Zugegeben, es gibt derzeit ganz andere, drängendere Probleme. Eigentlich war das ja auch schon immer so, wenn man sich nicht gerade in der eigenen Blase vom Rest der Welt oder den Hausnachbarn abgekoppelt hat. Und dennoch: eine Warenpost-Bagatelle.

Die Welt ist aus den Fugen geraten im Februar 2022. Nicht erst am 24. Februar, sondern schon Anfang des Monats. Denn wer da versuchte, eine internationale Warenpost in einer Filiale oder einem Shop aufzugeben, bekam für die versicherte, getrackte Sendung plötzlich keinen Einlieferungsbeleg mehr ausgestellt. Welch ungeheuerliches Dienstleistungsversagen, wie typisch für die Servicewüste Deutschland! In den Filialen kannten die wenigsten Mitarbeiter die Ursache des technischen Versagens; einige vermuteten gar eine Störung aufgrund einer internen Umstellung. Und auch Anrufe bei diversen Post-Hotlines führten nicht zur Klärung des Falls, man wurde genussvoll wechselseitig zur jeweils anderen Hotline verwiesen. Spätestens da musste eine böse Vorahnung jeden auch nur halbwegs wachen Postkunden beschleichen…

Etwa zeitgleich verschickte die Deutsche Post AG an ihre Geschäftskunden ein Schreiben, das über anstehende Änderungen informieren sollte. Die Kurzform lautete in etwa so: »Bitte beachten Sie: Die aktuelle Warenpost International können Sie nur bis zum 30.06.2022 versenden. Informationen zu unserer neuen Warenpost International finden Sie unter dhl.de/warenpostinternational«. Das Schreiben, an elektronisch registrierte Kunden freilich konsequent per Briefpost versendet, kündete leicht verspätet an, was bereits umgesetzt wurde. In einschlägigen Foren liefen da vor allem Betreiber von Online-Shops mit kleinen Waren längst Sturm, denn sie sahen ihr Geschäftsmodell akut bedroht. Ein Blick in die Konditionen der neuen Warenpost International, die nun direkt bei DHL angedockt ist, lieferte schließlich Gewissheit: explodierende Preise ab dem 1. Juli 2022.

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Bei kleinen Sendungen drohen Preissteigerungen von bis zu 129,47 Prozent (ungetrackter Versand in die USA, Warenpost XS, Gewicht 400–500 Gramm, Maße maximal 35,3 x 25 x 3 cm). Innerhalb der EU und Europa liegen die angekündigten Preiserhöhungen zwischen 16,30 Prozent und 81,32 Prozent. Zu beachten ist dabei, dass die neuen Preise bereits im Winter kalkuliert wurden. Angesichts der inzwischen deutlich gestiegenen Energiepreise muss damit gerechnet werden, dass die neuen Tarife bald nochmals erhöht werden.

Bis vor einigen Jahren waren die Preise für kleine Warensendungen (national und international) aus Deutschland im internationalen Vergleich recht günstig. Bis 2018 konnten kleine Warensendungen einfach als internationaler Großbrief mit passender Briefmarke verschickt werden, auf Wunsch auch zusätzlich als versichertes Einschreiben mit Sendungsnachverfolgung. Anfang 2019 wurde dies abgeschafft und stattdessen – mit moderaten Preissteigerungen – die Warenpost International für registrierte Geschäftskunden eingeführt, die nun nach nur dreieinhalb Jahren und mehrfachen kleineren Preiserhöhungen schon wieder eingestellt wird. Bis 2018 war die Welt für kleine Online-Shops mit Versand aus Deutschland also noch eine ziemlich ideale. Ab Juli 2022 ist sie das definitiv nicht mehr.

Und was sagt die Deutsche Post dazu? »Die Anpassungen bei der Warenpost International greifen die Wünsche unserer Versenderkunden auf, die in der überwiegenden Anzahl alle warentragenden nationalen und internationalen Produkte von Deutsche Post DHL über einheitliche Prozesse versenden und einliefern möchten. Mit der neuen Warenpost International setzen wir den Weg, den wir mit der Warenpost national begonnen haben, konsequent fort und reduzieren Komplexität durch eine Angleichung der Rahmenbedingungen«, so ein Sprecher des Konzerns.

Collage aus Foto (© Alex Ketzer) und Posthorn (Public Domain via Wikimedia Commons)

Was hat diese Warenpost-Bagatelle nun in einem Magazin für klassische Musik zu suchen? Und braucht es überhaupt noch einen Warenversand, wo heute doch scheinbar jegliche Musik gestreamt wird? Dass dem nicht so ist, bestätigen einige Online-Shops für Tonträger, denn es gibt offensichtlich immer noch eine große Nachfrage in der globalen Nische. Norbert Richter von jpc.de sprach kürzlich bei der Classical:Next davon, dass »die letzten Jahre extrem gut gelaufen sind«. Insbesondere Vinyl-Schallplatten seien gefragt: »Die Kunden bestellen wie verrückt, trotz Lieferengpässen oftmals auch über ein halbes Jahr vor der voraussichtlichen Verfügbarkeit.« Auch das im idyllischen Leamington Spa bei Warwick angesiedelte Presto Music, das von einem lokalen Musikgeschäft innerhalb weniger Jahre zum weltweit relevantesten Online-Shop für klassische Musik ausgebaut wurde, ist in den letzten Jahren laut Geschäftsführer Chris O’Reilly enorm gewachsen – nicht zuletzt durch den Verkauf von Tonträgern in die ganze Welt.

In diesem globalen Markt mischen auch kleinere Anbieter mit: ob sich selbst vermarktende Künstler oder kleinere Labels als Direktverkäufer ihrer CDs und Vinyls über Plattformen wie Bandcamp, ob Händler gebrauchter Tonträger über allgemeine Marktplätze wie Amazon und Ebay, spezialisierte Plattformen wie Discogs oder direkt über ihre eigenen Webseiten und Shops. Vor allem sie geraten nun in Bedrängnis, wenn die internationalen Versandkosten explodieren – denn die neue Warenpost International verteuert sich nicht nur, sie ändert auch die Regeln fundamental. Nur wer mindestens über 200 Sendungen jährlich verschickt, wird als Geschäftskunde anerkannt. Wer darunter liegt, gilt künftig als Privatkunde und muss DHL Päckchen international nutzen. Für ungetrackte Kleinstsendungen (also ohne Sendungsnachverfolgung) innerhalb der EU verteuert sich der Versand dabei um 52,81 Prozent (von 3,20 Euro auf 4,89 Euro zzgl. Umsatzsteuer für das Päckchen XS), während er sich getrackt um 11,83 Prozent vergünstigt (von 5,55 Euro auf ebenfalls 4,89 Euro, denn die Sendungsnachverfolgung ist beim Päckchen XS inklusive).

Noch extremer trifft es diejenigen, die keine CDs, sondern Schallplatten verschicken wollen. War hier bislang der Tarif S anwendbar, befördert die neue Warenpost International keine Sendungen mit einer Breite von über 25 cm mehr, wodurch normale 12“-Vinyls (Durchmesser 30,48 cm) kategorisch ausgeschlossen sind. Für sie bietet DHL freundlicherweise das Päckchen M an, wodurch sich der Versand einer Platte aus Europa heraus um 116,19 Prozent (getrackt, von 7,35 Euro auf 15,89 Euro zzgl. Umsatzsteuer) bzw. satte 217,80 Prozent erhöht (ungetrackte Warenpost vs. Päckchen M, von 5 Euro auf 15,89 Euro zzgl. Umsatzsteuer). Hiergegen hat sich schnell Widerstand gebildet, bereits seit Februar gibt es eine Petition zur »Erhaltung der Warenpost International mit bisherigen Maßen«. Auch diverse Interessensvertretungen wie der VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmer:innen) erklärten auf Nachfrage, dass man sich hinter den Kulissen um eine Lösung bemühe. Man darf gespannt sein, ob das Unheil noch abgewendet werden kann. Und wenn es tatsächlich so kommt? Wird der Enthusiasmus internationaler Plattensammler ausreichen, um diese Preiserhöhungen zu schlucken (ganz zu schweigen von der Preisexplosion bei der Pressung neuer Vinyls, die bereits 2021 begann und sich zuletzt extrem zugespitzt hat)?

Wie die Deutsche Post kleinen Labels den internationalen Verkauf von Schallplatten erschwert. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Dass bei all dem »die Wünsche der Versenderkunden« erfüllt werden, mag in Bezug auf manche Großkunden sogar stimmen. In jedem Fall ist aber davon auszugehen, dass viele Angebote vom Markt verschwinden werden: zu Lasten der Kleinen und der Vielfalt. Und damit hätte die Deutsche Post auch ihr Ziel erreicht: Reduktion von Komplexität. ¶

Sebastian Solte

... studierte Informationswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und Musikwissenschaft. Er ist als Musikmanager tätig und gründete das Unternehmen bastille musique, das die Bereiche Künstleragentur, Live-Produktion und Plattenfirma kombiniert.