Ein Gespräch über Elektrizität, Digitalität und was die beiden mit dem Leben, der Wahrnehmung, der Kunst gemacht haben.

Moderation Patrick Hahn Textfassung · Fotos © JANN WILKEN · Datum 31.5.2017

Dies ist eine gekürzte, redigierte und in der Reihenfolge veränderte Niederschrift des fünften von sechs ›Bunkersalons‹, die das VAN Magazin mit dem Ensemble Resonsanz veranstaltet: Infinity, zum Thema der Technologie. Was ist eigentlich der Bunkersalon? Ein gutes Gespräch mit guten Gästen, Musik und Sounds, Drinks – alles in der preisgekrönten Architektur des Resonanzraums. Das ist auch deswegen noch einmal zu betonen, weil am 6. Juni der Bunkersalon Gravity, zum Thema der Liebe, stattfindet, die letzte Chance, in dieser Spielzeit als Besucher*in an diesem wirklich netten Format teilzuhaben.

Zurück zur Frage der Computer. Was machen wir mit ihnen, was machen sie mit uns? Welche Art von Schöpfungen, welchen Blick auf die Welt bringen sie hervor? Wer sind überhaupt wir mit unseren Händen an den Handys, den Fingern an der Maus und dem Blick auf den Stream gerichtet? Warum hat das soviel mit Musik und dem Hören zu tun? Es kommen zu Wort:

Martin Burckhardt, Kulturphilosoph, hat Radio- und Kinderhörspiele gemacht, Games entwickelt, im Digitalen geforscht, viele Bücher geschrieben und Vorlesungen gehalten. Seine beiden jüngsten Veröffentlichungen heißen ›Alles und Nichts. Ein Pandämonium digitaler Weltvernichtung‹ und ›Score. Wir schaffen das Paradies auf Erden‹ (Roman).

Bernhard Günther, der ›Metacrawler des Wiener Musiklebens‹ (Moderator Patrick Hahn), ist unter anderem Künstlerischer Leiter des Festivals Wien Modern, der Zeiträume Basel und von rainy days an der Luxemburger Philharmonie.

Anne Wellmer ist Medienarchäologin, Komponistin von elektronischer Musik und Medienkünstlerin, sie ist Schülerin von Alvin Lucier und hat einen subtilen Hang zum Analogen im Digitalen: »Ich benutze den Computer jeden Tag, aber wie einen Bleistift.«

Patrick Hahn, Dramaturg und Moderator der Runde.

Tim-Erik Winzer, Bratschist des Ensembles und Sidekick im Bunkersalon.

Es ist alles schon sehr alt.

Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten.

(Filippo Tommaso Marinetti, Manifest des Futurismus, 1912)

Martin Burckhardt: Zwei Maschinen haben für die Musik eine besondere Bedeutung: Die mechanische Uhr des Mittelalters, die alles mögliche antriggern kann, Mühlen oder Spieluhren. In dieser Welt des 12., 13. Jahrhunderts entsteht aus den Neumen die Notation, es entstehen Zeitpfeile, der Bordunton kommt, der polyphone Raum wird aufgespannt. Das ist wirklich stilbildend.

Und dann gibt es eine Geschichte aus dem Jahr 1746. In diesem Jahr versammeln sich auf einem großen weiten Feld sechshundert Mönche. Sie verkabeln einander mit Eisendraht, der Diameter ist einige hundert Meter. Einer von ihnen berührt ein Gerät, aus dem eine Antenne herausschaut. Und was passiert? Alle Mönche beginnen gleichzeitig zu zucken. Man hat in einer Leidener Flasche Elektrizität gespeichert und sich gefragt: Wie schnell ist das elektrische Fluidum? Und sie haben gemerkt: Das passiert in Echtzeit! Ich habe meinen Studenten gesagt, in diesem Jahr wurde das Internet erfunden. Diese Mönche sind ein Prozessor, zwischen Raumpunkt A und B gibt es keinen Zeitunterschied mehr. Übrigens: Diese Welt liegt gar nicht so weit zurück, auch unser Theater, unsere Literatur sind darin verwurzelt.

Bei den Computern ist das Entscheidende immer noch – wie bei der Elektrizität, dass es in uns rein geht. Alles wird zum Gedächtnis. Der Raum kann sich die Benutzung merken, alles bekommt ein Datum. Wer mit dem Smartphone durch die Welt geht, markiert eine Karte. Wir sind in Schrift. Ein Spiegel mit Gedächtnis ist der Computer. Im Mittelalter hieß es, die gleichzeitige Anwesenheit alles je Geschaffenen sei die Hölle …

Anne Wellmer: Aber diese Speicher sind ja auch vergänglich, können kaputt geben. Allerdings gibt ja inzwischen DNA-Speicher. Also ist das Leben selbst der beste Speicher.

Martin Burckhardt: Ja, ein Auto könnte damit den gesamten Datenbestand der Welt speichern.

Anne Wellmer: Eine ganze Menge meiner Studenten sind in der Virtual Reality unterwegs und bauen da ihre eigenen Welten … es ist ganz deutlich, dass diese Leute eine ganze Generation ›nach‹ mir kommen, wenn ich auf deren Welt schaue. Aber deswegen ist es so spannend, denen die Anfänge dieses konzeptuellen Denkens nahezubringen, ein Stück wie Cages Fontana Mix: Man wirft als Musiker diese durchsichtigen Blätter übereinander, da sind grafische Zeichen darauf, die überlappen sich dann und jeder Musiker entscheidet für sich selber, wie man das liest, wie man diese Parameter interpretiert. Das ist einem algorithmischen Komponieren sehr nahe, obwohl die in den 1960er-Jahren noch gar nicht mit dem Computer gearbeitet haben. Dieses Denken, wo etwas herkommt, ist klärend für die Frage, wie man arbeiten will. Und es ist mit Blick auf das, was Martin Burckhard gesagt hat, auch richtig, dieses binäre Denken ursprünglich auf die Elektritzität zurückzuführen, auf eine Polarität.

Martin Burckhardt: Und der Zufall ist wichtig! Cage versucht ja, den Entscheidungsprozess rauszunehmen mit diesem Spiel. Er möchte zuhören, nicht mehr der Produzent sein. Das ist ein erweiterter Kunstbegriff, das Hören wird zur Kunst.

Anne Wellmer: Und man öffnet die Ohren für das, was da ist. Wir sind ja gewöhnt, sehr vieles auszublenden; wenn wir uns auf Sprache konzentrieren, zum Beispiel.

Was verliert man denn? Von Cage zu Cyborg.

I’m sorry Dave. I’m afraid I can’t do that.

(HAL, 2001 – Odysee im Weltraum)

Bernhard Günther: Ich habe eine Geschichte gehört von einem Schweizer Geigenbauer, der das Geigenbauen aufgegeben hat und jetzt so etwas wie ein Finanzberater ist. Der hat aus seiner Lehrzeit erzählt, wo sie immer so lange gebraucht haben, das Holz von Hand auszuhöhlen, bis dann irgendwann Boden und Decke von einem Cello geformt waren. Irgendwann ist er drauf gekommen, dass man das ja auch von einer computergesteuerten Fräse machen und dabei rauchen kann. Aber da ist der Verlust: Die Individualität, die Fehlerchen, die Arbeit mit den Eigenheiten des Baumes. Klar, man kann jetzt irgendwelche Sachen nebenher machen, aber ich verwette mein eigenes Cello, dass so ein Cello nie so klingen wird, wie selbst ein neues handgebautes Instrument. Wir geben uns da einer Illusion hin, dass diese digitale Welt alles möglich macht und vergessen aber etwas ganz Essenzielles, das Wissen, dass das mal lebendig war.

Cage hat sich bewusst gemacht, dass man sich von etwas verabschieden muss, wenn man Innovation will. Er hat ja bei Arnold Schönberg studiert, und Schönberg wäre der Letzte gewesen, der gesagt hätte, wir pfeifen auf die Tradition, der hat sich ja klar in einer Bach-Beethoven-Brahms-Linie gesehen, Wiener Schule, thematisch-motivische Arbeit … Cage studiert bei Schönberg, kommt aber dann drauf, dass er Straßenlärm interessanter findet als Beethoven. Es gibt da ein wunderschönes Interview in seinen späten Jahren, er sitzt in seinem New Yorker Appartment am offenen Fester, strahlt über das ganze Gesicht und sagt: ›Wenn man auf den Straßenlärm hört, dann klingt es immer anders. Wenn man auf Beethoven und Mozart hört, klingt es immer gleich.‹ Er verabschiedet sich von dem einen und geht in ein anderes Wahrnehmungsraster. Diese Öffnung in Fontana Mix oder den Variations blendet ja gleichzeitig diesen Sprachcharakter von Musik völlig aus. Er sagt dann: ›Wenn man auf das hört, was wir Musik nennen, dann klingt es immer so, als ob jemand zu dir redet. Ich will aber überhaupt nicht, dass Musik zu mir spricht. Mich interessiert die Aktivität des Klanges.‹ Und von dieser Sprachlichkeit verabschiedet er sich. Das ist sowohl ein Gewinn als auch ein Verlust.

Bernhard Günther
Bernhard Günther

Martin Burckhardt: Ich glaube, bei Cage wird nicht die Sprache aufgekündigt, sondern die Souveränität des Sprechers, der immer genau weiß, was er sagt. Man könnte das mit dem Goethe-Spruch umschreiben: ›Man hört die Absicht und ist verstimmt‹. Also: ›Der da spricht, hat eine Mission und das nervt mich.‹ Wenn ich mir aber überlege, was diese neue digitale Welt uns sagt – Benjamin hat das am Beispiel des Fotos klargemacht: Während man durch den Sucher schaut, passieren Dinge, die man gar nicht richtig mitbekommt, das fotografische Unbewusste. Man schaut sich dann hinterher das Foto an und denkt sich: ›Wow, was ist denn da passiert?‹ Und so sehe ich das mit den ganzen digitalen Sensoren und den Medien. Dann sehe ich plötzliche eine Situation mit einer unglaublichen Komplexität. Ich sehe Dinge, die ich in dem Augenblick, als ich glaubte, die Situation beherrschen zu können, nicht habe sehen können. Ich beginne, viel feiner, genauer, viel präziser zu sein. Die Sprache wird nicht abgeschafft, sie explodiert förmlich, enthält so viele Sinnesbezirke. Wir kommen da in eine romantische Vorstellung einer unendlichen Sprache hinein, wie bei Novalis, der gesagt hat, ›alles spricht unendliche Sprachen‹. Da können wir unendlich viel lernen. Das ist für mich das, was Cage sagt, wenn er über das Auto spricht. Jetzt ist für mich nur die Frage, was müssen wir abschaffen, um an diese Sensibilität zu kommen? Vielleicht den Virtuosen! Das kommt ja etymologisch vom Schwertträger, wird im Mittelalter zu dem, der Tugenden hat und in der Renaissance dann zum Virtuosen. Wenn wir den abschaffen, können wir in der Virtualität unendlich viele Dinge entdecken, die großartig sind.

Martin Burckhardt
Martin Burckhardt

Anne Wellmer: In so einer Cage-Komposition hört man alles, das kann überwältigend sein. Auf die Frage Was verliert man denn?, wäre dann eine mögliche Antwort: Man kann sich nicht mehr konzentrieren, man weiß nicht mehr zu wählen, verheddert sich, weil man alles wahrnimmt. Wenn ich nicht gelegentlich ein Stück Papier und einen Bleistift in die Hand nehme, dann kann ich gar nicht mehr denken.

Patrick Hahn: Ich sehe vor allem, dass fast alle Kopfhörer aufhaben, blenden sie die Musik ein oder blenden sie die Welt aus? Und wozu nutzen Komponist*innen den Computer? Das ist ja eine alte Idee in der Komposition: Wie kann ich das Stück schneller fertig schreiben? Selbst Mozart hat ja an einem musikalischen Würfelspiel gearbeitet, das selbständig Kompositionen hervorbringen kann. Brian Eno hat jetzt ein Album als App mit generativer Musik entwickelt und auch: kleine Programme, die aus dem, was die Mikrofone in der Umwelt aufnehmen, eigene Stücke machen. Es gibt The app formally known as H   r, die heißt deswegen so, weil eine andere Firma ein Copyright auf das Wort Hear angemeldet hat. Damit kann man sich verschiedene Stimmungen kreieren, Schlaf, Büro-, Talk-, Happy-, Relax-Stimmung. Damit kann man, was um einen herum akustisch passiert, live verändern, so dass man entsprechend stimuliert wird.

Patrick Hahn (links) und Tim-Erik Winzer (rechts)
Patrick Hahn (links) und Tim-Erik Winzer (rechts)

Martin Burckhardt: Ich bin in den 1980er Jahren in einem Tonstudio gestanden, war plötzlich umgeben von Sounds, den ersten Samplern. Das war für ich als Klavierspieler, der ernsthaft über Komposition nachgedacht hat, befremdlich. Die Maschinen konnten Czernys Schule der Geläufigkeit doppelt oder dreimal so schnell spielen. Und auch alles andere wurde Sound und konnte irgendwie notiert werden. Und dann hat mich der Sampler gebeten, etwas unter dem Stichwort »Hybrid« abzuspeichern. Und plötzlich habe ich über Genetik, Mutanten, Künstliche Intelligenz nachgedacht. Es gibt keine digitale Philosophie ohne eine Naturphilosophie, Genetik und Informatik unterstützen sich gegenseitig. Wir sind mit diesen Dingern verkabelt, Im Grunde sind wir ja schon diese Cyborgs, also in der ursprünglichen Bedeutung: kybernetisch augmentierte Organismen; man hatte bei der Wortschöpfung ja den Astronauten, der im Weltall überleben können muss, im Blick.

Anne Wellmer: Was mich am Verwenden von Computern fasziniert, ist, dass diese Maschine so vielseitig einsetzbar ist. Man kann Zahnräder aus Holz sägen und daraus einen mechanischen Apparat machen; man kann aber auch eine spezielle Brille mit Handschuh tragen und sich dann in einer virtuell aufgebauten Landschaft aufhalten. Dieses Instrument, dass ja fast allen zur Verfügung steht, hat damit gewissermaßen Hierarchien aufgebrochen. Mit der entsprechenden Willenskraft kann man sich hier durch viele Probleme kämpfen.

Bernhard Günther: Tristan Murail war als einer der ersten in den 1980ern damit beschäftigt, Computeranalysen von Klängen zu machen, um damit eine neue Art der Harmonik zu entwerfen, das waren die Anfänge der musique spectrale. Das, was dabei herauskam, konnte dann jedoch auch durchaus ein Streichquartett sein, ohne jede Elektronik – aber ohne den Computer wäre es auch nicht zustande gekommen. Das machen ja sehr viele: Georg Friedrich Haas, Bernhard Lang, der eine Bruckner-Partitur durch den Computer gewissermaßen schreddern lässt, aber der Bruckner schimmert trotzdem noch durch. Fast eine Art Fleischwolf …

Patrick Hahn: … Bernhard Lang bezeichnet es als Treibhaus, in dem unglaublich viele Pflanzen wachsen, und er sei dafür da, sie zu beschneiden …

Bernhard Günther: … Ich kenne sehr wenige Komponist*innen, die diese Möglichkeiten ignorieren. Auch Peter Ablinger fällt mir ein, der eine Serie von Stücken gemacht hat, wo Reden berühmter Persönlichkeiten so analysiert und aufgeschrieben werden, dass sie hinterher von einem Pianisten gespielt werden und es hat wirklich was mit dieser Rede zu tun.

Neue Kinder, neue Welt

Martin Burckhardt: Wir sind ja durch die Zentralperspektive total auf das Auge trainiert. Leonardo dachte darüber nach, ob er nicht ein Ohr gegen ein weiteres Auge eintauschen würde. Horizont, Perspektive, Standpunkt, alles kommt aus dieser ›Sichtigkeit‹ heraus, auch Subjekt und Objekt. Aber im Hören passiert etwas Neues. Man ist da on, online, die Klänge dringen in mich ein. Und dann habe ich aus der Radiogeschichte gelernt, dass die erste Liveübertragung im Radio der Untergang der Titanic war. Wirklich! Es gab den Seefunk im Nordwesten Amerikas, die haben das mitbekommen, haben sich verschaltet. Und man hat gehört, wie auf der Titanic die Band gespielt hat und dann untergegangen ist. Die Kunst des Untergehens, das ist unsere akustische Welt, Schichten. Wir sehen Dinge nicht mehr, wir versinken darin. Das ist komplexer als etwas bloß zu sehen. Wir erleben durch die Digitalisierung eine Erweiterung unseres Wahrnehmungsspektrums. Wir können unsere Sensorik auf andere Bereiche ausdehnen. Diese Erweiterung des Spektrums verändert unsere Notation, schafft neue Emittenten. Es gibt einen Dialog mit etwas, was unseren Sinnesbezirk übersteigt. Wir können Sensoren für alles mögliche benutzen, Wale mit Positionsdaten ausstatten. Es kommen unlesbare Daten zurück.

Und dann gibt es die Vervielfältigung: 1 x 1 ist immer 1 und 0 x 0 ist immer 0, in einer Welt von Einsen und Nullen also x = x hoch n. Das Gleichheitszeichen ist Elektrizität, es ist eigentlich ein Pfeil, eine Verwandlung. Wenn wir diese Veranstaltung hier und heute aufnehmen, in digitale Daten verwandeln und sie weiterbreiten, dann geht es ins Unendliche. Ich bin viele, ich bin überflüssig. Ich beginne zu proliferieren. Unsere Körperlichkeit dagegen kommt mit den virtuellen Daten nicht mehr klar, weil wir über sie merken, dass wir endlich sind. Deswegen möchten Menschen vielleicht gerne unplugged sein.

In der digitalen Welt kann man aber auch einen Welt-Orgasmus hinkriegen. Dieses Mit-allem-verschaltet-sein, diese Sensoren, diese Tentakel. Man möchte sich im Beischlaf mit der Weltseele befinden, in der Fülle des Seins. Und dann gibt es Replay, weil sich die Maschinen ja alles merken.

Bernard Günther: Aber was verlieren wir eigentlich? Morton Feldman hat öfter über die Teppichweberei gesprochen und folgendes beschrieben: Es gibt einen Moment in der Teppichweberei, wo man merkt, die Leute haben plötzlich über Zeit nachgedacht und das sieht man an den Teppichen und ab dann sind die Teppiche nicht mehr interessant.

Bernhard Günther
Bernhard Günther

Martin Burckhardt: Wir verlieren uns als Allererstes selbst. Ich bin nur wertvoll, in dem ich kursiere, zirkuliere, teilnehme. Ich bin kein Individuum mehr, sondern ein Dividuum: Nur wenige Menschen können als Individuen dieser Welt einen Mehrwert geben. In den letzten Jahren kann das jeder beobachten: Die Gesellschaft wird immer konsumistischer, wir schwimmen in einem allgemeinen Fluidum und sind immer weniger kreatürlich eigen. Wenn man an die Schrift glaubt, dann kann man sich fragen: Wer sind die Menschen, die schreiben, das werden immer weniger, immer mehr werden konsumieren. Wir entwickeln vielleicht ägyptische Zustände.

Mein Sohn hat einmal einen Klassenkameraden charakterisiert, ›das ist auch nur so ein Copy-Paster‹. Damals habe ich verstanden: Wir leben in einer neuen Welt. Einmal saß er mit einem Freund vor dem Computer, konnte mit neun noch nicht lesen, als Waldorfschüler musste er das nicht und die durften bei mir machen, was sie wollen. Diese beiden Illiteraten spielten Siedler und ich hörte Sätze wie: ›Schau mal, die Produktivität geht hoch, 90 Prozent‹. Die konnten nicht lesen, aber haben die Parameter voll aufgesogen. Als mein Sohn verstand, dass es vielleicht helfen würde, lesen zu können, um gewisse Schaubilder zu verstehen, hat er innerhalb von drei Wochen lesen gelernt, selbsttätig. Diese Welt der digital natives, das ist kein Abstraktum. Und ich finde das nicht schlimm; ich liebe meinen Sohn, warum soll ich diese Welt kritisieren?

Bernhard Günther: Ich glaube nur, die menschlichen Wahrnehmungskapazitäten sind eingeschränkt. Entweder wir finden den Straßenlärm super oder die entwickelnde Variation bei Brahms. Ich weiß nicht, ob wir beides können, da braucht es einen Willensakt.

Zerstörung der Instrumente, Zerstörung der Computer – dennoch: Konzerte

Intona. 12 Arten ein Mikrofon zu zerstören. Ein Musiktheater, von Dick Raaymakers

Martin Burckhardt: Vielleicht kennen Sie die Geschichte von Kafka über den Hungerkünstler, der seine Hungerkunst perfektioniert hat. Das Publikum bekommt am Ende gar nicht mehr mit, wie toll der eigentlich hungert. Er wird immer dünner und dünner, das Publikum sieht ihn am Ende nicht mehr, er ist perfekt geworden. Dann nimmt in der Geschichte ein Raubtier seine Stelle ein. Das könnte die Geschichte des Instrumentalisten sein, eine Perfektion, die sich auf ein immer schmaleres Gleis bewegt und dann verschwindet. Man kann in der Kunstgeschichte solche Dinge beobachten. Im 12. Jahrhundert war die höchste Kunst die des Elfenbeinschnitzers, niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass es der Maler ist. Aber wer erinnert sich heute an den Namen eines Elfenbeinschnitzers aus dem 12. Jahrhundert? Nein, der ist einfach verschwunden. Und wir müssen uns vielleicht mit der Möglichkeit beschäftigen, dass bestimmte Kunstformen verschwinden, die wir jetzt noch feiern, manchmal bereits im Akt der Zerstörung. Und interessant ist die Perspektivveränderung. Was passiert, wenn ich nicht mehr der Virtuose sein will, weil die Maschine das besser kann?

Bernhard Günther: Es wird aber auch in 20 Jahren noch Konzerte in richtigen Konzertsälen geben, ich arbeite daran.

Martin Burkhardt: Die Notation ist ein verrücktes Phänomen. Im ausgehenden Mittelalter lösen sich Partituren von den konkreten Räumen, sie werden Papier, polyphone Gewerke, die wie imaginäre Verkettungen eine Art von Stimmung erzeugen, aber der Raum ist nicht drin. Das kehrt ja in der Moderne zurück, Satie hat Musik für gewisse Räume gemacht. Das Digitale kann anders als die Partitur auch den konkreten Raum bespielen. Die Raumbedeutung ist viel viel größer als die Zeitbedeutung. Seit dem frühen 20. Jahrhundert haben wir in der Musik die Verräumlichung der Zeit. Da findet auch mental etwas ganz anderes statt. Das Paradigma, dass jemand Herrscher über die Zeit ist, der Souverän der Sonatenhauptsatzform, der sagt, wie es läuft, das ist für unsere Betrachtungsweise gar nicht mehr der Punkt. Bei der Minimal Music kann man immer die Rückkehr des Unerledigten in sich Selbst beobachten. Das wäre einem Denker des 19. Jahrhunderts so nicht verständlich gewesen. Wir haben uns auch verändert, bewegen uns in immersiven Räumen, das wird neue, andere Musik erzeugen.

Es ist eine Befreiung, wenn man den künstlerischen Größenwahn und den Gestaltungswahn preisgibt. Ich habe mal ein Seminar gemacht, da hatte ich mit Architekten gearbeitet, denen habe ich gesagt: Ihr werdet sowieso nur Bausünden bauen, ihr werdet es gestalten, dann wird es euch peinlich sein. Denkt doch mal von vornherein anders: Nicht ›ich bin es gewesen‹, sondern ›ich bin es nicht gewesen‹. Das Seminar hieß ›Die Konstruktion des Verbrechens.‹ Wenn ich zum Beispiel in eine Bank reingehe, um ein Verbrechen zu planen, dann interessiere ich mich für den ganzen kommunikativen Raum, die Kameras, wie die Bankangestellte drauf ist – ich frage nicht, was ich haben will. Ich habe noch nie in einem Seminar so eine Intelligenz von Planung erlebt! Die Leute haben die Perspektive aus dem Gestaltungsmoment dahinein verlagert, was andere erwarten, was der Raum erwartet. Ich glaube, wir wissen manchmal gar nicht, wie unsere sozialen Räume funktionieren. Es geht zwar darum, herauszufinden, was ich wollen könnte, aber auch: was andere wollen, wie ich etwas mit anderen zusammen will, dann wird die Geschichte interessanter, dann werden die Kunstwerke andere. Für die Studenten war das die totale Befreiung: ›Ich muss jetzt nichts mehr leisten, sondern ich sage: Der Raum ist so und so gebaut, und das sind meine Strategien, wie ich damit umgehe. Ich bin befreit von diesem Künstler- und Gestaltungswahn, das Königskind der Moderne zu sein, der Komponist des Hofs zu sein. Nein, ich lebe in einer neuen Welt und habe mit anderen Sachen zu tun, und plötzlich agiere ich intelligenter als in diesem alten repräsentativen Sinn.‹

Bernhard Günther: Was ich mir erwarte, ist, dass eine Gemeinsamkeit verhandelt wird. Deswegen sind Konzerte und Festivals weiter notwendig. Musik ist ein wesentliches Medium, um Gemeinschaft herzustellen. Dafür müssen sich Menschen in einen Raum begeben und einmal eine Zeitlang zuhören. Unterschiedliche Arten des Hörens, des Sich-Bewegens, des Sitzens kann es geben, aber es ist ein gemeinsamer Moment, das ist anders als im Museum. Insofern kann Musik das Kabel sein, dass die Mönche zum Zittern bringt, das eigentliche Internet, das könnte man so sagen.

Anne Wellmer: Musiker*innen erfinden sich heutzutage ihre eigenen Instrumente. Und die Trennungen schmelzen: Bildende Künstler bauen Instrumente und treten damit auf. Ich wünsche mir aber auch, dass zurückgeblickt wird. Mit den Ohren, die sich für neue Möglichkeiten geöffnet haben, hört man dann auch Frühe und Alte Musik anders und führt sie anders auf.

Einwurf aus dem Publikum von einer Frau über 90; ja das stimme, durch das Hören von der Neuen und Elektronischen Musik komme man dazu, viel aufmerksamer auch die Alte und Klassische Musik zu hören. Eine weitere Frage aus dem Publikum:

Wie ist das mit den Kindern? Die werden ja in der Familie mit Kinderliedern konfrontiert, beim Zu-Bett-Gehen. Alles, was da auf sie zukommt, sind Dinge, die ich als Älterer auch schon kenne, gesangliche, tanzbare Lieder, nach altherkömmlicher Art. Wenn diese Basis bleibt, wie wird man dann diese neue Form von Musik in der digitalen Welt in die Kinder, von Anfang an, hineinbringen?

Bernhard Günther: Obwohl ich aus einer musikalischen Familie komme, war auch bei uns das Singen von Kinderliedern eher die Ausnahme. Viel häufiger kommt die Musik aus dem Radio oder dem Fernseher oder bei anderen Klangerzeugnisprozessen zustande. Das wird ja mit jedem Jahr vielfältiger und das erweitert auch von Beginn an die Medienkompetenz der Kinder. Ich würde mir keine Sorgen darum machen, dass im Jahr 2017 Geborene aufgrund zu vieler Kinderlieder mit der digitalen Klangwelt nicht klarkommen. Das Hören muss aber von Anfang an eine Rolle spielen; das Vermitteln, dass die Ohren nicht nur der Weitergabe von Textinformation dienen, sondern auch noch was anderes können. Ich glaube, das kann man von Anfang an lernen, ob das über das Singen ist oder über Momente der Stille, die man einbaut.

Martin Burckhardt: Eisenhower hat mal gesagt, If you can’t solve a problem, you have to enlarge it. Wenn man sich anschaut, wie Kinder Muster, Pattern, Rhythmen erkennen und erlernen, dann müssen wir uns klarmachen, dass wir in der digitalen Welt immer größere Zyklen unserer eigenen Geschichte wiederholen, um sie letztlich fruchtbar machen zu können. Warum man in der Mathematik nicht durch 0 teilen darf, zum Beispiel, das ist ein Kinderlied, das wir nie gesungen haben, aber das ist für die heutige Welt wichtig. So viele Lieder, die wir singen müssten, um unsere eigene Kultur zu verstehen, haben wir noch gar nicht gesungen. Alles, was mich in der Erziehung interessiert hat, war, meinem Kind klarzumachen, dass die Welt einen Anfang hat, dass sie sich verändert, dass Dinge ihre Zeit haben, dass alles, was entsteht, es auch Wert ist, zugrunde zu gehen, dass etwas Neues entsteht … dass man diese Lieder singen kann. Es ist total wichtig in der Welt, dass man versteht, wie sie entstanden ist, sonst benutzt man blind irgendwelche Maschinen und hat Computermusik, die man nicht haben möchte, die man nur benutzt, weil sie billig ist oder aus Maschinen rauskommen. Man sucht ja eher eine Welt, die weitergeht. ¶

Das Ensemble Resonanz bündelt seine Konzerprogramme, ›Ankerangebote‹ und auch den mit VAN veranstalteten Bunkersalon in dieser Saison zu sechs Themenclustern. Das Konzert zu Infinity wurde hier im Blog dokumentiert.