Neben den Jungregisseur/innen, die beim 69. Internationalen Filmfestival von Locarno um die goldene Pardo-Trophäe in feinstem italienischen Design antreten, ist die Retrospektive ›Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen Bundesrepublik von 1949 bis 1963‹ der Geheimtipp des Festivals gewesen. In der Adenauer-Ära war Deutschland ein riesiges Filmlaboratorium. Meint zum Beispiel der Filmkritiker Olaf Möller, der über 60 Schwarzweiß-Filme aus den Tiefen von Filmmuseen und Archiven wieder ans Licht geholt hat. Die Bandbreite an Themen ist unglaublich. Eine Frau wehrt sich im Wiederaufbauland gegen das Dekorweibchen-Image, ein Arbeiter wird Spielball eines Huts, das bundesdeutsche Geschäft mit der atomaren Aufrüstung wird zu einem Krimi, Autobahnen zu Sehnsuchtsfluchten, das Phänomen Geschwindigkeit oder neue Kommunikationstechniken werden zu filmischen Experimenten. Die Musik spielt eine zentrale Rolle. Beispielsweise für den deutschen Regisseur Edgar Reitz. Ende der 1950er hat er sich an der Filmgeschichte der BRD mit experimentellen Kurzfilmen beteiligt. Und sitzt im Sommer 2016 in der Kurzfilme-Jury. Sabine Weber war in Locarno und hat mit Reitz und Möller gesprochen.

Edgar Reitz • Foto © Festival del film Locarno / Massimo Pedrazzini
Edgar Reitz • Foto © Festival del film Locarno / Massimo Pedrazzini

VAN: Wie sind Sie bei Ihren experimentellen Kurzfilmen zur Musik gekommen, oder: wie ist der Film damals allgemein zur Musik gekommen?

Edgar Reitz: In dieser Zeit gab es eine sehr konfliktgeladene Trennung zwischen den traditionellen Künsten und dem aufbrechenden experimentellen Bereich, dem ich mich immer zugehörig fühlte. Ich gehörte nicht zu der Filmbranche, die damals auch wahnsinnig viel Geld verdient, sich aber auch verschlossen hat gegenüber dem Nachwuchs. Was mich interessiert hat, war diese nach Freiheit suchende Dynamik, die es in der Musik gab. Ich hatte zufällig eine wichtige Figur in München kennen gelernt, Josef Anton Riedl, der zusammen mit der Firma Siemens ein Studio für elektronische Musik gegründet hat. Das war damals noch in den Anfängen. Und ich war einer von denen, die mitgeholfen haben, diese elektronische Klangerzeugung zu entwickeln. Ich habe mit Riedl meine ersten Filme gemacht – und bei der Gelegenheit und während der Arbeit eine Reihe von Komponisten kennen gelernt, die damals noch junge Leute waren. Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, Mauricio Kagel und viele andere, die da ein und aus gingen. An deren Seite habe ich versucht, das, was Film ist, neu zu verstehen. Das ging vor allen von den rhythmischen Entdeckungen aus. Film ist ja auch eine Zeitkunst. Und dass man Montieren kann. Die Montage ist eigentlich ein filmisches Prinzip, das man in der Musik anwenden kann. All diese gegenseitigen Entdeckungen. Wir waren in einer permanenten Abenteuerstimmung.


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... arbeitet seit über 15 Jahren für verschiedene Radioprogramme der ARD. Dazu zählen Beiträge, Features, die Moderation von Musiksendungen und live moderierte Konzertübertragungen. Darüber hinaus ist sie für verschiedene Printmedien und Online-Magazine als Opern- und Konzertkritikerin oder Berichterstatterin für internationale Festivals unterwegs. In ihrer Freizeit rudert sie auf dem Rhein, auch wettkampfmäßig.