Gut acht Wochen nach dem weitgehenden Shutdown zur Eindämmung von SARS-CoV-2 treten wir in Deutschland in die zweite Phase der Epidemie ein: Angesichts rückläufiger Infektionszahlen werden Maßnahmen gelockert, das öffentliche Leben sukzessive wieder hochgefahren, wenn auch mit großen Einschränkungen. Während die Politik in den ersten Wochen des Shutdowns noch weitgehend mit einer Stimme gesprochen hat, bieten sich die Bundesländer nun einen »Lockerungs-Wettbewerb«, der zu einer unübersichtlichen Gemengelage hinsichtlich noch geltender bzw. aufgehobener Maßnahmen führt und eine sachliche Begründung für die eine oder andere Strategie mithin vermissen lässt. Ein internes Papier des Bundesinnenministeriums vom März hat die Strategie der zwei Phasen mit »Hammer and Dance« beschrieben und dargelegt, dass nach der Phase des »Holzhammers«, der Beschränkung aller sozialen Kontakte, nach wenigen Wochen die Phase des »Tanzens« beginne, in der die Einschränkungen weitgehend aufgehoben werden können und flexibel auf das weitere Ausbruchsgeschehen reagiert werden soll. Grundvoraussetzung hierfür ist der Dreischritt: Intensives Testen – Nachverfolgung von Kontakten – Isolierung von Infizierten.

Wie diese Strategie gelingen kann, zeigen asiatische Länder wie Südkorea, während die Maxime »Wir müssen lernen, mit der Pandemie zu leben« in Deutschland noch immer nicht aktiv genug diskutiert und umgesetzt wird. Besonders fatal scheint es uns dabei, dass die Kultur als essenzieller Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens eher am Rande steht, während die umgehende Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Fußballbundesliga zur Frage des Überlebens der Zivilgesellschaft hochstilisiert wird. Für die Wiedereröffnung der unzähligen Opern- und Konzerthäuser, Theater und anderen Orte der Kultur in Deutschland türmen sich dagegen oftmals unüberwindbare Hindernisse auf: Bis Ende August scheint die Öffnung aufgrund des Verbots von Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Besucher:innen vielerorts rundweg ausgeschlossen, danach tendenziell »schwer vorstellbar«, wenn man den Politiker:innen und (selbsternannten) Expert:innen zuhört, die Abend für Abend die Talkshows der Republik heimsuchen. Der Eindruck drängt sich auf, dass sich insbesondere in den öffentlich finanzierten Körperschaften ein undifferenziertes Sicherheitsdenken breitmacht und Aufgabe und Funktion der Kultureinrichtungen unseres Landes dabei aus dem Blick geraten. Lähmend wirkt sich dabei die Tatsache aus, dass für viele öffentliche Häuser der Spielbetrieb teurer ist als die verordnete Zwangspause; mit der Konsequenz, dass kreative Wege einer Wiedereröffnung unter den Vorzeichen von Corona mitunter gar nicht erst gesucht werden. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, was Richard von Weizsäcker so eindringlich auf den Punkt gebracht hat: »Kultur ist kein Luxus, den wir uns entweder leisten oder nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.« Die Kultur ist der Kitt unserer Gesellschaft, und in der zweiten Phase der Epidemie steht nicht weniger auf dem Spiel als das vielfältige Kulturleben der Bundesrepublik Deutschland!

Anders, als gemeinhin unterstellt wird, ist nach unseren Beobachtungen auch das Publikum dazu bereit, wenn es die Situation erlaubt, wieder Konzerte und andere Kulturveranstaltungen zu besuchen. Insbesondere im Bereich der Abonnements, aber auch bei den Einzelkartenkäufen für bestimmte Konzerte lässt sich diese Tendenz klar erkennen. Der Hunger ist groß, gerade in Zeiten der Krise erfüllt die Musik eine wichtige identitätsstiftende Funktion. Es sollte also vordringliches Anliegen der Politik und der zuständigen Behörden sein, die Bedingungen für eine sichere Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu definieren, anstatt den Shutdown des Kulturbetriebs bis zur Entwicklung eines Impfstoffs, also de facto ad infinitum fortzuschreiben. Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem keine finanziellen Mittel mehr vorhanden sind, weitere Rettungsschirme aufzuspannen (sofern sie überhaupt dazu geeignet sind, die vielen freischaffenden Künstler:innen und Ensembles tatsächlich aufzufangen). Das Augenmerk sollte also vielmehr darauf liegen, Bedingungen zu schaffen, damit die Kulturschaffenden ihre künstlerische Tätigkeit wieder vor Publikum ausüben dürfen und eben dadurch den geistigen Boden auslegen können, auf den Richard von Weizsäcker abzielt.

Burkhard Glashoff • Foto © Sebastian Madej
Burkhard Glashoff • Foto © Sebastian Madej

Wie kann also der Spielbetrieb zeitnah wiederaufgenommen werden, ohne eine erneute unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu riskieren? Die Frage lässt sich in der zweiten Phase der Epidemie nicht mehr hinreichend mit dem pauschalen Verbot von Großveranstaltungen (in Deutschland definiert mit 1.000 oder mehr Besuchern) beantworten. Stattdessen muss eine Einzelbetrachtung von Veranstaltungen und insbesondere der Veranstaltungsstätten erfolgen. Als wichtige Kriterien schälen sich dabei das Vorhandensein eines Ticketing heraus, über welches der Einlass gesteuert werden kann und sich, falls erforderlich, Kontakte nachverfolgen lassen. Weiterhin spielt die Ausstattung der Spielstätte mit sanitären Einrichtungen sowie die Klimatechnik des Hauses eine entscheidende Rolle. Aber auch die Besucher:innen können durch das Tragen von Gesichtsmasken und die freiwillige Verwendung einer Tracing-App (wenn sie denn endlich zur Verfügung steht) das Ihrige dazu beitragen, das Risiko einer Infektion im Rahmen eines klassischen Konzerts zu minimieren bzw. mitzuhelfen, dass Infektionsketten in Zukunft rasch und nachhaltig unterbrochen werden können. Die Umsetzung von Abstandsregelungen auf der Bühne und im Publikum scheint uns dagegen nur für eine Übergangszeit geeignet und notwendig, um einen sicheren Spielbetrieb zu gewährleisten. Aber auch in diesem Bereich zeigt die von den Berliner Orchestern in Auftrag gegebene Studie der Charité kreative und pragmatische Wege auf, den Probebetrieb mit symphonischen Besetzungen unter sicheren Bedingungen wieder aufzunehmen.

Wir öffnen unsere VAN-Debatte über die Zukunft von Konzertgeschäft und Agenturen: Burkhard Glashoff, Geschäftsführer der Konzertdirektion Goette, schildert die aktuelle Situation aus Sicht der Konzertveranstalter. Klick um zu Tweeten

Die Kolleginnen aus dem Agenturbereich haben sich in ihren klugen Debattenbeiträgen ja schon mit den langfristigen Konsequenzen der Krise auseinandergesetzt und prophezeit, dass der mitunter überdrehte »Tourneezirkus« einem lokaleren und nachhaltigeren Ansatz weichen könnte, der sich in Künstler:innenresidenzen und partnerschaftlichen Modellen ausdrückt. Internationale Gastspielreisen könnten wieder mehr den Charakter eines Kulturaustauschs annehmen und damit eine ganz andere Legitimität gewinnen. In gewisser Weise legt sich hier die Corona-Krise über die Klima-Krise, die den öffentlichen Diskurs im vergangenen Herbst bestimmt hat, und die Antworten auf beide Krisen ähneln sich zum Teil frappierend. Vielerorts wird bereits in dieser Richtung gedacht und geplant, und eine Beschleunigung der Entwicklung ist absehbar. Damit einhergehend deutet sich auch eine Neudefinition der Aufgaben und Funktionen von Agenturen und Veranstaltern ab. Steht bei den Agenturen dabei überwiegend ein neues Konzept der Vergütung ihrer Tätigkeit im Vordergrund (weg vom Provisionsmodell, hin zu einer Vergütung der Beratungsleistung gegenüber den Künstlern und Veranstaltern), spielen bei den Tournee- und örtlichen Veranstaltern Haftungsfragen im Falle von Konzertabsagen eine wichtige Rolle. Es ist sicherlich notwendig, diese grundsätzlichen Fragen in der Phase des Stillstands auszuhandeln. Noch wichtiger, in unseren Augen sogar existentiell ist es, mit der Politik und den Behörden einen Weg aus dem derzeitigen Shutdown auszuarbeiten. Sollte dies in den bevorstehenden Wochen und Monaten nicht gelingen, steht zu befürchten, dass von der viel gelobten deutschen Kulturlandschaft in ein oder zwei Jahren nicht mehr viel übriggeblieben sein dürfte. Ob die Chance einer Neuausrichtung ergriffen wird oder wir dann auf die Trümmer eines weltweiteinmaligen Musiklebens schauen müssen, liegt dabei in den Händen der gesamten Gesellschaft. Nur gemeinschaftlich können wir dieser existentiellen Krise erfolgreich entgegentreten, während Verteilungskämpfe und Absicherungsstrategien allein uns nicht aus einer Krise solchen Ausmaßes befreien können. ¶