Ein Gespräch mit Agenturchefin Cornelia Schmid.

Text · Titlebild saragoldsmith · Datum 22.4.2020

Letztes Jahr feierte die Konzertdirektion Schmid ihr 60jähriges Bestehen. »Jetzt durchleben wir wahrscheinlich die schwerste Zeit unserer Firmengeschichte«, sagt Inhaberin und Geschäftsführerin Cornelia Schmid, die die Leitung der Agentur 1994 von ihrem Vater und Unternehmensgründer Hans Ulrich Schmid übernahm. 35 Mitarbeiter:innen arbeiten heute an den drei Standorten Hannover, London und Berlin, die Agentur betreut neben Solist:innen wie Håkan Hardenberger, Christian Tetzlaff oder Mitsuko Uchida auch die internationalen Tourneen vieler großer europäischer und nordamerikanischer Orchester. Ein Telefongespräch über die Risiken und Chancen der Krise für die Klassikbranche und die Fragilität des eigenen Geschäftsmodells.

Cornelia Schmid • Foto © Marco Borggreve
Cornelia Schmid • Foto © Marco Borggreve

VAN: Sie haben zu Anfang der Kontaktsperre, am 20. März, in einem Interview gesagt, dass Sie ein Worst-Case-Szenario durchgerechnet haben: für den Fall, dass sie bis Ende der Saison am 30. Juni keine Einnahmen haben werden. Der Worst Case ist jetzt ja eingetreten – und zwar noch schlimmer als gedacht.

Cornelia Schmid: Ja, jetzt sieht es so aus, als ob uns auch der Sommer komplett verloren geht und wir bis Ende August keine Erträge haben. Ich weigere mich aber im Moment noch zu akzeptieren, dass es über den Sommer hinweg noch nicht einmal kleinere Formate geben wird. Für uns als Firma sind die zwar finanziell nicht wirklich erheblich, aber für das Kulturleben würde ich es mir wünschen.

Mit welchem Szenario rechnen Sie derzeit?

Wenn ich optimistisch bleibe, dann geht es im September weiter. Aber auch in den Herbst hinein wird es nach wie vor Probleme geben, da wird man viel improvisieren müssen. Wir können nicht fest mit dem planen, was bei uns in den Büchern steht. Die amerikanischen Orchester werden möglicherweise nicht so bald wieder nach Europa kommen.

Geht es bei den Gesprächen mit Ihren Künstler:innen in erster Linie um finanzielle Sorgen, oder auch um die Angst, aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden?

Letzteres ist schon auch ein Thema. Bei uns vielleicht etwas weniger, weil wir zum Großteil recht etablierte Künstler:innen vertreten, für die ab Herbst wieder Auftritte anstehen und bei denen ich denke, dass sie nicht verschwinden werden. Aber Musiker:innen, die keine Agentur haben, die gerade erst ihre Karriere beginnen oder keine Rücklagen haben, müssen sich absolut Sorgen machen. Deshalb ist es gut, dass es Möglichkeiten wie Streamings gibt, obwohl die natürlich gerade auch sehr inflationär zunehmen.

Foto Lloyd Morgan (CC BY-SA 2.0)
Foto Lloyd Morgan (CC BY-SA 2.0)

Würden sie Ihren Künstler:innen dazu raten?

Wenn jemand dafür ein Händchen hat, schon, aber es ist natürlich persönlichkeitsabhängig. Jeder muss das so machen, wie es ihm oder ihr entspricht. Ich würde nie eine Künstlerin dahin drängen. Es ist, glaube ich, wirklich eher für noch nicht so etablierte Musiker:innen interessant oder für jene, die dafür eine Affinität haben. Eine Mitsuko Uchida oder ein Grigory Sokolov werden jetzt bestimmt nicht anfangen, aus ihren Wohnzimmern Konzerte zu streamen. Die werden im Oktober wieder ihr großes Publikum haben und die Leute werden wieder in deren Konzerte gehen.

Werden die Leute wieder ins Konzert gehen?

Es gibt dazu unterschiedliche Meinungen. Viele Kolleg:innen sagen, das Publikum kommt doch dann sowieso nicht, gerade unsere Klientel nicht, die oft nicht unbedingt zu den ganz Jungen gehören. Aber ich persönlich glaube, dass es einen sehr großen Hunger auf Konzerte geben wird.

Ihr provisionsbasiertes Geschäftsmodell ist in Krisenzeiten sehr volatil. Sie generieren Umsatz erst dann, wenn das Konzert tatsächlich stattfindet, müssen gleichzeitig aber viele Ressourcen im Vorlauf aufwenden. Denken Sie im Moment darüber nach, das zu ändern?

Nach der Krise wird nichts mehr so sein wie vor der Krise. Und natürlich müssen wir auch unser Geschäftsmodell auf den Prüfstand stellen. Ich habe mich früher immer dagegen ausgesprochen, dass Agenturen vorab ein Fixum veranschlagen, um Künstler:innen aufzunehmen. Das haben meistens nur die gemacht, denen man nicht unbedingt über den Weg getraut hat. Aber in der Tat diskutieren wir jetzt sehr viel, auch mit internationalen Kolleg:innen, ob unser Geschäftsmodell so tatsächlich lebensfähig ist. Auch Agenturen haben keine großen Rücklagen. Wir haben 35 Mitarbeiter:innen, es ist ein personalintensives Geschäft, es hat sehr viel mit intensiver Betreuung zu tun, da können wir wenig rationalisieren.

Glauben Sie, dass es in dieser Gemengelage für junge Künstler:innen in Zukunft noch schwerer werden wird, eine Agentur zu finden?

Zunächst einmal glaube ich, dass nicht alle Agenturen diese Krise überleben, weil nicht alle die Stamina haben, jetzt ein halbes Jahr ohne jegliche Einkünfte durchzuhalten. Es wird auch nicht jede Agentur einen Kredit bekommen. Die KfW-Kredite sind gut und schön, aber die müssen halt irgendwann zurückgezahlt werden. Das können wir, ich habe den jetzt auch beantragt, aber für andere kleinere Agenturen sehe ich das einfach nicht. Dadurch wird sich das Feld ausdünnen, weshalb es für Musiker:innen noch schwieriger werden wird, eine Agentur finden. Es könnte sein, dass sich wieder ein problematisches Modell etabliert, Agenturen, die das Geschäft wittern und sagen: ›Prima, da sind junge Künstler:innen, die haben Not, denen nehme ich erstmal Geld ab, damit sie bei mir auf der Liste sind‹, ohne dafür wirklich seriös zu arbeiten.

Internationale Orchestertourneen sind für Ihre Agentur ein wichtiges Geschäftsfeld. Gehen Sie davon aus, dass im Herbst wieder Tourneen stattfinden?

Ich gehe davon aus. Davon muss ich einfach ausgehen. Wenn das nicht stattfindet, dann ist unsere Szene irgendwann tatsächlich ganz kaputt. Ich bleibe optimistisch. Ich sehe nicht, warum nicht unter gewissen Voraussetzungen ab Herbst wieder Konzerte möglich sein sollten.

Abgesagte Konzerte mit einzelnen Künstler:innen lassen sich unter Umständen nachholen, abgesagte Orchestertourneen kaum. Sind Sie eigentlich gegen den Ausfall versichert?

Nein, sind wir nicht. Das Thema Risikoabsicherung ist auch eines, neben dem Geschäftsmodell als solches, das vielleicht renovierungsbedürftig ist. Jetzt ist das natürlich überhaupt nicht mehr möglich. Niemand würde einem heute Corona oder Pandemien insgesamt versichern, zumindest nicht zu einem Preis, der akzeptabel ist. Die Veranstalter sind manchmal versichert, wenn sie Künstler:innen engagiert haben, die sehr renommiert und teuer sind, aber wir als Agentur sind es nicht.

Das Thema Ausfallhonorare bei abgesagten Konzerten scheint sehr unterschiedlich gehandhabt zu werden. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Wir haben bis jetzt ganz wenige Ausfallhonorare bekommen. Wir versuchen es, aber das gestaltet sich schwierig. In Dänemark ist man sehr großzügig, auch in Japan … in Deutschland ist es bisher eher selten vorgekommen, wenn, dann ›auf Kulanzbasis‹, wie immer betont wird. Eine Verpflichtung sehen die großen öffentlich finanzierten Veranstalter im Moment noch nicht. Das mag sich ändern, dafür wären aber vielleicht eine politische Ansage und Konjunkturhilfen für diese Institutionen nötig.

Ich habe den Eindruck, dass intern Entscheidungen schon lange vor der öffentlichen Absage feststehen. Macht man das, um sich mit dem Force Majeure abzusichern?

Klar, das ist sicher so, dass die Veranstalter immer so lange warten, bis sie sich juristisch auf den Höhere-Gewalt-Fall berufen können, das heißt: Sie warten auf die öffentliche Anordnung. Das ist für die Musiker:innen schlecht, aber ich verstehe es aus Veranstaltersicht. Wenn der Force Majeure keinen Bestand hätte, müssten sie alle Künstler:innen komplett auszahlen, das kann auch nicht funktionieren.

Foto (Ausschnitt) JvL (CC BY 2.0)
Foto (Ausschnitt) JvL (CC BY 2.0)

Das internationale Tourneegeschäft stand wegen seiner Klimabilanz auch schon vor Corona zunehmend unter Legitimationsdruck. Wird sich der nach der Krise verstärken?

Ich glaube schon. Diese Diskussion war, wie Sie sagen, schon voll im Gange. Ich finde, die ist nicht mehr aufzuhalten und das ist auch richtig. Wir müssen uns fragen, was sich auf Dauer legitimieren lässt, ob wir als verantwortliche Weltbürger:innen nicht anfangen sollten und müssten, lokaler zu denken. Ich glaube nicht, dass es keine Tourneen mehr geben wird. Niemand will ins 19. Jahrhundert zurück. Aber Entscheidungen werden bewusster getroffen. Dieses etwas überdrehte der internationalen Reisetätigkeit wird zurückgefahren.

Sie sprechen von ›lokalerem‹ Denken. Führt das dann zu Provinzialismus, wie einige befürchten, oder gibt es heute überall so viele großartige Musiker:innen, dass die internationale Reiserei zumindest in musikalischer Hinsicht gar nicht nötig ist?

Ich glaube, es geht nicht um ein ›entweder-oder‹, sondern um die Frage, wieviel wir von was brauchen. Auf dem Top-Level lässt sich rechtfertigen, warum ein bestimmtes Orchester tatsächlich auch an anderen Orten gerne gehört wird und bestimmte Qualitätsstandards setzt. Aber es gab doch immer mehr Beispiele tourender Orchester, die nicht unbedingt eine höhere Qualität hatten als die lokalen. Ich glaube, dass es da durchaus gewisse Anpassungen geben wird. Der kulturelle Austausch wird als Bedürfnis bleiben, genauso wie das Live-Event. Aber es wird sich ausdünnen. Die, die dann kommen, sind die, die wirklich exzeptionell sind und Besonderes zu bieten haben. Sie werden wir dann wieder mehr zu schätzen wissen.

Sie sprechen von Kulturaustausch. So richtig viel Austausch findet bei Orchestertourneen aber oft nicht statt. Die Programme sind meistens das Standardrepertoire, logistisch ist alles so eng getaktet, dass kaum Zeit bleibt für Begegnungen …

Klar, aber auch da ist schon einiges in Gange: Orchester und Veranstalter setzen vermehrt darauf, dass Orchester länger an einem Ort bleiben, kleine Residenzen machen, etwas mitbringen, was über das Konzerterlebnis hinausgeht. Vielleicht Kammerkonzerte, Workshops, dass sie ein bisschen ankommen in einer Stadt, nicht nur ihr Programm abspulen und weiterfahren. Das wird sicher nicht überall möglich sein, aber die Residenzidee wird weiter wachsen. Auch Orchester würde das bevorzugen, statt jeden Tag zu reisen.

Das Helsingborger Konzerthaus hat vor zwei Jahren verkündet, ganz auf Flugreisen zu verzichten. Wir hatten uns damals bei deutschen Veranstaltern umgehört, wo das kaum ein Thema war. Wird sich das ändern?

Es ist auf jeden Fall ein Thema, das uns beschäftigt, das wir versuchen zu berücksichtigen. Aber es geht eben nicht immer. In Deutschland lässt sich die Anzahl der Flüge vergleichsweise gut reduzieren. Ganz ohne Flüge wird schwierig, aber: Seit einem Jahr kompensieren wir alle Flüge unserer Mitarbeiter:innnen, und sind zu dem Thema auch verstärkt mit Orchestern in Kontakt. Es gibt dort ein neues Bewusstsein dafür, umweltbewusster zu reisen. Das wiederum beinhaltet auch, dass die Orchester Kompromisse machen müssen, weil zum Beispiel die Reisezeiten länger werden. Da verändert sich gerade viel.

Wie verändert die Pandemie die Arbeit von Agenturen und das Tourneegeschäft? Ein Interview mit Agenturchefin Cornelia Schmid in @vanmusik.

Einige Musiker:innen berichten jetzt – neben den teils existentiellen Sorgen – auch von einer gewissen Erleichterung, mal dem Hamsterrad zu entkommen. Bei Orchestertourneen war es auch so, dass alle mitgemacht haben, weil die anderen es halt auch machen. Hat sich im Klassikgeschäft eine gewisse Wachstumslogik hohl gedreht?

Ja, das waren viele so selbstlaufende Mechanismen, die jetzt pausieren. Dadurch haben wir die Chance, neu zu definieren, was wir brauchen und wollen. Wo bleibt bei dem ganzen ›Höher-schneller-weiter‹ die Substanz? Das gilt auch für Künstler:innen, ehrlich gesagt. Viele Künstler:innen sitzen gerade zuhause und wissen vielleicht nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollen. Aber auch die sind teilweise froh, mal ein paar Wochen oder Monate frei zu haben, in denen sie nicht irgendwo hin können. Denn auch für Künstler:innen ist das Leben eigentlich wahnsinnig stressig. So eine Krise ist vielleicht auch die Chance zu fragen: Welche Bedürfnisse haben wir, und wo ist eine gewisse Reduktion vielleicht eine Bereicherung? ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.