Eine klingellose Parterrewohnung in Wilmersdorf. »Einfach an der Tür klopfen oder mich anrufen«, schrieb Andreas Staier in der E-Mail. Er probt mit Alexander Melnikov hier gerade für zwei gemeinsame Schubert-Konzerte in Essen und Dijon. Wir sind allerdings verabredet, um über eines seiner Lieblingsstücke zu sprechen, Louis Couperins Tombeau de M. de Blancrocher.
Einen »hidden champion« nannten wir Andreas Staier einmal, was in der Rückschau betrachtet ziemlich schief ist: Einerseits kann das Vokabular von Sport und Markt das Sprechen über Musik nur vergiften, andererseits ist Andreas Staier nur dann »unsichtbar«, wenn man sich in sehr großer Umlaufbahn um den bunten Planeten Klassik dreht oder Sichtbarkeit in Marketingkategorien misst. Staier, geboren 1955 in Göttingen, war zunächst drei Jahre Cembalist der Musica Antiqua Köln, seit 1986 ist er als Hammerklavier- und Cembalo-Solist unterwegs mit allen guten Alte-Musik-Ensembles, kammermusikalischen Freunden wie Jean-Guihen Queyras und Christoph Prégardien und mit liebevoll kuratierten Programmen voller Entdeckergeist und Tiefenschärfe. Für seine Konzerte und Einspielungen bei harmonia mundi wurde er mit Preisen (vom Diapason d’or bis zum Gramophone Award), Titeln (»Großmeister des Hammerklavier«, siehe auch: »Hidden Champion«) und Einladungen auf die großen internationalen Bühnen und Festivals eingedeckt. Er kriegt Musik auf diesen alten, stolzen, zartbesaiteten Instrumenten farbenreicher hin als die meisten. Und er ist einer, der sich nicht scheut zu versuchen, das, was ihn an Musik fasziniert, in Worte zu packen.Alexander Melnikov verabschiedet sich in die Mittagspause, an der Wand haucht eine zwischen bunten Farben changierende Lichterkette den Raum mitsamt Flügel in eine leicht melancholische Stimmung. Womit wir schon beim Thema wären …
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