Die letzte Inszenierung des bereits 2013 verstorbenen Patrice Chéreau an der Staatsoper Berlin hat uns durch das Zittern des Zwischenmenschlichen beeindruckt

Text · Fotos MONIKA RITTERSHAUS · Datum 26.10.2016

Elektra ist wütend. So viel ist bekannt. Doch es ist mehr als nur Wut – sich windender und alles zerfressender Hass ist es, der Strauss’ Oper treibt: ein Psychothriller von der ersten bis zur letzten Minute. Die knappen zwei Stunden Elektra-Spieldauer lassen kaum eine Handinnenfläche trocken. Das Libretto Hugo von Hofmannsthals wartet mit einer überaus brutalen und blutigen Sprache auf, die in ihrer Eindringlichkeit kaum Parallelen in der Opernliteratur findet.

Agamemnon ist tot. Ermordet von seiner Frau Klytämnestra und ihrem neuen Ehemann Aeghist. Ermordet im Bad, offenbar vor den Augen der Tochter Elektra. Die vegetiert seitdem im Hof vor sich hin, lebt nur für den Hass, für den Gedanken an Rache.

Das Bühnenbild von Richard Peduzzi ist schlicht gehalten, zeigt den Hinterhof mit einem großen Torbogen. Links der stets verschlossene Ausgang aus dem Haus. 
Das Bühnenbild von Richard Peduzzi ist schlicht gehalten, zeigt den Hinterhof mit einem großen Torbogen. Links der stets verschlossene Ausgang aus dem Haus. 

Am 23. Oktober feierte Elektra in der Inszenierung von Patrice Chéreau Premiere an der Staatsoper Berlin. Bei der Inszenierung handelt es sich um die letzte des »besten Regisseurs der Welt« – wie ihn Intendant Jürgen Flimm in einer kurzen Ansprache vor der Premiere nennt. Chéreau hatte diese Inszenierung bereits 2013 beendet, verstorben ist er im Oktober des gleichen Jahres. Doch erst jetzt findet diese sehr persönliche und nachdenkliche Inszenierung ihren Weg an die Berliner Staatsoper im Schiller Theater.

Im Mittelpunkt der Inzenierung stehen die drei Frauen des Stücks: Elektra, die Schwester Chrysothemis und die Mutter Klytämnestra. Im Programmbuch: ein kurzer Aufsatz von Chéreau selbst. Er argumentiert, dass es vor allem die unterdrückte Sexualität Elektras sei – im Gegensatz zu der ausgelebten ihrer Mutter und der gewollten aber verhinderten ihrer Schwester – die ihre exaltierte Aggression auslöse. Das Private macht diese Inszenierung aus, die Beziehungen brechen und bluten und leiden.

Nachdem Agamemnon ermordet wurdet, ist es an Elektra, Rache zu üben, ihren tiefen, alle Liebe zerfressenden Hass zu einer Tat zu bringen. Doch diese Rache übt sie nur in ihren Gedanken, sie wird nie ausgeführt, sondern jeden Tag neu imaginiert, als Ritual. Evelyn Herlitzius schafft es, diesen Ingrimm bebend und doch nie hysterisch zur Schau zur stellen.

Trailer der Staatsoper zu Elektra

Die Inszenierung von Chéreau legt großen Wert darauf, die Innigkeit der Mutter-Tochter-Beziehung darzustellen, die trotz allen Hasses immer wieder aufflackert. So nehmen sich der Regisseur – und auch der Dirigent Daniel Barenboim, der jeder Figur, jedem Darsteller den Raum gibt, den es braucht – viel Zeit dafür, die Unterhaltung zwischen Klytämnestra und Elektra so zwiegespalten wie möglich zu inszenieren. Selbst nach dem Hassausbruch Elektras – ›Was bluten muss? Dein eigenes Genick, wenn dich der Jäger abgefangen hat!‹ – und als sie gekrümmt auf dem Boden liegt, bleibt Klytämnestra halb vorgebeugt, zögernd, begehrend, sich kümmernd vor Elektra stehen. Sie erkennt in der nur für die Rache lebenden Gestalt immer noch ihre Tochter. Diese Schlüsselszene der Oper wird eindrucksvoll auf der Bühne entfaltet: Elektra und Waltraud Meier als Klytämnestra werfen sich die Bälle hin und her – man hängt an den Lippen dieser beiden Frauen, der Mittelteil der Oper wird zum Höhepunkt des Abends.

Die Spannung aus Zuneigung – durch das Klammern an die Tochter-Mutter-Beziehung – und tiefer Abneigung ob der großen Zäsur durch die Ermordung des Vaters und Ehemanns wird greifbar. Während sich die Erschütterung Elektras aus einer überspannten Körperlichkeit immer wieder auszubrechen versucht, ist Klytämnestra das genaue Gegenteil: Ruhig und auch selbst zutiefst beschädigt versucht sie sich die Wandlung ihrer Tochter zu erklären. Die Interpretation dieser beiden Rollen bleiben im Gedächtnis. Hier hat Chéreau etwas geschaffen, was bewegt.

Die Begegnung zwischen Klytämnestra und Elektra.
Die Begegnung zwischen Klytämnestra und Elektra.

Die Lösung aller Probleme scheint derweil Bruder Orest zu sein. Durch seine Rückkehr und die Vollbringung der gedanklich von Elektra schon so oft ausgeführten Rache soll er auch die Ordnung im Haus wiederherstellen. Als Elektra auf ihn trifft, ist es vor allem ihr Körper, für den sie sich schämt – womit auch das Persönliche, das Sexuelle der Oper – wie von Chéreau gedacht –  erneut zur Geltung kommt.

Ich fühlte, wie der dünne Strahl des Monds / in seiner weißen Nacktheit badete / so wie in einem Weiher, und mein Haar / war solches Haar, vor dem die Männer zittern, / dies Haar, versträhnt, beschmutzt, erniedrigt, dieses! / Verstehst du’s, Bruder! Diese süßen Schauder / Hab ich dem Vater opfern müssen.

In der Inszenierung wird besonders deutlich, dass es nicht nur die Sexualität ist, die zu einer großen Zerrüttung führt. Auch das (durch die Gesellschaft definierte und aufrechterhaltene) Geschlecht der Figuren sorgt für Unbehagen. Elektra werden alle weiblichen Attribute abgesprochen, sie sei mehr ein Tier als eine Frau. Die Mutter Klytämnestra hat mit der Bluttat alle Mütterlichkeit verloren – ihr Mann wiederum sei mehr ein »Weib«, eine »Memme« als ein Mann. Nur die Schwester Chrysothemis versucht, die ihr so wichtige Weiblichkeit auszuleben – »Ich bin ein Weib, ich will ein Weiberschicksal« – kann es aber nicht, weil sie gefangen ist in dieser sozialen Unordnung, die keine Auflösung findet.

Klytämnestra wird ermordet vom Bruder Orest. Nicht hinter den Kulissen, wie es sonst so gerne inszeniert wird. Klytämnestra stirbt auf der Bühne, wird in der Öffentlichkeit hingerichtet. Als Aeghist erscheint, in der Dunkelheit, schiebt sich ein Teil der Bühne – der Winkel in dem Elektra einst vegetierte – hervor. Elektra hockt mit einer Kerze über der Leiche ihrer Mutter, um ihren Stiefvater anzulocken. Auch er wird daraufhin erstochen. Durch die Sichtbarkeit wird dieser Ermordung alles Mythische genommen – die beiden Figuren sind tot, doch ihr Tod ändert nichts: Die Rache und der Hass füllen Elektra inzwischen so sehr aus, dass eine Rückkehr nicht mehr möglich ist.

Für Chéreau ist es eindeutig, dass Orest das Haus wieder verlassen muss. Er wirkt niedergeschlagen, den Blick zu Boden gesenkt, geht langsam an einer erschlafft dasitzenden Elektra vorbei durch das Tor. Das Haus braucht ihn nicht. Elektra ist das Oberhaupt. ¶

Die vier verbleibenden Aufführungen in dieser Spielzeit sind leider ausverkauft.