Dreiteilige Serie über (Schieflagen in der) Musikausbildung in Deutschland, Teil 1: Musik studieren

Text Wendelin Bitzan · Fotos PICTURA1 (CC) · Datum 22.4.2015

In Deutschland kann man an vierundzwanzig Musikhochschulen, sechs Kirchenmusikhochschulen, elf Akademien und Konservatorien sowie an etlichen Universitäten künstlerische musikalische Hauptfächer studieren. Die Lebenswege der angehenden Musiker/innen scheinen in vielen Fällen vorgezeichnet zu sein: Instrumental- oder Gesangsunterricht seit dem frühen Kindesalter, oftmals Jungstudierendenzeit an einem spezialisierten Institut, ein vier- bis fünfjähriges Vollstudium, anschließend vielleicht noch Aufbau- und Masterstudiengänge – und schließlich, nach einer etwa zwanzigjährigen Ausbildungszeit, der Sprung in ein ziemlich ungewisses Berufsleben. Der fast überall mit Sparzwängen belastete klassische Musikbetrieb wird jedes Jahr mit einer Vielzahl bestens ausgebildeter Musizierender aus dem In- und Ausland überflutet, die in Deutschland ihr Auskommen finden möchten. Aber nur die wenigsten von ihnen können ihren Lebensunterhalt durch das aktive Musizieren bestreiten. Angebot und Nachfrage klaffen weit auseinander: Orchesterstellen und Engagements an Theatern oder Opernhäusern können den Bedarf an Arbeitsplätzen nicht annähernd decken; während die Absolventenzahlen in den letzten Jahren kontinuierlich angewachsen sind, werden immer mehr Planstellen in Orchestern und an Bühnen gestrichen. Die meisten Berufsmusiker/innen geben Unterricht, oft, ohne dafür ausgebildet worden zu sein; Lehrpositionen an Musikschulen, Hochschulen und Universitäten sind – auch bei schlechter Vergütung – rar und begehrt. Was die Absolvent/innen im Regelfall erwartet, zumindest in den ersten Jahre ihrer Berufstätigkeit, ist ein freiberufliches Musikertum mit knappen Einkünften und nicht ausreichender sozialer Absicherung. Patchwork-Existenzen mit mehreren parallel ausgeübten Tätigkeiten sind zum Normalfall geworden. Währenddessen können sich öffentliche Musikschulen vor Schüleranfragen kaum retten, sind jedoch aus Mittelknappheit gezwungen, Haushaltssperren und Aufnahmestopps zu verhängen. Was läuft da schief? Hier der erste von drei Teilen: Über das Musik studieren, um Berufsmusiker/in zu werden.

Beim Nachdenken über das (auch Konservatorien, Akademien) drängen sich einige Fragen auf: Studieren die Scharen junger Instrumentalist/innen und Sänger/innen an diesen Institutionen, weil sie talentiert sind oder andere Menschen ihnen dies empfohlen, geraten oder ermöglicht haben? Oder tun sie das deshalb, weil sie zu Botschafterinnen und Botschaftern ihrer Kunst werden möchten? Wie nehmen sie sich selbst und ihre Position in der Gesellschaft wahr, und was unternehmen sie, um ihre künstlerischen Ziele zu erreichen?

Studentenlieder im symphonischen Gewand: Johannes Brahms, Akademische Festouvertüre op. 80; Niederländisches Studentenorchester, Lucas Vis (Dirigent)

»Du musst einfach gut sein! Es gibt viele Bewerber und Mitstreiter, gegen die man sich beweisen muss. Der einzige Weg, hier zu punkten, ist ganz einfach. Du musst viel üben und besser sein als andere.«

Der Gitarrist Martin Loos auf der Seite musik-studium.info

»Wer 10.000 Stunden übt, kann ein Meister werden.«

Titel eines Artikels von Jörg Zittlau in der Welt, 29. April 2013Es scheint in einem Musikstudium mit künstlerischem Schwerpunkt üblich zu sein, den größten Teil der Freizeit im Übezimmer und mit der Perfektionierung des Hauptfachs zu verbringen. Kein Zweifel: Üben, wie alle Trainingsprozesse, erfordert viel Zeit. Aber hängt die Qualifikation von Musiker/innen nur an den Musizierleistungen? Virtuosität ist nicht alles, und Höchstleistungen am Instrument gibt es bereits zu Genüge. Die Studienzeit könnte dazu dienen, ein differenziertes künstlerisches Selbstbild zu entwickeln, die Augen und Ohren zu öffnen, Konzerthallen, Theater, Museen und Lichtspielhäuser zu besuchen und die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen –nicht welt-fremd zu werden. Student/innen könnten sich selbst in die Kulturszene integrieren und in einen Dialog mit Künstler/innen anderer Richtungen und Disziplinen treten. Das wird allerdings von den Musikhochschulen nicht gezielt angeregt, deswegen findet es so gut wie gar nicht statt.

»Das Studienangebot an Nebenfächern wird in der Regel […] kaum wahrgenommen – und wenn doch, dann vielfach mit derart drastischen Begriffen wie ›dürftig‹, ›lästig‹ oder ›uninspirierend‹ konnotiert.«

Magdalena Bork im Buch Traumberuf Musiker

»Viel zu viele im Lehrplan enthaltene Nebenfächer […] rauben einem Studierenden die Zeit und die Kraft, sich auf das eigentliche Hauptinstrument zu konzentrieren.«

Neithard Bethke, Nur der richtige Ton macht die richtige Musik, Vorlesung an der Polnischen Akademie der Künste Zakopane, 15.10.2000

Titelseite des Musikerportals »Hello Stage«, das seit 2014 eine auf die Bedürfnisse von professionellen Musiker/innen zugeschnittene Vernetzung nach dem Muster von LinkedIn oder XING bietet.
Titelseite des Musikerportals »Hello Stage«, das seit 2014 eine auf die Bedürfnisse von professionellen Musiker/innen zugeschnittene Vernetzung nach dem Muster von LinkedIn oder XING bietet.

Die wenigen Nebenfächer des Studiums werden häufig als zeitraubendes Übel betrachtet, das die Übezeit schmälert; nach der Abschlussprüfung werden sie abgelegt wie ein ungeliebtes Kleidungsstück. Wenn manchmal selbst die Professor/innen sagen, alles außer dem Hauptfachunterricht sei weniger wichtig, wird auch in den Nebenfächern viel gefehlt. Manche Student/innen erscheinen erst im Prüfungssemester regelmäßig zum Unterricht. Das Bewusstsein, dass man Anspruch auf diesen durch öffentliche Förderung finanzierten Unterricht hat, existiert nicht. Dabei helfen Musikforschung, Musiktheorie und Musikästhetik den Musizierenden, ihren Gegenstand von anderen Seiten zu betrachten, tiefer zu durchdringen. Genauso die Beschäftigung mit Improvisation, Partiturkunde, historischen Instrumentarien, mit der Musik verschiedener Epochen und Stilrichtungen. Statt im Tunnelblick auf die ausschließlich auf das solistische Musizieren ausgerichtete Karriere zu starren, sollten die Studierenden möglichst viel Kammermusik einstudieren, gemischte Besetzungen für Streich- und Blasinstrumente, Sänger und Tasteninstrumente erproben, in Orchestern und Chören musizieren. Es könnte Kontakt zu jungen und alten Komponierenden aufgenommen werden, deren Musik unter ihrer Supervision einstudiert und aufgeführt wird; vielleicht ergeben sich daraus Aufträge oder Widmungskompositionen.

»Wilhelm Friedemann Bach […] prägte das Bild des gescheiterten Musikers, der seinen kärglichen Lebensunterhalt mit Unterrichten bestreiten muss.«, Edmund Wächter, »Der freiberufliche Musikpädagoge. Seine Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart«, in: neue musikzeitung 6 / 2014
»Wilhelm Friedemann Bach […] prägte das Bild des gescheiterten Musikers, der seinen kärglichen Lebensunterhalt mit Unterrichten bestreiten muss.«, Edmund Wächter, »Der freiberufliche Musikpädagoge. Seine Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart«, in: neue musikzeitung 6 / 2014

Das künstlerische Musikstudium verleitet dazu, sich im Übezimmer zu verkriechen. Interessant werden aber Künstler/innen, die sich nach außen wenden, etwas zu sagen haben, für sich selber sprechen, mit dem Publikum kommunizieren; die Auftritte selbst moderieren, Texte für Programmhefte und Liner Notes für Booklets verfassen, selbständig Konzerte und Konzertreihen organisieren, auch außerhalb der Hochschule. Dafür braucht es die Fähigkeit, sich zu organisieren, miteinander zu kooperieren, Ensembles und Initiativen zu gründen und gemeinsam interdisziplinäre Projekte durchzuführen. Wie lernt man, Kontakte zu Veranstaltern und Agenturen zu knüpfen, Sponsoren und Unterstützer zu finden? Für das Crowdfunding eines Konzertprojekts im Internet oder einer CD-Aufnahme müssen Absolvent/innen über (Urheber-)Recht auf dem Laufenden sein. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, sich auf die digitalen Medien und das Internet einzulassen; eine solide Künstlerwebsite sollte spätestens in den ersten Semestern des Studiums vorliegen. Zur Formulierung von Lebensläufen: Für Außenstehende sind prominente Lehrkräfte und Musizierpartner/innen, genauso wie der zehnte gewonnene Wettbewerb oder die hundertste Festivalteilnahme, nicht interessanter als ein individuelles und unverwechselbares Portfolio, ein  Profil.

»Ein ›gescheiterter‹ Orchestermusiker wird sehr wahrscheinlich ein frustrierter Musiklehrer.«

Jörg Fabig, Damoklesschwert oder Chance?, in: neue musikzeitung 5 / 2007Die in den Hauptfachklassen noch immer verbreitete Sichtweise, dass vor allem diejenigen Musizierenden unterrichten »müssten«, die als konzertierende Künstler/innen versagt haben, ist fatal und führt zu einer hierarchischen Vorstellung vom Musikbetrieb, in der glänzende Solist/innen an der Spitze der Pyramide stehen, während weiter unten die Musikpädagog/innen als Dienstleister agieren. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt jedoch, dass nahezu alle Musizierenden in irgendeiner Phase ihres Lebens unterrichten werden, selbst wenn dies kein Tätigkeitsschwerpunkt ist – die wenigsten Berufsmusiker/innen können und wollen darauf verzichten. Das Lehren muss erlernt und trainiert werden; das kann schon während der Ausbildung mit Schüler/innen aller Altersklassen geschehen. Ein Irrweg ist die Einschätzung, dass man, wenn man gut spielen, dies auch gut vermitteln kann. Nichts ist schlimmer als unmotivierter, inkompetenter Instrumental- oder Gesangsunterricht, der von einer Lehrkraft, die lieber konzertieren würde, aus materiellen Gründen erteilt wird.

»Mein großes Ziel ist es eigentlich, in ein Orchester zu kommen. Man kann ja auch erstmal klein anfangen in einem Theater oder an der Oper und dann eventuell in ein Symphonieorchester später mal.«

O-Ton einer Studierenden in einem Deutschlandfunk-BeitragDie Vorstellung, dass die Orchesterstelle bzw. der Solo- oder Ensemblevertrag das allein seligmachende Berufsziel sei, hat längst absurde und demütigende Züge angenommen. Nicht wenige angestellte Musiker/innen, die dieses Ziel erreicht haben, wünschen sich schon nach wenigen Jahren ein abwechslungsreicheres und stärker künstlerisch selbstbestimmtes Arbeitsumfeld. Dieser Anspruch ist essentiell: Das Musikertum ist kein klar abgegrenzter Tätigkeitsbereich, in dem man in erster Linie nachschaffend agiert. Sich in einem hoch differenzierten und komplexen Arbeitsmarkt zu behaupten, bedeutet, dass die Protagonist/innen als rezipierende, interpretierende und produzierende Musiker/innen zugleich gefordert sind. Und dazu ist es erforderlich, sich bereits während der Ausbildung zu einer mündigen Künstler/innenpersönlichkeit zu entwickeln, die den Gegenstand ihres Wirkens nach außen trägt, die eigene Profession in möglichst vielen Bereichen des Lebens repräsentiert sowie ihre Kenntnisse und Fertigkeiten nach besten Kräften weiterzugeben wünscht. ¶