Wer durch das reiche Material klickt, das im Netz über die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts informiert, gewinnt bald ein erfreulich klares Bild. Auf eine spätromantische Übergangsphase, so erfährt man, folgte um 1910 eine Krise der Dur-Moll-Tonalität, die vor allem drei Reaktionen hervorgerufen habe: die Auflösung dieser Tonalität (Avantgarde), ihre Verfremdung durch Rückgriff auf Musik des 18. Jahrhunderts (Neoklassik) oder ihre Erweiterung durch bislang unübliches ethnisches Klangmaterial (Folklorismus). Diktatur und Zweiter Weltkrieg hätten die natürliche Entwicklung etwas aufgehalten, doch habe man nach 1945 wieder daran anschließen können, sodass die serielle Musik über die Aleatorik, die Minimal Music und die Neue Einfachheit ungestört in die Postmoderne münden konnte.
Zugegeben, damit ist die herrschende Meinung leicht karikiert – aber eben nur leicht. Noch immer glauben viele, das heutige Musikleben sei im Wesentlichen entlang weniger Hauptlinien organisch gewachsen. Doch die verdienstvollen Arbeiten und Initiativen, die sich seit über vierzig Jahren den Schicksalen NS-verfolgter Musikerinnen und Musiker widmen, haben längst das Gegenteil belegt. Sie zeigten, dass die europäische Musikkultur, bevor die Nazis mit ihrer systematischen Zerstörung begannen, viel reicher war, als wir es lange ahnten. Und sie machten deutlich, welchen Einfluss diejenigen, denen die Flucht glückte, auf die Musikgeschichte der zweiten Jahrhunderthälfte hatten. Wie sich herausgestellt hat, war dieser Einfluss zwar oft indirekt oder mittelbar, aber insgesamt erheblich. Das heißt: Musikgeschichtlich müssen wir die Zeit vor, während und nach der NS-Herrschaft neu denken. Je mehr wir über bislang unbekannte Menschen, Werke, musikalische Konzepte und Ideen erfahren, desto deutlicher wird, dass das 20. Jahrhundert »aufgrund der Forschungsergebnisse einer tiefgreifenden Revision unterzogen und seine Geschichte neu geschrieben werden muss«, wie der Münchner Musikwissenschaftler Wolfgang Rathert befand.

