Am Sonntag findet in Brasilien die Stichwahl für das Präsidentenamt zwischen dem rechtsextremen Jair Bolsonaro und dem Kandidaten der Arbeiterpartei PT, Fernando Haddad, statt. Es ist die wahrscheinlich wichtigste Wahl seit dem Ende der Militärdiktatur 1985. 28 Jahre lang saß Bolsonaro als Hinterbänkler im brasilianischen Kongress. Während dieser Zeit fiel der Hauptmann der Reserve und Ex-Fallschirmspringer weniger durch konstruktive Parlamentsarbeit (er brachte zwei Gesetzesvorschläge durch), als durch ein Gruselkabinett menschenverachtender Sprüche und faschistoider Gedanken auf. Zum Helden wurde er für viele Anhänger allerdings erst 2016, als er während des Amtsenthebungsverfahren gegen die damalige Präsidentin Dilma Rousseff seine Stimme einem berüchtigten Folterer der Militärdiktatur widmete, der auch Rousseff gefoltert haben soll. »Die brasilianische Militärdiktatur hat es versäumt, 30 000 Menschen zu töten«, sagte er einmal im Fernsehen. Ansonsten bleibt kaum eine Bevölkerungsgruppe übrig, die er noch nicht diskriminiert hat. Der in Brasilien lebende Journalist Glenn Greenwald bezeichnete Bolsonaro einmal als den »frauenfeindlichsten, hasserfülltesten gewählten Funktionär der demokratischen Welt«. Ein Teil seiner Anhänger wählt Bolsonaro nicht trotz, sondern wegen dieser Äußerungen. Er instrumentalisiert zudem geschickt den in der Bevölkerung weit verbreiteten Hass auf die politische Elite und den Wunsch, insbesondere der in Korruptionsskandale verwickelten Arbeiterpartei des Ex-Präsidenten Lula einen Denkzettel zu verpassen.Dass Bolsonaro den ersten Wahlgang klar gewann und auch in den Umfragen für die Stichwahl in Führung liegt, hat die ohnehin schon tiefen Gräben innerhalb Brasiliens weiter aufgerissen. Während seine Anhänger angesichts des erwarteten Sieges bereits euphorisch triumphieren, herrscht bei politischen Gegnern eine Mischung aus Angst, Panik und Ratlosigkeit (eine Stimmung, die auch das internationale Presseecho bestimmt). In einer Videoansprache per Handy kündigte Bolsonaro vor ein paar Tagen an, das Land nach dem Wahlsieg von »den roten Verbrechern« zu säubern: »Entweder sie gehen nach Übersee, oder ins Gefängnis«.In seinem Wahlkampf erinnert vieles an die Strategien rechtspopulistischer Bewegung in anderen Ländern: der kalkulierte Bruch mit »politischer Korrektheit«, eine großflächige Fake-News-Kampagne (das Unternehmen WhatsApp reagierte vor einigen Tagen und sperrte 100.000 verdächtige Profile vorübergehend), die Inszenierung als »Anti-Establishment«. Aber anders als zum Beispiel in den USA sind seit dem Ende der Militärdiktatur, nach der sich Bolsonaro und einige der Militärs in seinem Schattenkabinett zurücksehnen, gerade einmal 30 Jahren vergangen. Die demokratische Verfasstheit Brasiliens und seiner Institutionen ist fragil. Viele soziale Errungenschaften wie das gesetzlich verankerte Quotensystem, das Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen ein Studium ermöglichen soll, will Bolsonaro im Falle eines Wahlsiegs rückgängig machen. Schon jetzt scheint es ihm gelungen zu sein, im Land durch eine kontinuierliche Eskalation der Diskussionskultur und Verrohung der Sprache eine Art moralisches Tabula Rasa zu hinterlassen.
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