Gerontius war ein spätantiker römischer General, aber mit dem hat Elgars Oratorium The Dream of Gerontius gar nichts zu tun. Sein Gerontius, auf einen 1865 von dem englischen Kardinal John Henry Newman verfassten und seinerzeit in katholischen Kreisen ziemlich populären Text, dieser Gerontius ist einfach ein alter Mann, es könnte jeder sein, entsprechende Glaubensgrundlagen vorausgesetzt. Schon Dvorák wollte daraus ein Oratorium machen und bot es dem Birmingham Music Festival an, dem das Ganze 1888 noch zu katholisch war. Interessanterweise war der Stoff, inklusive Marienlob und Fegefeuer-Visionen, zwölf Jahre später kein Problem mehr und Elgar schuf einen sehr englischen Beitrag zur Erneuerung dieser chorgestützten gemeinschaftsbildenden Gattung. Elgars Gerontius ist in diesem Sinne repräsentativ, es werden, mit starken musikalischen Mitteln, das Lob Gottes und die Vergänglichkeit alles Irdischen besungen.

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Das macht schon was los, zumal in jener blitzhaften Schau Gottes, die der Seele des Gerontius zuteil wird: »For one moment, must every instrument exert its fullest force« hat Elgar in die Partitur geschrieben, ein nachgerade jenseitiges Fortefortissimo. Doch wie Simon Rattle das mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Münchener Herkulessaal realisiert, ist es eine Lektion über den Unterschied von Dezibel und Dringlichkeit und bei aller Lautstärke lässt das (eben dafür!) famose BR-Orchester das unbedingte Schönheitsgebot auch in diesem Moment der fullest force nicht außer Acht. Doch nicht der große Wumms macht hier den größten Eindruck, zumal man, um die Kühnheit einer komponierten Gottesschau zu ermessen, sein Quantum Glauben schon mitbringen muss. Es sind die ganz leisen Stellen, zu Beginn des umfänglichen Prelude, dann zu Anfang des zweiten Teils, der Jenseitsfahrt von Gerontius‘ Seele, und immer wieder zwischendurch in den steten Wechseln zwischen Todesangst und Zuversicht: Exerzitien in Zartheit.

Die Pianissimi, die das Orchester schenkt, die staunenswerte Reinheit, mit der der Chor des Bayerischen Rundfunks intoniert, Nicky Spences bewegendes Bild eines Sterbenden zwischen Panikattacken und Hoffnungsschimmern: Der Abend kreiert eine durchaus diesseitige, nämlich musikalische Mystik, und das darf man als Rettung des seltsamen Werks verstehen, Rettung vor immerhin drohender Kitschgefahr wie vor einer Art musikalischem Präraffaelismus – für derlei süffig kolorierte Heiligenbildchen war es zur Zeit der Uraufführung im gerade zehn Monate alten 20. Jahrhundert ja längst zu spät.

Das BR-Orchester spielt Elgars Gerontius zum ersten Mal, das ist ein langer Anlauf, aber das Warten hat sich gelohnt. Das Stück ist für Rattle, der seinen Weg in die dirigentische Premier League ja von Birmingham aus gestartet hat, spürbar eine Herzenssache. Er geht es mit Ernst und Verbindlichkeit an, wir sind ja im Sterbezimmer des alten Mannes, dann in seinem Traum vom Jenseits. Momentweise klingt es wie Parsifal, doch anstelle von Wagners Wunden-Exhibitionismus teilen Sir Edward und Sir Simon mit vollen Händen Trost- und Linderungsmittel aus. Und alles ganz ohne Weihrauch; Vorklang dessen, was der Seele beim Erwachen im Himmel als »inexpressive lightness, and a sense of freedom« erscheint. Als es, mild und leise, zu Ende ist, lange Stille; die meisten im Saal hätten wohl gern noch weitergeträumt. Rattle und der BR, das wirkt an diesem Abend wie eine glückliche Konstellation, zumal mit diesem Repertoire. Dass sie auf dem Programmheft den Namen des Komponisten weglassen: »Sir Simon Rattle / The Dream of Gerontius« mögen wir als Ausdruck der Freude lesen, diesen Sir aus Berlin und London nach München geholt zu haben. Passt. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹