Was passiert mit der Musik, wenn man den Konzertort verlässt und nach draußen tritt? Findet sie einen Resonanzraum, in dem sie weiter nachklingen kann, oder wird sie vom Dickicht der Stadt verschluckt? In Berlin zum Beispiel trifft einen, wenn man die Philharmonie verlässt, die Tristesse des Potsdamer Platzes oder ein Ellbogen beim Kampf um ein Taxi oder den Bus.

Wenn man Harpa mit viel Musik im Ohr verlässt, kann man zum Beispiel rechts am Gebäude entlanglaufen und bis an den Rand des Hafenpiers herantreten. Hier verstellt kein Beton den Blick, es umfängt einen das dunkle Meer, die Brandung und das Kräuseln der Gischt, über einem stehen die Möwen im Wind und die Wolken den Himmel fluten, vorne schaukeln die grünen Lichter der im Hafen liegenden Schiffe. Oder man wendet sich nach rechts und läuft eine Weile immer weiter am Meer entlang, bis man schließlich zur kleinen Leuchtturminsel Grótta gelangt. Mit etwas Glück kann man von hier aus im Winter die Nordlichter sehen. ¶

Foto Jóhann Berthelsen (CC BY-NC-ND 2.0)
Foto Jóhann Berthelsen (CC BY-NC-ND 2.0)

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com