Im Namen von van: Vier Pianisten über Beethovens Klaviermusik

Interviews · Datum 26.4.2017

Hervorragenden Nachwuchspianist:innen eine Plattform und die bestmögliche Förderung zu bieten, ist das Kernanliegen der International Telekom Beethoven Competition. Noch bis zum 14. Mai können sich junge Pianist:innen für die diesjährige Ausgabe im Dezember 2021 bewerben. Außerdem will die Beethoven Competition Musiker:innen wie Publikum Anregung und Anstoß geben, sich noch intensiver mit dem Werk des Komponisten auseinanderzusetzen. VAN hat da schon mal vorgearbeitet und bündelt im »Beethoven am Klavier«-Themenspecial drei Texte zu Komponist und Werk und den großen Beethoven-Sonat-O-Maten. 

Der am stärksten polarisierende Pianist des 20. Jahrhunderts? Vielleicht ist das gar kein Extravaganz-Extremist wie Glenn Gould, sondern Alfred Brendel.

Auf der einen Seite stehen die Liebhaber der subtilen, stets durchdachten Nuancierung, der alles Effekthascherische ein Gräuel ist. Diese Verehrung konnte und kann sich nachgerade zum »Brendel-Tick« auswachsen, wie ihn der in Wien weltberühmte Falter-Herausgeber Armin Thurnher 2009 in seinem Brendel-Roman Der Übergänger schilderte. Auf der anderen Seite stehen Klavier-Aficionados, die – wie ein gewisser »Don Fatale« in einem großen Klassik-Forum – diese Kunst des feinsten Übergangs rundweg verschmähen:

Die beste Voraussetzung dafür, eine Musik nicht zu mögen, scheint mir jedenfalls zu sein, sie sich von Brendel vorspielen zu lassen.

Wenn das keine Extreme sind! An Brendels Wirkung, was sowohl das Klavierspiel als auch das Nachdenken über Musik angeht, besteht also kein Zweifel.

Da braucht es kein Jubiläum und keinen runden Geburtstag, dem 1931 geborenen Brendel eine Hommage auszurichten, wie es das Berliner Konzerthaus vom 27. April bis zum 7. Mai tut. Alfred Brendel, der sich 2008 vom öffentlichen Klavierspiel zurückzog, tritt dabei allerdings nur als Redner auf: mit einführenden Worten zu mehreren Streichquartett-Aufführungen etwa oder – die Partystadt Berlin hat eben tausend Gesichter – als Rezitator eigener Gedichte in einem Late-Night-Gig mit Pierre-Laurent Aimard (hier im VAN-Interview).

Klaviermäßig geht es aufs Ganze: Fünf junge Pianisten, die alle auf die eine oder andere Weise von Alfred Brendel beeinflusst wurden, spielen an fünf Abenden die fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens (Martin Helmchen, Francesco Piemontesi, Paul Lewis und Till Fellner mit dem Konzerthausorchester, Kit Armstrong mit den Wiener Philharmonikern). Das solistische Rezital ist dagegen etwas dünn vertreten, mit einem einzigen, dafür umso gewichtigeren Werk: der letzten Sonate schlechthin, op. 111, gespielt von Herbert Schuch.

Vier der beteiligten Pianisten standen uns freundlicherweise für einige Fragen über das ewige Thema Beethoven zur Verfügung.

Francesco Piemontesi

Foto © Benjamin Ealovega
Foto © Benjamin Ealovega

VAN: Gegen Elise! Was könnte der erste Beethoven eines jungen Klavierspielers sein?

Francesco Piemontesi: Mein erster Beethoven war die erste Sonate, ein hinreißendes Stück, aber nicht ganz leicht. Ganz zum Einstieg würde ich die Bagatellen op. 126 empfehlen, zum Beispiel die Nummer 5. Generell ist Beethoven aber vielleicht kein Komponist für Anfänger-Repertoire.

Warum?

Es ist natürlich gut für junge Pianisten, sich mit Beethoven zu beschäftigen, aber mehr für den Kopf als für die Finger. Auch seine technisch einfacheren Stücke bewegen sich auf einem hohen dialektischen Niveau, und werden sich einem am Anfang sicher nicht zur Gänze erschließen.

Beethoven, Bagatellen op. 126 No.1, 3 und 5, interpretiert von Alfred Brendel

Sie spielen im Konzerthaus das 1. Klavierkonzert. Gibt es in diesem Stück etwas, das Sie besonders lieben – eine bestimmte Stelle, ein Detail, eine Eigenschaft?

Zum 1. Satz sind von Beethoven drei unterschiedliche Kadenzen überliefert. Ich spiele die dritte, die später geschrieben wurde als das Konzert. Ziemlich komplex, aber sehr humorvoll. Zum Beispiel hat Beethoven es gehasst, wenn mitten im Satz nach der Bravoura-Kadenz eines Solokonzertes applaudiert wurde. Ein Zeichen für das Ende der Kadenz ist in der Regel ein großer Triller. Und deshalb baut er hier Triller an ›falschen‹ Stellen ein, und führt das Publikum aufs Glatteis.

Welches Klavierstück von Beethoven mögen Sie besonders?

Vielleicht die Sonate op. 109, aber eines herauszustellen fällt mir schwer.

Und gibt es eins, das Ihnen gar nicht gefällt?

Schwierig, da fällt mir höchsten die Fantasie op. 77 ein, aber ich kann nicht sagen, dass ich sie nicht ›mag‹, sie erschließt sich mir vielleicht einfach noch nicht richtig.

Welcher Beethoven-Pianist hat Sie beeindruckt?

Es gibt kaum einen Pianisten auf der Welt, der nicht Beethoven spielt. Und es gibt ganz unterschiedliche Anforderungen an den Interpreten je nach Schaffensphase. Zu nennen wären auf jeden Fall: Schnabel, Gulda, Annie Fischer, natürlich auch Brendel. Die italienische Pianistin Maria Tipo hat das 1. Konzert unglaublich gut gespielt – mit einem gewissen napolitanischen Kolorit!

Ich schätze auch den sehr lyrischen Beethoven von Kempff und Fischer sehr.

Und welcher Pianist hätte Beethoven besser nicht spielen sollen?

Wenn man versucht, Beethoven zum Angeben zu benutzen, kann das ganz fürchterlich nach hinten losgehen. Das habe ich durchaus schon bezeugen dürfen. Ich habe aber ein recht selektives Gedächtnis, wenn etwas nicht gut oder nicht interessant ist, dann vergesse ich das schnell wieder. Was bleibt ist die Qualität.

Kit Armstrong

Foto © Neda Navaee
Foto © Neda Navaee

VAN: Gegen Elise! Was könnte der erste Beethoven eines jungen Klavierspielers sein?

Kit Armstrong: Opus 49 #1. Eins meiner Lieblingsstücke von Beethoven.

Sie spielen im Konzerthaus das 3. Klavierkonzert. Gibt es in diesem Stück etwas, das Sie besonders lieben – eine bestimmte Stelle, ein Detail, eine Eigenschaft?

Respektvolle Neuinterpretation klassischer Struktur.

Welches Klavierstück von Beethoven mögen Sie besonders?

Opus 119 #8.

Und gibt es eins, das Ihnen gar nicht gefällt?

Früher habe ich die 8. Sinfonie gelebt und geatmet. Das verstehe ich heute nicht mehr ganz.

Paul Lewis

Foto © Josep Molina
Foto © Josep Molina

VAN: Gegen Elise! Was könnte der erste Beethoven eines jungen Klavierspielers sein?

Paul Lewis: Das hängt vom Pianisten ab! Mein erstes Beethoven-Stück war die F-Dur-Sonate op. 10 No. 2, als ich zwölf Jahre alt war. Keine Ahnung, ob das die beste Wahl war – der letzte Satz ist nicht einfach zu spielen.

Die F-Dur-Sonate op. 10 No. 2, gespielt von … Alfred Brendel.

Sie spielen im Konzerthaus das 5. Klavierkonzert. Gibt es in diesem Stück etwas, das Sie besonders lieben – eine bestimmte Stelle, ein Detail, eine Eigenschaft?

Ich liebe die Art, in der dieses Stück in gewisser Weise trügerisch ist. Sein sinfonischer, epischer Charakter ist offensichtlich, aber seine kammermusikartigen Züge fallen vielleicht weniger ins Auge. Der Pianist muss ständig wechseln zwischen den Rollen als Solist, Begleiter, Kammermusiker und zweites Orchester.

Welches Klavierstück von Beethoven mögen Sie besonders?

Immer das, welches ich gerade spiele.

Und gibt es eins, das Ihnen gar nicht gefällt?

Ich bin immer noch auf der Suche danach.

Paul Lewis über Beethoven

Herbert Schuch

Foto © Felix Broede, Hans Deumling, Dorothee Falke, Jürgen Olczyk
Foto © Felix Broede, Hans Deumling, Dorothee Falke, Jürgen Olczyk

VAN: Gegen Elise! Was könnte der erste Beethoven eines jungen Klavierspielers sein?

Herbert Schuch: Ich habe gar nichts gegen Elise – das ist ein wunderbares Stück! Allerdings sollte man den Mittelteil auch spielen und nicht nur die ersten paar Takte…

Warum?

Weil sich Für Elise nun mal durch die eingängige Harmonik unglaublich gut im Gehirn einnistet. Das schlägt das übliche Amélie-Gedudel um Längen. Ich habe allerdings gleich mit einer Beethoven Sonate angefangen, das war op. 14,2…

Sie spielen im Konzerthaus die Sonate op. 111. Gibt es in diesem Stück etwas, das Sie besonders lieben – eine bestimmte Stelle, ein Detail, eine Eigenschaft?

Alles an diesem Stück ist genial! Am Großartigsten ist aber der Wiedereintritt des Arietta-Themas nach der Es-Dur Stelle im zweiten Satz. Wie da Beethoven dem Thema ganz neues, strömendes Leben zurückgibt, das ist so innig und die Welt umarmend – und dies auf der Bühne mitzuerleben, ist ein ganz großes Glück!

Der zweite Satz der Sonate op. 111 von Beethoven, Alfred Brendel am Klavier.

Welches Klavierstück von Beethoven mögen Sie besonders?

Die letzte Sonate ist schon sehr besonders! Da ich sie schon so oft gespielt habe, stellt sich mir mittlerweile nicht mehr die Frage einer Interpretation – die op.111 ist sozusagen in der Blutbahn angekommen. Was natürlich nicht heißt, dass sich das Stück von alleine spielt…!

Und gibt es eins, das Ihnen gar nicht gefällt?

Ganz ehrlich: Nein. Das wäre auch sehr hochnäsig.

Welcher Beethoven-Pianist hat Sie beeindruckt?

Von den Pianisten, die ich live erlebt habe, möchte ich zwei komplett unterschiedliche Pianisten nennen: Brendel und Pletnev.

Warum?

Bei Brendel hatte ich immer wieder das Gefühl, das auf einmal so etwas wie eine musikalische Wahrheit ans Licht gebracht wurde. Den Übergang vom Arioso in die finale Ekstatik der op.110 habe ich überhaupt live von ihm zum ersten Mal verstanden. Wer weiß, vielleicht war das auch schon das letzte Mal? Und Pletnev kann wie ein Zauberer die kleine G-Dur Sonate op.14,2 in ein Schumann-Stück verwandeln. Und nimmt uns ungläubig Staunende mit.

Und welcher Pianist hätte Beethoven besser nicht spielen sollen?

Da möchte ich jetzt keinen Namen nennen. Ich denke aber, solange man sich mit ganzem Herzen und voller Hingabe Beethoven widmet, soll und darf man ihn spielen. Wenn ich merke, dass ein Kollege sich auf einer vermeintlichen Meisterschaft ausruht, werde ich allergisch. Diese Musik ›kann‹ man nie! ¶

Albrecht Selge

...lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: Fliegen (2019) und Beethovn (2020). Und führt nebenher das Blog Hundert11 – Konzertgänger in Berlin.