Noch immer wird Musikgeschichte geschrieben und wahrgenommen, als hätte nichts anders kommen können. Nicht J. S. Bach und die Beatles sind Fiktionen, aber unsere Gewissheiten über sie. Volker Hagedorn plädiert für offeneres Hören – und mogelt einen Outsider an der Jury der Platzverteiler vorbei.

Im Film Yesterday hat ein rätselhafter Zwischenfall fast alle Spuren der Beatles von der Erde getilgt. Nur einer hat noch ihre Songs im Kopf, ein erfolgloser Musiker, der mit seinem Geheimnis nun zum größten Songwriter aller Zeiten wird. Selbstverständlich? Überhaupt nicht, so wenig, wie in der beliebten Behauptung »Qualität setzt sich durch« mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckt. Der fatalistische Spruch übergeht tausende Talente, die abgewürgt wurden, tausende von Werken, die nicht oder gehandicapt ans Publikum gelangten. Wenn es vor allem nach Qualität ginge, hätte Bach keine »Wiederentdeckung« gebraucht. Es geht aber auch nach dem Umfeld, auf das er sich genauso bezog wie die Beatles. Penny Lane als Novität von 2019 wäre, isoliert von den Koordinaten der 1960er, kein globaler Hit. Aber einen Film, der die Beatles final untergehen lässt, würde nicht mal Mick Jagger finanzieren.    

Yesterday spielt mit unserem Wissen um die »wahre Geschichte«. Aber wie wahr ist sie? Besonders die Musikgeschichte, mit der wir es uns eingerichtet haben, trägt selbst Züge einer Fiktion. Nicht nur, weil jede Zeit ihre Tendenzen auf die Geschichte projiziert. Die geschichtsphilosophische Folgerichtigkeit, ja Zwangsläufigkeit, die in anderen Bereichen immer mehr in Frage gestellt wird – was etwa die Unvermeidbarkeit des Ersten Weltkriegs betrifft –, bleibt in der Musik ein basso continuo. Auf hundert Jahre eines Musikerclans in Thüringen muss natürlich Johann Sebastian Bach folgen, die durch zuviel Lully ermüdete Pariser Oper kann nur durch Rameau erneuert werden, und die meisten Deuter sind sich einig, dass Strawinsky im Sacre du Printemps den Ersten Weltkrieg ahnt, aus welchem zwingend der Wozzeck des Alban Berg hervorgeht.    

Nun ist keiner schon Determinist, weil er sich eine Welt ohne, zum Beispiel, die eigenen Kinder schlicht nicht vorstellen kann. Auch die Liebe zu Musikstücken führt zu einer Erzählung, in der diese Werke unausweichlich ihren Platz ansteuern. Anders als den Kindern tut man ihnen damit keinen Gefallen. Wir möchten das Vergangene sortiert haben, um so mehr, je unübersichtlicher uns die Gegenwart vorkommt. Damit nehmen wir den Werken etwas weg, die alle aus unübersichtlichen Gegenwarten kommen und vieles davon mit jedem erklingenden Ton so gegenwärtig freisetzen können. Vielleicht ist es auch die Erfahrung anderer Ungewissheiten, die uns beim Musikhören guttut, und nicht nur die Gewissheit einer organisierten Struktur in einer vertrauten Sprache, im beliebtesten Fall der Personalstil eines der zwanzig bis dreißig Superhelden.

Einer von ihnen hat gesagt: »Was liegt eigentlich daran, wer die Werke schreibt. Wenn sie nur zur rechten Zeit da sind.« Das war Gustav Mahler im Januar 1910. Im Prinzip hat er recht, alle anonymen Meister der Schule von Nôtre-Dame würden ihm zustimmen. Aber Menschen sind froh, wenn sie wissen, an wen sie sich wenden können. Wer und was ihnen wichtig ist, bekommt Namen. Wo zudem das Werk eine Welt bildet wie bei Bach oder Mahler, ist der Name noch weniger egal. Nur wird er zugleich tauglich für die große Erzählung im Format des alten Bildungsromans, deren Publikum nicht wissen will, dass die Viten auch anders hätten verlaufen können. Was, wenn Christoph Graupner, der Favorit fürs Kantorat der Leipziger Thomaskirche, nicht von seinem alten Arbeitgeber an Darmstadt gekettet worden wäre? Hätte Bach dann Opern geschrieben? Und hätte das den Planeten unbewohnbar gemacht?

Wir brauchen kein Paralleluniversum zu eröffnen, aber wir sollten der großen Erzählung misstrauen, die nichts offenlässt, neben der unsere eigenen Hör-Geschichten so wenig gelten wie Newcomer ohne Empfehlungsschreiben. Ich bin jetzt auf Francesco Venturini gestoßen. Nie gehört! Er hat kaum Musik hinterlassen, die aber ist auffallend gut, um 1714.

https://www.youtube.com/watch?v=M39SBFoLpfI

Es gibt ihn auf Youtube, aber die Eckdaten um sein Dasein am hannoverschen Welfenhof sind dürftig. Da erhebt sich sofort die Frage: »Muss seinetwegen die Musikgeschichte umgeschrieben werden?« Das nun auch wieder nicht… aber was ist das für eine blöde Frage! Wie von einer Jury. Okay, legen wir die Jury rein und verpassen Venturini genau die grandiose Erzählung, in der die Superhelden feststecken.

Franzose soll er den Akten zufolge sein und in Brüssel gewesen, er hat seinen Namen wohl für die Karriere italianisiert. Venturini! Ventura steckt darin, das Schicksal. Vielleicht kam er als François Destin im Paris des Sonnenkönigs zur Welt und via Brüssel nach Hannover, im Schlepptau von Agostino Steffani, der in der Brüsseler Diplomatie für den Einfluss des hannoverschen Kurfürsten intrigierte, perfekt getarnt als Musiker. Wie er verbindet Venturini französischen und italienischen Stil. Man könnte ihm eine schillernde Biographie andichten, ihn adeln zu einem François D´Estin und einer der außerehelichen Verbindungen entspringen lassen, von denen Paris in jedem Jahrhundert nur so wimmelt. Na bitte, jetzt klingen seine Suiten gleich noch mal so gut!

Musikgeschichte wird geschrieben, als hätte nichts anders kommen können. Nicht J. S. Bach und die Beatles sind Fiktionen, aber unsere Gewissheiten über sie. Volker Hagedorn plädiert in @vanmusik für offeneres Hören.

Was nicht ganz passt, ist, dass Monsieur Schicksal eine Frau namens Anna Maria Ennuy heiratete, was soviel wie Langeweile heißt. Aber vielleicht steckt die Wahrheit über sie in der Musik? So kann man das ja auch mal hören. Bis zu jenem andächtigen Moment, in dem bekannt wird, dass Bach persönlich ein Stück von Venturini abgeschrieben hat. Dann ist die Welt wieder in Ordnung… ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016) und »Der Klang von Paris« (2019), ein weiteres Buch ist in progress.