Reiner Zufall, dass Morgiane, ou, Le Sultan d’Ispahan eine etwas konventionelle Heiratsverwicklungsgeschichte eben da spielt, wo gerade (neben anderen Orten) US-amerikanische Marschflugkörper ein marodes Regime zusammenbomben sollen. Die Story kann in Isfahan spielen, aber auch anderswo, und sie war, als Edmond Dédé den Schlusspunkt unter 545 Notenblätter setzte, 1887 in Bordeaux, ein abendfüllendes, ambitioniertes Exemplar des Genres Grand Opéra, das da seine besten Jahre schon hinter sich hatte; Massenet und Saint-Saëns beherrschten die Szene, Bizets Carmen entzückte das Opernpublikum. Warum genau Dédés Morgiane nie gespielt wurde, weiß auch das kluge Booklet zur jetzt erschienenen Ersteinspielung durch die OperaCréole aus New Orleans nicht; dabei weiß es eine Menge über diese erste Oper eines afroamerikanischen Komponisten und den Mann Dédé, was weder Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, noch das dicke Musik in Geschichte und Gegenwart weiß. Dédé ist eine sprechende Leerstelle.
Geboren 1827 in New Orleans in eine kreolisch-französisch-karibisch-inspirierte Kultur, musikalisch ausgebildet unter anderem durch seinen Vater, floh er vor der sich verschärfenden Apartheid in den späten 1840er Jahren nach Mexico City, kam unter abenteuerlichen Umständen noch einmal nach New Orleans zurück, um sich dann, unterstützt von seinen ehemaligen Lehrern, nach Europa einzuschiffen, mit Kurs auf das Pariser Conservatoire. Für die reguläre Aufnahme war er zu alt, konnte aber Privatstunden etwa bei Fromental Halévy nehmen. Dédé ging als Dirigent nach Rouen und landete 1861 als Kapellmeister, Komponist und Korrepetitor am Grand-Théâtre de Bordeaux, wechselte später, nach Heirat mit einer Hutmacherin, ans populärere Café-Concert Alcazar, später an die Folies Bordelaises, kehrte noch einmal nach New Orleans zurück und starb 1901 in Paris.
Dédé war ein professional im Betrieb der »klassischen« wie der aktuellen, der Kunst- wie populären Musik, ein Reisender zwischen den Welten und Sphären, und wohl ein Künstler, der die Grenzen erfuhr, die der Betrieb einem afroamerikanischen Musiker setzte. Givonna Joseph, Leiterin der freien Kompagnie OperaCréole, erklärt im Booklet (und hier im Gespräch) ihre These vom Zusammenhang zwischen der Entfaltung von Exzellenz und der mehr oder weniger subtilen Zensur nichtweißer Kunst. Das macht Dédé zum Fall und interessant, auch wenn die Oper selbst aus der Zeit auch ihrer Entstehung gefallen wirkt und das Ensemble der Aufnahme nicht durchgehend exzelliert. Immerhin ist vom Opera Lafayette Orchestra zu hören, wie leichtfüßig da zwischen Grand Opéra und Music Hall, persischem Exotismus und ein wenig karibischem Kolorit getänzelt wird.
Diese Morgiane, entdeckt in einem riesigen Partiturstapel, den die Harvard University 2011 erworben hatte, dann aufwändig dechiffriert und eingerichtet, sie überwältigt vielleicht nicht, aber sie öffnet die Perspektive auf faszinierend diverse Zwischenräume der Musikgeschichte, die beleuchtet gehören. Denn es geht eben nicht darum, dass jeder composer of colour, wie übrigens jede zu entdeckende Komponistin, den Beweis zu erbringen hätte, besser als die kanonisierten ›Meisterwerke‹ oder auch nur der Mainstream zu sein.
Reiner Zufall, dass Morgiane, ou, Le Sultan d’Ispahan die letzte Produktion war, die am Kennedy Center for the Performing Arts in Washington realisiert wurde, bevor es den Namen des Sultans aufgedrückt bekam, der gerade seine Raketen nach Isfahan schickt. Givonna Joseph will jedenfalls nicht ausschließen, dass es da einen Zusammenhang gab. Und eben heute Abend spielen dort, im umgetauften Trump Kennedy Center, die Wiener Philharmoniker Sibelius und Straussens Zarathustra. Die Wirklichkeit ist verrückter als jeder Opernplot. ¶

