Als ich letztens bei gefühlten 100 Grad Celsius in Bayreuth während der Schlussakkorde des Parsifal ein Paar hinter mir plaudern hörte, war ich selbst überrascht, wie sehr mich das Werk offenbar noch immer über Stunden fesselt. Oper ist als Kunstform beeindruckend langlebig. Wenn es aber eins gibt, was dieser Kunst zuverlässig und vollständig allen Zauber nimmt, dann ist es die ständige Wiederkehr der Klischee-Opern-Gesten, die durch ihre inflationäre Verwendung völlig sinnentleert sind, und es trotzdem in fast jede Produktion schaffen – selbst in Yuval Sharons Lohengrin. Hier eine Top 7.


7. Die große Chor-Umarmung

Held oder Heldin kriegen irgendwas gebacken – und die Mitglieder des Chores fallen sich gegenseitig in die Arme. Eng umschlungen singen sie dem Gegenüber fröhlich ins Gesicht. Egal, wann und wo die Oper spielt, hier scheint eine eingeschworene Dorfgemeinschaft nichts besseres zu tun zu haben, als sich zu knuddeln – individuelle Interessen hat offensichtlich eh keiner. Im echten Leben sind Menschenaufläufe bedrohlich. Die fröhlichen Opern-Mobs sind auf ihre Art auch ziemlich gruselig.


6. Der sexy Dance

Der Sexy-Opern-Dance ist vieles – aber definitiv nicht sexy. Immer dabei: Kreisende Hüften, Arme überm Kopf, Fingerzeige auf irgendwen oder irgendwas. An andere Formen des Tanzes erinnert das höchstens entfernt. Das einzig Gute, was sich über den Sexy-Opern-Dance sagen lässt, ist, dass man ziemlich entspannt parallel singen kann.


5. Der verzweifelte Kniefall

Wenn Richard Wagner höchstselbst schreibt, man soll »tief ergriffen« sein – was tun? Normalsterbliche würden vielleicht weinen oder sich einen Moment setzen. In der Oper fällt man auf die Knie. Und wie es von dort weitergeht, ist vorprogrammiert: Hände und Blick werden »tief ergriffen« gen Himmel erhoben – bis zum unausweichlichen Zusammenbruch.


4. Langstrecken-Starren

Naht da irgendwer aus der Ferne? Oder hat nur jemand in der ersten Reihe einen Pickel? In der Theater-AG haben wir alle gelernt: Immer schön einen imaginären Punkt am anderen Ende des Raumes fixieren. In der Oper hält man sich brav dran – gelernt ist gelernt. Dabei die Leute im Publikum, die zurückstarren, nicht völlig zu ignorieren, ist dabei oft ein zu hoher schauspielerischer Anspruch.


3. Die Konversations-Schlange

Ja, auch ich will Sängerinnen und Sänger gut sehen können. Aber nirgendwo außer in der Oper habe ich es erlebt, dass mehrere Menschen sich unterhalten und keine*r dabei irgendwen anschaut. Es muss doch andere Wege geben, um zu zeigen, dass mit der Kommunikation etwas schief läuft, als dass sich alle permanent die kalte Schulter – oder besser gesagt: den Rücken – zeigen.


2. Die expressive hohle Hand

Ein Großteil der Klischee-Opern-Gesten könnte vermieden werden, wenn der Regisseur oder die Regisseurin den Sängerinnen und Sängern sagen würde, was sie beim Singen mit ihren Händen anstellen sollen. Matthias Goerne hält es für das Beste, einfach gar nichts zu machen, aber es ist wirklich schwierig, ausdrucksstark zu singen, ohne irgendwas zu machen. Die expressive hohle Hand macht aus jeder Arie ein Flehen, egal, um welchen Ausdruck es eigentlich geht.

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1. Hand aufs Herz

Die Gewinner-Geste folgt einer simplen Logik: Gefühle kommen von Herzen (stimmt nicht!), und hier ist jemand, die oder der irgendwas sehr tief empfindet (ja, aber was?). Wie beim Vorgänger liegt diese Geste wohl vor allem darin begründet, dass Sängerinnen und Sänger irgendwohin müssen mit ihren Händen. Das sehe ich ein – aber muss es gleich so enden? ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin. jeff@van-verlag.com