Pauline Viardot, die vor 200 Jahren in Paris in eine andalusische fahrende Opernfamilie hineingeboren wurde, war in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Sie komponierte und veröffentlichte (vor allem Vokalwerke mit französischen, russischen, deutschen, italienischen und spanischen Texten), spielte Klavier auf dem Niveau einer Clara Schumann, unterrichtete, vermittelte zwischen Künstler:innen, Gönner:innen und Kulturen, betätigte sich als Herausgeberin, schuf zahlreiche Bearbeitungen für Stimme und entwarf sogar ihre Kostüme für die Opernbühne selbst. Sie war Republikanerin und hatte trotzdem den preußischen Hochadel zu Gast, lebte jahrzehntelang in einer liebevollen Beziehung mit ihrem Ehemann, die beide jedoch nicht als exklusiv verstanden, und verdiente den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie. »Pauline Viardot konnte einfach alles«, meint die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard, die eine umfangreiche Viardot-Biografie verfasst und jüngst zusammen mit Miriam-Alexandra Wigbers den Briefwechsel von Pauline Viardot und Julius Rietz, einem deutschen Dirigenten, herausgegeben hat.
Pauline Viardot-García verbrachte ihre ersten Lebensjahre auf Tour, zum Teil in Mexiko und den USA. Ihre Schwester Maria Malibran war ebenfalls Sängerin und als solche extrem erfolgreich. Zurück in Paris erhielt Pauline Viardot-García schon im Alter von sieben Jahren Klavierunterricht bei Franz Liszt. Nach dem frühen Tod von Vater und Schwester musste sie als Siebzehnjährige auf den Opernbühnen der Welt für sich und die Mutter sorgen und das Erbe der Gesangsdynastie weitertragen. Ihr Repertoire war dabei sehr vielfältig, deckte zahlreiche Sprachen, Entstehungszeiträume und Stimmfächer von Koloratursopran bis zu tiefen Mezzo-Partien ab. Als Charakterdarstellerin bereitete sich Viardot-García auf jede Inszenierung akribisch vor (sie beherrschte sieben Sprachen, unter anderem Altgriechisch, das sie lernte, um antike Vorlagen zu durchdringen) und gestaltete einige ihrer Rollen schon im Kompositionsprozess entscheidend mit. Ihre glänzende internationale Gesangskarriere beendete Viardot-García nach gut 20 Jahren. Sie zog mit ihrem Ehemann und vier Kindern nach Baden-Baden, um sich dort fortan aufs Komponieren und Unterrichten zu konzentrieren. Und aufs Netzwerken – mit wirklich allen kulturellen Größen ihrer Zeit. »Es gibt fast niemanden, den sie nicht kannte«, heißt es in der Einleitung zum Briefwechsel mit Julius Rietz. Wegen des preußisch-französischen Krieges verließ Pauline Viardot Baden-Baden Anfang der 1870er Jahre, ging für kurze Zeit nach London ins Exil und dann zurück nach Paris, wo ihr Salon schnell zum Knotenpunkt des Kulturlebens wurde. Mit Beatrix Borchard spreche ich über die vielen Leben der Pauline Viardot, die die Musikwissenschaftlerin als »absolut filmreif, in jeder Hinsicht« beschreibt.
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