David Saltiel erzählt seine Überlebensgeschichte.

Text · Titelbild © Oriente Musik 1997 · Datum 15.8.2018

Zum Kennenlernen lädt David (Daviko) Saltiel zum Sabbatgebet in die Synagoge von Thessaloniki ein, die in einem schlichten Allzweckbau zwischen Markthalle und Corniche untergebracht ist. Zum anschließenden bescheidenen Mahl mit der Gemeinde in einem höheren Stock genehmigt er sich den Lift. Der inzwischen fast 90-Jährige ist seit mehreren Jahrzehnten Kantor der jüdischen Gemeinde in Thessaloniki. Er ist der einzige Überlebende des Holocaust, der das reiche Liedgut der sephardischen Tradition aus der einstigen »Hauptstadt« der sephardischen Juden noch von der Elterngeneration geerbt hat, und einer der letzten Sprecher des Judeo-Español sowie der Schriftsprache Ladino in Thessaloniki. 1997 wurde unter Leitung von Nikos Tzannis-Ginnerup eine Auswahl seiner Lieder aufgenommen und vom Berliner Label Oriente verlegt.Vor der einzelnen Pflaume zum Nachtisch stimmt Saltiel »El Rey Nimrod« an, ein in sephardischen Gemeinschaften verbreitetes Lied im Makam-Stil über den grausamen König Nimrod und die Geburt Abrahams.Nach dem Essen in den Gemeinderäumen der Synagoge verabreden wir uns zu einem Gespräch am Folgetag in seiner Wohnung. Es ist eine einfach eingerichtete Zweizimmerwohnung im ehemals jüdischen Viertel. Als einzige Dekoration gibt es im Schafzimmer einige wenige Familienfotos, eine Perücke und mehrere Ketten seiner verstorbenen Frau. Während David Saltiel seine Überlebensgeschichte erzählt und über seinen Beruf spricht, klackert ununterbrochen sein Komboloi. Das sechsstündige Gespräch wird hier nach den Zusammenfassungen der Übersetzerin Carla Primavera wiedergegeben.

Wie war die familiäre Situation, in der Sie aufgewachsen sind?

Mein leiblicher Vater starb während der Schwangerschaft meiner Mutter. Meine Mutter konnte daher nicht für meine älteren Schwestern und mich aufkommen. Meine Schwestern Sarika und Clara wuchsen im Waisenhaus auf und ich kam mit acht Tagen in die Familie meines Onkels. Sie wurden meine Eltern. Er hieß Chaim und seine Frau Flora – eine Frau, die wegen ihrer Stimme bewundert wurde. Von ihr habe ich die sephardischen Lieder gelernt. Meine leibliche Mutter und meine Schwestern sind, wie auch 31 weitere Mitglieder der Familie, von den Deutschen ermordet worden.

Ich nehme an, bei Ihnen zu Hause wurde Judeo-Español gesprochen. Konnten Sie als Kind auch griechisch?

Ich war erst auf einer jüdischen Schule, bald aber wurde ich auf eine griechische Schule geschickt, ich sprach also als Kind gut griechisch. Mein Vater sprach selbst mehrere Sprachen, außer Ladino und Griechisch auch Türkisch, Italienisch und Französisch. Er war aufs französische Lyzeum gegangen. Später war er zwar arm und arbeitete als Schuhmacher, aber er legte Wert auf Bildung. Dass er Französisch sprach, war für unser Überleben sehr wichtig.

Thessaloniki galt bis Anfang des 20. Jahrhunderts als »Jerusalem des Balkans« und dank seiner sephardischen Bewohner*innen als eine der wichtigsten Hafenstädte des Mittelmeerraums. Seit Gründung vor etwa 2400 Jahren wird von einem jüdischen Bevölkerungsanteil ausgegangen. Fast 500 Jahre lang, bis 1912, stand die Stadt unter osmanischer Herrschaft. Nach dem Alhambra-Edikt von König Ferdinand und Königin Isabella von Spanien im Jahr 1492 fanden viele sephardische Juden in Thessaloniki Zuflucht und pflegten dort ihre Traditionen und Sprache weiter. Als 1912 die Griechen die Stadt übernahmen, lebten etwa 70.000 Juden dort, zum Zweiten Weltkrieg noch 50.000.

Wie haben Sie die Situation in ihrer Heimat als Kind erlebt? Wie war das Zusammenleben zwischen Juden und Griechen?

Im Privaten war es eigentlich sehr harmonisch, im Alltag gab es keinen allgemeinen Antisemitismus. Aber es war generell eine Zeit politischer Spannungen und seit der Übersiedlung von kleinasiatischen Griechen [im Zusammenhang mit dem türkisch-griechischen Bevölkerungsaustausch] 1923 schien es vermehrt zu Problemen zu kommen. [In kurzer Zeit kamen etwa zwei Millionen anatolische und Pontus-Griechen nach Griechenland.] Die Flüchtlinge konnten aus der Türkei nur weniges retten. Wenn überhaupt, beschränkte sich ihr Besitz auf wenige Wertsachen wie Schmuck. Sie waren also meist sehr arm und lebten lange in zeltartigen Unterkünften. Man sagt, dass sie ihren Schmuck aus Not oftmals unter Wert an jüdische Goldschmiede verkauften. Als ihre Lage dann nach einigen Jahren immer noch nicht besser wurde, gab es Stimmen, die forderten: Holt euch das Gold zurück!

1931 dann wurde von Nationalisten das Kabel-Viertel (Κάμπελ) angezündet. Das hatte immerhin auch eine gute Seite, denn daraufhin gingen in den nächsten Jahren bereits etwa 20.000 Hafenarbeiter nach Haifa. Der ganze Hafen dort war in der Hand von sephardischen Juden aus Thessaloniki. Es waren also 20.000 weniger, die in die Hände der Deutschen fallen konnten.

Bereits nach dem Großbrand in Thessaloniki im Jahr 1917, dem weite Teile der Stadt, insbesondere auch jüdische Wohnviertel, zum Opfer fielen, waren viele Sepharden in die Balkanländer, nach Westeuropa oder in die USA ausgewandert. Diese Auswanderungswelle ist Teil von Saltiels Rechnung.

Was man den Juden vorwerfen kann, ist, dass sie konservativ waren und 1935 bei den Wahlen für den König gestimmt haben statt für den Demokraten [Eleftherios] Venizelos. Meines Erachtens war das ein großer Fehler.

1941 wurde Thessaloniki von den Deutschen besetzt. Sie waren damals ein 10-jähriger Junge. Wie haben Sie überlebt?

Die Deutschen kamen am sechsten 6. April 1941 nach Thessaloniki. Bald gab es Propaganda: Juden seien alle reich, während natürlich die meisten arm waren, nur etwa 10 Prozent waren wohlhabender. Die meisten waren Schuster, Schneider, Hafenarbeiter. Mit der Besatzung wurde die Lage schnell sehr schlecht. Die Not wurde so groß, dass wir Wassermelonenschalen aus dem Müll gesammelt, gekocht und gegessen haben. Die Leute fingen tatsächlich an, vor Hunger auf der Straße zu sterben. Ich habe selbst Leute auf der Straße sterben sehen, nicht nur Juden. Sie wurden mit einem Handwagen wegtransportiert, denn die Pferde waren uns auch schon weggenommen worden.

Trotzdem wollten die meisten nicht flüchten. Dazu waren die Familienbande zu stark. Mein Vater aber konnte mit uns ins Dorf Nea Raidestos entkommen. Dort tauschten wir alle wertvollen Haushaltsgegenstände wie Pfannen oder Bügeleisen gegen Brot ein.

1942 befahl der berüchtigte Max Merten allen männlichen Juden zwischen 18 und 45 Jahren, sich auf dem Eleftheria Platz zu versammeln. Die Zeitung Makedonia hatte den Befehl veröffentlicht.

Kriegsverwaltungsrat Max Merten war Statthalter der deutschen Wehrmacht in Thessaloniki. In dieser Funktion hat er u.a. 2,5 Milliarden Drachmen Lösegeld von der jüdischen Gemeinde erpresst, um 9.000 Männer aus der Zwangsarbeit zu entlassen. Wenige Monate später wurden sie deportiert. Die jüdische Gemeinde Thessaloniki hat den Fall 2014 beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht. 1943 war Merten mitverantwortlich für die Ausführung der Ausschwitz-Deportationen von fast 50.000 salonikischen Juden. Er wurde 1957 in Griechenland verhaftet und zwei Jahre später zu 25 Jahren Haft verurteilt. Kurz darauf erfolgte auf Initiative des Außenministeriums seine Auslieferung nach Deutschland, wo er nicht weiter belangt wurde, sondern sich im Gegenteil über das griechische Verfahren öffentlich und mit Unterstützung eines Teils der deutschen Medien beschwerte. Die Zwangsversammlung der Juden von Thessaloniki im Juli 1942 erfolgte meines Wissens noch vor seiner Ankunft in Griechenland, die verschiedene Quellen auf Anfang August 1942 datieren.

Daraufhin ging mein Vater zum Dorfvorsitzenden und bat darum, nicht ausgeliefert zu werden. Aber die Angst vor Repressalien war zu groß. Also ging er zusammen mit den 12.000 anderen auf den Platz. Sein Schusterwerkzeug ließ er im Dorf. Um registriert zu werden, standen sie dort den ganzen Tag und waren nicht nur der Sonne, sondern auch Folter ausgesetzt. Danach wurden sie in der jüdischen Schule eingeschlossen.

Wir Kinder konnten die Eltern noch besuchen. Eines Tages sagte mein Vater zu mir, dass er am nächsten Morgen sehr früh aufbrechen würde. ›Geh aufs Dorf und hol mein Werkzeug‹, sagte er. Ich war zehn und es war schon drei Uhr nachmittags. Ich ging also. Um 22.00 Uhr war ich zurück. Am nächsten Morgen sah ich schon die Lastwagen. Die Männer wurden zur Zwangsarbeit in die Umgebung gebracht. Mein Vater musste beim Straßenbau arbeiten: Steine brechen, schleppen, auf Platten transportieren. Als er einmal fliehen wollte, wurde er sofort entdeckt. Dabei hatte er Glück, er wurde nicht erschossen. Aber er wurde so stark geschlagen, dass er seitdem auf einem Ohr taub war.

Als die Straßenarbeiten abgeschlossen waren, wurden die Juden nach und nach zurück nach Thessaloniki gebracht. Aber mein Vater sagte, er käme nicht mit zurück. Er hatte einen deutschen General französisch sprechen hören. Ich weiß nicht genau, ob es ein General war, was seine Funktion war, aber ich nenne ihn ›General‹. Ich denke, er kam aus dem Elsass. Ihn fragte mein Vater, ob er ihm die Erlaubnis gebe, wegzugehen. Er bekam eine Unterschrift. Am nächsten Morgen brachen wir also um 5:00 Uhr in die Berge auf.

Es ist im Tondokument des Gesprächs nicht ganz deutlich, ab welchem Zeitpunkt Flora und Daviko Saltiel in der Nähe von Chaim Saltiel lebten. Es folgt die detaillierte Fluchtgeschichte in die Berge, einschließlich eines ›köstlichen Abendessens mit Schafskäsepasteten‹ bei Thanasis Kokotas, an dessen Namen Saltiel später wegen des ab den 1960ern populären Sängers Stamatis Kokotas oft zurückdenken musste. In den Bergen schloss sich die Familie unter den Namen Sotiri, Maria und Christos Adamou den Widerstandskämpfern an. Saltiel und seine Mutter arbeiteten als Kuriere und nähten Patronengürtel. Nach einem Sabotage-Akt gegen 90 Fahrzeuge des NS-Militärs gab es massive Vergeltungsmaßnahmen. In dem Dorf, in dem die Familie Saltiel zu jener Zeit untergebracht war, wurden 31 Häuser in Brand gelegt, die Familie entkam den Flammen nur knapp. 

Eines Morgens, in der Nähe des Dorfs Sarantaporo, sahen wir eine halbabgebrannte Hütte. Mein Vater hatte Schüttelfrost, aber wir haben trotzdem angefangen, sie zu reparieren. Bei der Hütte hörten wir Schüsse. Ich ging raus und sah auf der anderen Seite des Abhangs Deutsche mit Hunden. Wir klemmten das Brot unter den Arm und flüchteten bergaufwärts. Nach etwa einer Stunde kehrten wir zurück. Die Deutschen hatten sich aber in den Sträuchern um die Hütte versteckt.

›Stop Partisanen!‹

›Nein, wir sind keine Partisanen!‹

Wir wurden zur Kaserne geführt. Meine Vater sagte mir, dass ich dort die Deutschen mit Hitlergruß grüßen soll und die verbündeten Italiener mit ›Buona sera‹.

›Seid Ihr Partisanen?‹

›No, io no partisano, io sono iberico di Thessaloniki‹

Mein Vater hatte uns als Juden zu erkennen gegeben. Daher sollten wir nach Larissa gebracht werden. Von dort, so wussten wir, kam niemand zurück. [In Larissa gab es ein Konzentrationslager sowie Transporte nach Ausschwitz]  

Auf dem Weg nach Katerini [Die Strecke nach Larissa führt über Katerini] machten wir Halt. Wir sahen Deutsche graben. Als wir näher kamen, sahen wir, dass die Grube für Schweinefutter gedacht war. Mein Vater brach in Lachen aus: ›Ich dachte, dass ihr mich darin vergraben würdet!‹ Ein Denkfehler von meinem Vater. Er hatte nicht daran gedacht, dass Deutsche keine Grube für ihn graben würden. Die hätte er selber graben müssen.

Bei einer Zwischenstation in einer Kaserne gelingt es dem Vater, sich als Schuhmacher nützlich zu machen und die Familie frei zu bekommen. Sie gehen zurück ins Dorf, während der Vater bleibt. Dort trifft er den »Elsässer« wieder. 

Nach fünf Tagen schickte der Elsässer ihn zum Rasieren an den Bach.

›Jetzt siehst du wieder ordentlich aus‹, sagte er ihm. Am Abend rief er ihn dann zu sich. Es wurden jüdische Lieder auf dem Grammophon gespielt. ›Wer bist du, wie kommst du dazu, diese Lieder zu hören?‹, fragt ihn mein Vater. Saltiels Stimme wird dünner.

Den Namen hat der General nicht genannt.

Saltiel kämpft eine Weile mit den Tränen.

Ich hätte ihn gerne gewusst.

An dieser Stelle klingelt es an der Tür. Es ist Mittagessenszeit. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen wieder.

Wie viele Juden, die sie kannten, haben Sie wiedergetroffen nach dem Krieg?

Aus meinem Viertel zwei Personen und wir. Im Gesamten gab es, so viel ich weiß, etwa 1.200 Überlebende. [Die salonikische Historikerin Rena Molho spricht von insgesamt vier Prozent Überlebenden.] Viele von ihnen gingen nach dem Krieg nach Israel. Es gab von zionistischen Organisationen angebotene Armenspeisungen in der Stadt. Auch mein Vater wurde aufgefordert, mich zur Ausbildung nach Israel zu schicken. Aber ich hätte ihn nie verlassen.

Wie sind Sie zum Kantor geworden?

Ich wäre gerne Sänger geworden. Ich war ein großer Bewunderer von Mario Lanza. Aber nach dem Krieg hatte ich keinen Schulabschuss. Bald wurde auch mein Vater krank und ich musste für die Familie sorgen. Etwas später lernte ich dann meine Frau, eine sephardische Jüdin aus Katerini, kennen. [Alle jüdischen Familien aus Katerini überlebten den Holocaust, weil sie von der Bevölkerung protegiert wurden.] Ich hatte ein kleines Geschäft. Als das nach dem Erdbeben zerstört wurde, bewarb ich mich bei der jüdischen Gemeinde als Psalmist. Ich war ein Experte in den Davidpsalmen. Keiner konnte die so gut intonieren wie ich.

Jede Synagoge psalmodiert anders.

Ja, jede Stadt hat ihre eigene Melodie. Meine Rolle war es, das Skopos Thessalonikiotikos zu pflegen. Es gingen verschiedene Rabbiner und Sänger durch die Synagoge. Aus Marokko, Libyen oder sogar Bolivien. etc., je nachdem, woher die von Israel entsandten Rabbiner in Wirklichkeit stammten. In jedem Erdteil findet man eine andere Melodie, daher brachten sie natürlich alle ihre Einflüsse mit.  

Was macht die Melodie Thessalonikis aus?

Sie hat sicherlich eine Nähe zur byzantinischen Musik, nach meiner Meinung ist sie vom byzantinischen Hymnographen Romanos Melodos beeinflusst, ein zum Christentum konvertierter Jude aus dem sechsten Jahrhundert. [Romanos gilt als größter Hymnograph seiner Zeit, sein Jahrhundert als eine Hochzeit der Hymnendichtung. Er ist im Bereich des byzantinischen Gesangs eine feste Referenzgröße] Die meisten Lieder sind außerdem sehr alt. Zwar gibt es auch einige, die erst in Thessaloniki entstanden, wie das vom weißen Turm oder auch jene, die in den 1920er Jahren von einem blinden Sänger gesungen und sehr populär wurden. Aber die meisten Lieder sind mehrere hundert Jahre alt. Ich habe keine musikalische Ausbildung und kann daher auch nicht nach Noten arbeiten oder viele Vergleiche ziehen. Meine Erinnerung und eine Kassette meines Vorgängers, der seinerzeit in Spanien einen Gesangswettbewerb gewonnen hatte, das ist daher mein Material.

Sie haben die Lieder, die Sie geerbt haben, für einige Field Recordings eingesungen sowie eine kleine Auswahl auf einer CD veröffentlicht. Aber hat auch jemand darum gebeten, die Gesänge von Ihnen zu lernen, damit sie erhalten bleiben?

Ich hätte das gerne gemacht, aber es hat mich niemand gefragt. ¶

Astrid Kaminski

... freie Journalistin und Publizistin, schreibt (über) Tanz, Performance, Poesie und Sozialpolitisches für Tageszeitungen, Magazine, Künstlerbücher und Live-Formate. Sie entwickelt dialogische und öffentliche Formate im Bereich Kreatives Schreiben, Kunst- und Gesellschaftskritik.