Thereministin Dorit Chrysler im Interview.

Text · Titelbild © Miriam Daalsgard · Datum 8.7.2020

Es gibt Leute, die fangen mit gut dreißig Jahren das Geigespielen an. Ich habe mir stattdessen in den Kopf gesetzt, Theremin zu lernen. Seit Tagen nerve ich mein Umfeld mit Spielweisen, Löt-Anleitungen, Bauteilen und Modellspezifikationen, in ein paar Wochen dann hoffentlich mit den ersten schauerlichen aus der Luft heraufbeschworenen Klängen. Das 1920 entwickelte Theremin ist nämlich nicht nur das erste elektronische Musikinstrument überhaupt, es kommt auch ohne jede Berührung aus, bei gleichzeitig doch sehr physischer Tonerzeugung. Die elektrische Kapazität des menschlichen Körpers verändert das vom Instrument erzeugte elektrische Feld, indem sich die Hand einer senkrechten Antenne nähert. Je kürzer der Abstand, desto höher die Frequenz und damit auch der über einen Lautsprecher ausgegebene Ton. Gleiches gilt für eine zweite waagerechte Antenne, nur dass diese die Lautstärke regelt.Dass ich an wenig Anderes mehr denken kann, ist auch die Schuld von Dorit Chrysler. Auf ihre Kindheit in Graz mit Blockflöten- und Klavierunterricht, Kinder-Opernchor folgte ein Musikwissenschaftsstudium in Wien und dann der Umzug nach New York, auch um, wie sie mir per Skype berichtet, gegen die klassische Ausbildung zu rebellieren. Sie gründet eine Rockband, lernt Gitarre spielen. Dann stolpert sie um die Jahrtausendwende über das Theremin, das in der Grauzone zwischen den Genres Freiräume eröffnet. »Es hat mir wirklich erlaubt, einen autonomen Zugang und Stil als Musikerin und Komponistin zu entwickeln, weil es ein noch so unerforschtes Feld war.« Heute komponiert Dorit (vor allem Filmsoundtracks), singt, spielt Klavier, Synthesizers und eben Theremin. Außerdem ist sie Gründungsmitglied der NY Theremin Society und der Kid Cool Theremin School.

Zum hundertjährigen Geburtstag des Instruments ist Chrysler am 10. Juli im arte-Livestream vom Heroines of Sound Festival zu erleben. Außerdem hat sie an der Erstellung der Theremin 100 Compilation mit fünfzig Künstler:innen aus 18 Ländern mitgewirkt. Zu Beginn unseres Gesprächs holen wir erstmal auf, was ich als Theremin-Newbie in den letzten hundert Jahren verpasst habe.

VAN: Wie hat sich das Theremin oder das Theremin-Repertoire in diesen hundert Jahren entwickelt?

Dorit Chrysler: Ich versuche, es ganz simpel zu machen: Das Instrument wurde 1920 quasi als Unfall von Lev Thermen erfunden. Er hat an einem Bewegungsmelder für ein Alarmsystem gearbeitet. Weil er auch Cello spielte, ist ihm im Labor aufgefallen, dass das Prinzip der Überlagerung von Funksignalen seltsame Audiogeräusche erzeugt. Da hatte er die brillante Idee, aus dieser Technologie ein vollkommen neues Interface zur Musikerzeugung zu entwickeln.

Die Timeline ist dann relativ einfach zu verfolgen, weil viel zu wenig passiert ist. Das Theremin hat wirklich darunter gelitten, dass es in eine weltwirtschaftlich wie auch politisch schwierige Zeitspanne hineingeboren wurde. Es war das erste elektrische Instrument, das in Masse produziert wurde, von RCA, in den späten 20er und frühen 30er Jahren.

Leo Thermin war damit ein Botschafter der russischen industriellen Revolution und auch ein Protegé von Lenin – von dem es auch ein Foto gibt, wie er Theremin spielt. Thermen ging zuerst nach Europa und dann nach New York. Hier hat er sein Instrument präsentiert. Die Erwartungen waren hoch. Nach einem seiner ersten Konzerte hat er im Interview mit der New York Times gesagt, dass seine Apparatur die Komponist:innen von der Diktatur der Zwölftönigkeit befreien und unendliche Möglichkeiten eröffnen wird. Er war also nicht bescheiden und hat wirklich verstanden, dass er da eine völlig neue Technologie mit neuen Möglichkeiten entwickelt hat. Lev Thermen hat sich vor allem auf die klassische Musik fokussiert, weil das das etablierteste Genre war und er eben auch sein neues Instrument etablieren wollte. Leider haben dann aber nicht genug Komponist:innen für das Theremin geschrieben. Das hat seine Zeit gebraucht.

Aus New York ist Thermen plötzlich verschwunden, es gab sogar Gerüchte über Kidnapping. Was wirklich passiert ist: RCA hatte das Patent für das Theremin erworben und das Instrument produziert – nur leider kurz vor dem großen Börsencrash. Das Theremin wurde recht teuer verkauft und vermarktet als einfach zugängliches Heiminstrument. Dabei ist es eines der am schwersten zu erlernende und zu kontrollierende Instrumente, weil man überhaupt nichts anfasst. Schon die kleinste Bewegung in der Luft verändert den Pitch. Und es gab auch keine Strategien oder Curricula, wie das Theremin zu erlernen sei. Es war also sehr schwer, dem Instrument musikalische Klänge zu entlocken. Und im Vergleich zu anderen Instrumenten kann das Theremin sehr einfach sehr schauerlich klingen. Thermen ist also lieber verschwunden und das Theremin war für RCA ein wirtschaftlicher Flop.

Man hörte von dem Instrument in der Öffentlichkeit erst wieder, als es in den späten 40ern und in den 50er Jahren von Hollywood für Soundtracks entdeckt wurde. Die einzigartige Farbe des Instruments diente für das Unbekannte, Wahnsinnige, Gruselige. Filmkomponisten wie Miklós Rózsa haben das Theremin in die Scores eingebaut, zum Beispiel in Spellbound mit Gregory Peck von Hitchcock. Immer wenn Peck in dem Film eine Wahnattacke hat, dann klingt dazu das Theremin.

Auch in Bernard Herrmanns Soundtrack zu The Day the Earth stood still spielt das Theremin eine entscheidende Rolle. In den 60er und 70er Jahren haben dann zum Beispiel die Beach Boys oder Led Zeppelin immer wieder versucht, das Theremin als Kuriosum einzubauen.

Nachdem es nie viele gute Theremin-Virtuos:innen gab und auch nie viel Repertoire, ist es bis vor Kurzem mehr oder weniger in der Obskurität verblieben. Durch die Zugänglichkeit von Online-Tutorials und der Wiederbesinnung der elektronischen Musik auf ihre Wurzeln und auf die interaktive primal physicality wird das Theremin jetzt wieder sehr viel populärer. Und so schließt sich jetzt nach hundert Jahren der Kreis nach hundert Jahren eigentlich wieder sehr schön.

»Besonders berührend auf der Theremin 100 Compilation, die wir mit der New York Theremin Society erstellt haben, ist der Beitrag des Matryomin Orchestra aus Japan. Gegründet hat es Masami Takeuchi, der sich so auf das Theremin eingelassen hat, dass er nach Russland ging und russisch lernte. Er ist Musikwissenschaftler und baut auch selbst Theremin Instrumente. In Japan hat er hunderte Schüler:innen unterrichtet und damit Japan zu einem Theremin-Hotspot gemacht. Leider hatte er einen Schlaganfall, deswegen kann er jetzt nicht mehr spielen. Bei dieser Aufnahme spielt er am Anfang noch selbst, vor seinem Schlaganfall. Im zweiten Teil spielen dann alle seine Studierenden die Harmonien ein, weil er es selbst nicht mehr kann. Da umgarnen die Theremine die Hauptmelodie wie eine warme Decke.«

Wie gehe ich es denn am besten an, wenn ich heute Theremin spielen lernen möchte?

Man muss erstmal verstehen, wie das Instrument funktioniert. Wir haben uns bei der Gründung der New York Theremin Society zum Ziel gesetzt, die Leute über das Instrument zu informieren, haben Workshops und Curricula entwickelt und waren sehr überrascht, wie groß die Nachfrage war und ist, wie gut das Theremin zum Beispiel auch für Kinder funktioniert. Dadurch, dass sich nach wie vor keine sehr populäre Weise etabliert hat, wie das Theremin genau anzuwenden ist, überlässt es allen Spieler:innen eine große Freiheit und einen autonomen Zugang, bis zu einem gewissen Grad eine eigene Technik zu entwickeln. Das heißt: Wenn man sich online informieren will, dann kommt es immer darauf an, was man zum Ziel hat. Das Theremin bietet einen extrem dynamischen melodiösen Zugang, weswegen viel Geigen- und Cellorepertoire für das Theremin adaptiert wird. Es kann aber noch viel mehr, experimentell oder abstrakt eingesetzt, durch Effekte gejagt werden … Wegen dieser vielen Zugänge ist es wirklich gut, wenn man beim Lernen erst das Grundprinzip der Kalibrierung versteht, Tonleitern beherrscht, aber danach kann man wirklich experimentieren. Ich denke, das Instrument hat seine wahre Form noch nicht wirklich gefunden. Deswegen ist es für viele Musiker:innen spannend, mit diesem Instrument autonom eine eigene Stimme zu entdecken.

»Lydia Kavina ist eine fantastische Spielerin, die schon seit Jahrzenten praktiziert und unterrichtet. So hat sie einen großen Einfluss auf die Szene.«

Gibt es Etüden für das Theremin?

Ich kenne keine. Aber ich wünschte mir, dass es welche gäbe! Generell ist es wirklich wichtig, das Instrument zu präsentieren, um mehr Komponist:innen zu inspirieren, dafür zu schreiben. Das Theremin hat über acht Oktaven, es kann nicht nur melodisch ausnotiert werden, sondern bietet zusätzlich viele gesturale Möglichkeiten, das heißt: Für die Komponist:innen braucht man auch ein System, das alle Möglichkeiten des Theremins erfasst. Wir sind also immer noch im Pionier:innen-Entwicklungsstadium. Hundert Jahre sind im Vergleich zu all den akustischen Klangerzeugungen, die zum Teil schon seit der ägyptischen Zeit oder der griechischen Antike bekannt waren, sehr jung. Deshalb braucht es da noch viel Entwicklung.

Kann man Theremin irgendwo studieren?

Das Theremin ist jetzt, könnte man sagen, in dem Stadium, in dem die Violinschulen im 17. Jahrhundert waren. Es gibt einige wenige Meister:innen, die dann ihre Schüler:innen um sich sammeln und eine bestimmte Technik etablieren. Zum Beispiel Masami Takeuchi, der in Japan hunderte Studierende unterrichtet. In Deutschland gibt es Carolina Eyck, die auch viele Tutorials online stellt.

Und dann bietet die New York Thermin Society Kurse in Workshopform an. Aber es ist ein Wunsch, ein Traum von mir, dass das Theremin es an die Musikhochschulen schafft. Bisher ist das aber noch nicht passiert. Als ich begonnen habe zu spielen, vor zwanzig Jahren, gab es noch überhaupt keine Referenzen.

Wie sind Deine Erfahrungen als Thereministin mit Klangkörpern, die sonst nur ganz klassisches Repertoire spielen, zum Beispiel mit dem San Francisco Symphony?

Von denen wurde ich zwei Mal eingeladen. Beim ersten Mal war es wirklich so, dass einige Musiker:innen, vor allem Geiger:innen, überhaupt keine Freude daran hatten, dass da jemand mit dieser seltsamen Box mit Antenne auftaucht und mitspielt. Ein Theremin ist live auch relativ schwierig, wenn man es nicht hören kann, dann weiß man gar nicht, wo die Töne sind. Wenn man umringt ist von vielen anderen akustischen Instrumenten, ist es immer eine Herausforderung, sich selbst zu hören. Die Violinist:innen, die hinter mir saßen, konnten sich auch nicht mehr so gut hören, weil der ungewohnte Klang aus meiner Monitorbox sie irritiert hat. Die Perkussionist:innen und die Bläser:innen fanden das Theremin ganz toll.

Beim zweiten Besuch waren sie dann alle schon viel aufgeschlossener, weil sie es da schon kannten. Im klassisch etablierten Rahmen gibt es aber einfach noch Berührungsängste, weil es nach wie vor recht unbekannt ist. Da muss man dann seine Schlachten schlagen. Es ist einfach so ein ungewöhnliches Interface. Und das Instrument hat Schwierigkeiten, ernstgenommen zu werden, weil es auch schnell unprofessionell oder schauerlich angewandt wird und wirklich sehr schwer zu spielen ist. Aber wenn man das Theremin in einem guten Kontext überzeugend präsentieren kann, lassen diese Berührungsängste schnell nach.

Es ist ja laut Anleitungen im Internet gar nicht so schwer, ein Theremin zu bauen. Machst du sowas auch?

Als New York Theremin Society haben wir auch schon Workshops angeboten, in denen dann in vier, fünf Stunden relativ hochqualitative Instrumente gemeinsam gebaut werden. Aber ein wirklich gutes Instrument ist sehr schwer selbst zu produzieren. Ein Theremin ist immer so gut wie die Volumenkurve sensibel ist. Und leider gibt es auch noch keinen großen Markt für die verschiedenen Modelle des Instruments.

Was sind denn die Unterschiede bei den Modellen?

Es gibt eigentlich wirklich sehr wenige Modelle bisher. Moog Music ist einer der Hauptproduzenten und alle Profis spielen ein Instrument von dieser Firma. Da gibt es dann auch verschiedene Level, zum Beispiel das Theremini, das es ermöglicht, dass Kinder spielen. Oder dass man gleichzeitig spielt, zu zehnt. Das Instrument interferiert mit anderen Thereminen, reagiert auf Lichter, Stromkreise. Mir ist es bei Konzerten auch schon passiert, dass das Theremin mit den elektromagnetischen Wellen von Hörgeräten interferiert hat. Das Theremini hat einen relativ schwachen Kondensator, deswegen kann man davon mehrere nebeneinanderstellen ohne große Interferenzen. Außerdem ist es recht kostengünstig. Das hat den Zugang vereinfacht.

Im Gegensatz zu akustischen Instrumenten ist das Theremin ja auch noch abhängig von einem Lautsprecher. Lev Thermen hat einen diamantförmigen Lautsprecher entwickelt für sein Instrument. Obwohl ich viel in Kontakt bin mit den Firmen, die heute Theremine entwickeln, hat noch niemand den Schritt gemacht, einen speziellen Lautsprecher zu entwickeln.

Kommen in die Kid Cool Theremin School eigentlich eher Kinder, die schon ein Instrument spielen? Oder fangen die direkt mit Theremin an?

Für Kinder wie Erwachsene gilt: Selbst, wenn man andere Instrumente spielt, muss man beim Theremin total umdenken, wie die Klangerzeugung funktioniert. Es sind also alle in derselben Ausgangsposition, das öffnet die Türen und macht alles sehr egalitär. Wenn man wirklich professionell werden will, ist es natürlich von Vorteil, wenn man weiß, wie man ein Instrument erlernt, die Struktur des Studiums kennt.  

In den letzten Jahren habe ich hunderte Kinder und Erwachsene bei ihrer ersten Auseinandersetzung mit dem Instrument begleiten dürfen. Es gibt manche, die vom ersten Moment an ein unheimliches Talent haben und direkt loslegen. Das hat nicht unbedingt mit musikalischem Vorwissen zu tun. Und viele andere müssen einfach den langen steinigen Weg gehen. Es ist ein sehr sensibles, intuitives und körperliches Instrument, es ist fast wie Tanzen. Es geht wirklich viel um Körperbewusstsein und Körperbeherrschung.

»Einer der talentiertesten Theremin-Virtuos:innen im Bereich der klassischen Musik ist der Franzose Gregor Blanc. Er spielt so intuitiv und expressiv wie niemand sonst auf der Welt es vermag.«

Bei vielen Youtube-Videos von Thereminist:innen gibt es einige Kommentare zum Aussehen der Musiker:innen. Ich habe das Gefühl, dass das häufiger vorkommt als zum Beispiel bei Geiger:innen.

Das Instrument hat so eine ungewöhnliche Spielweise, weil man es nicht berührt – ich nenne das immer den Houdini-Effekt –, das lenkt oft vom Kontext der Musik ab. Als Performerin kann ich das zum Vorteil oder zum Nachteil nutzen. Irgendwann wird sich das durch viele gute aktive Spieler:innen normalisieren und dann nicht mehr so ablenken. Aber es kann ja auch sehr magisch und elegant sein, man sieht wirklich die Details der Tonerzeugung durch den ganzen Körper gehen und die hohe Konzentration – das ist ja auch schön, das mit zu verfolgen.

»Terminal C ist sehr versiert, geht in die nächste Dimension ein, was technische Erweiterungen betrifft.«

Ich habe außerdem das Gefühl, dass es beim Theremin auf dem Profi-Niveau ungefähr gleichviele Musikerinnen wie Musiker gibt. Stimmt das?

Es ist wirklich ausgeglichen, das haben wir auch bei der Arbeit an der Theremin 100 Compilation gemerkt. Eine interessante Beobachtung habe ich bei meiner Arbeit mit Kindern gemacht: Das Theremini hat ganz viele Presets mit Synthesizer-Sounds. Mädchen fühlen sich dann oft zu mächtigen, bassigen, brummigen Klängen hingezogen, werden davon empowert. Jungs experimentieren stattdessen eher viel mit hohen Tinkerbell-Sounds.

Ein Ungleichgewicht merke ich aber bei meiner Arbeit als Filmkomponistin. In Hollywood liegt der Anteil an Soundtrack-Komponistinnen immer noch bei zehn Prozent. Da fühlt sich die Situation oft besser an, als sie eigentlich in Wahrheit ist, da muss noch viel passieren. Deswegen war es auch ganz toll, dass Hildur Guðnadóttir jetzt den Oskar gewonnen hat.

Thereministin Dorit Chrysler über Fluch und Segen eines unterschätzten Instruments in @vanmusik.

War es für Dich auch ein Grund, dieses Instrument zu wählen, dass es relativ wenig Rollenzuschreibungen gab, wie man im Business als Musikerin mit diesem Instrument aufzutreten, sich zu geben hat?

Ich habe mich viel freier und besser entfalten können mit einem Instrument, das völlig unbekannt war und oft auch nicht ernstgenommen wurde. Dann die Ärmel hochzukrempeln und wirklich einen Punkt zu machen, dass dieses Instrument einen Platz im Pantheon der Musik verdient, hat mich angezogen. Es hat schon mit meiner persönlichen Geschichte zu tun, das sehe ich jetzt im Nachhinein mehr und mehr. Es hat wirklich einen Freiraum geboten, weil es keine bestehenden Machtstrukturen gab oder Vorgaben, wie man klingen soll und was man mit dem Instrument macht.

Hast du denn konkrete Visionen für die Zukunft, Lücken, die du unbedingt füllen willst? Oder hältst du das auch ganz offen?

Einer der Gründe, warum ich mit jungen Generationen arbeite, ist das Anliegen, die Türen aufzureißen und die Wege zu ebnen für einen einfacheren, gleichen Zugang. Eines der Haupthindernisse in meiner Arbeit als Soundtrackkomponistin oder mit elektronischer Musik ist, dass das nicht denselben Status hat wie ›klassische‹ Musik, auch was das Ausbildungssystem angeht. Darum ist es mir wichtig, das Alphabet, das Vokabular der elektronischen Musik und des freieren, experimentelleren Umgangs mit Klang schon mit jungen Generationen zu entwickeln, um das in Zukunft zu ändern. ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN.