Der »Empfindsame Stil« leistete sich zur literarischen Sturm-und-Drang-Zeit krasse kompositionsgeschichtliche Neuerungen. Schrieb man im gediegenen Barock noch häufig gelehrsam, kontrapunktisch astrein und mit Blick auf den (perlenden) Fluss, so wurden bei den »Empfindsamen« überraschende Pausen, staunenmachende Laut-Leise-Kontraste und tränen- und schweißgetränkte Seufzermotive zu Kennzeichen des neuen Stils. Interessierten sich Königinnen und Könige, Fürstinnen und Fürsten und andere potentielle Auftraggeber:innen plötzlich so sehr für den individuellen, in Musik ausgedrückten Gefühlshaushalt der Komponierenden? Wie angesichts der Renaissance stand die Emotionalität des kunstschaffenden Subjekts offenbar wieder auf der Türschwelle der auditiven Empfänglichkeit. Empfänglicher Stil. Herein denn!
Sagen wir es mal ganz lax, ja, barsch: Zwischen dem empfindsamen Stil und der Romantik musste noch kurz die störende Klassik kommen, die sich viel »höfischer«, viel fließender, ja geradezu fischartig – aalglatt – gab (trotz unseres guten Freundes, dem Wolfer, dessen Vater Leopold beziehungsweise dessen Schaffen immerhin zur interessanteren Epoche, richtig!, zur »Empfindsamkeit« gerechnet wird). Die Klassik: vielleicht sogar eine Art unaufregender »Rückschritt« in der Musikgeschichte? Die Romantiker – wir denken an die heißblütigen Klaviergeniestreiche eines Robert Schumanns – griffen dann sozusagen das wieder auf, was die »Empfindsamen« zum Grundsatz erhoben hatten: das Individualisierte, Affektvolle, Unerwartete. Jede komponierte Musizierhaltung kann sich in kürzester Zeit ändern, jede Emotion ist an jeder Stelle erlaubt!

