Riccardo Frizza hatte das Orchester des Teatro San Carlo, des ältesten (1737) bis heute spielenden Opernhauses der Welt, gerade mit ansprechender Leichtigkeit durch die Ouvertüre geführt: Musik eines Vierzehnjährigen!, da ging der Vorhang hoch und von hinter mir kam ein Stoßseufzer: ah, moderno! Nicht empört, nicht resigniert, bloß eine Feststellung. Claus Guth zeigt Mozarts erste Seriaoper als Familiendrama, das sich vom fernen ersten Jahrhundert, in dem der pontische (Krim-)König Mithridates sich wegen drohender Niederlage gegen das übermächtige Rom am Ende ins Schwert stürzte, ohne weiteres in die ungefähr 1960er Jahre versetzen lässt. Christian Schmidt hat dafür eine schicke Schöner-Wohnen-Welt mit Riesensofa, Galerie und Machtmenschenschreibtisch gebaut. Ein stummer Diener, ein bisschen wie im Marthaler-Theater, serviert unentwegt Alkohol. Auf dem Riesensofa lümmeln sich Farnace und Sifare, die verwöhnten Halbbrüder, kein bisschen traurig über die Todesnachricht des Tyrannenvaters. Die war sowieso nur ein Test auf die Loyalität des Nachwuchses.

Nun zeigt Guth diesen Mitridate als Paranoiker, ein Anzugtyp mit Nackenverspannung, aber in Bezug auf seine schnöseligen Söhne hat er schon den richtigen Riecher, er sollte ihnen nicht trauen. Gleich beide haben sich in die junge Braut des Chefs verknallt, Farnace versucht es mit Gewalt, Sifare auf die sanfte Tour und wird zurückgeliebt, was die schöne Aspasia in einen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung stürzt. Das Libretto, das sich der Knabe Mozart für diese erste Scrittura, den Auftrag des Mailänder Teatro Ducal 1770, nicht aussuchen konnte, ist gar nicht so übel, denn es lässt Raum für solche Psychologie des Zwiespalts. Mozart machte Musik daraus, entdeckte in den Bauplänen der Seria-Konvention die Zwischentöne, und wir dürfen uns wundern, woher ein Vierzehnjähriger solche musikdramatische – und mitmenschliche – Weisheit haben konnte. Naja, Amadeus eben, vom andern Stern. Wobei die ältere Kritik diesen Mitridate noch als frühe Trockenübung abtat, mehr auf die (für sich schon staunenswerte) Pflichterfüllung der Form schaute, auf die halsbrecherischen Primadonnakoloraturen und irren Triller, weniger auf die Vorklänge einer unbegreiflich reifen, anrührenden Menschendarstellung. Wie da in endlosen endlosen Dacapoarien sich Momente von Wahrheit auftun, wenn Sifare sich von der Geliebten verabschiedet, im berührenden Zwiegesang mit obligatem Horn (Lungi da te, ben mio, was im San Carlo fantastisch gelingt) oder in Aspasias Seelenlandschaft einer Lebensmüden in Pallid’ombre. Wie konnte Mozart da schon wissen, wie man mit Musik die Zeit anhält?

Hier kann ein Präzisionsarbeiter der Psychologie wie Guth ansetzen, und eben das tut er. Sein Mitridate ist eben kein Tyrannenklischee, diese Aspasia nicht bloß Leidensheldin, dieser Farnace nicht bloß Verräter. Deshalb können die Figuren interessieren und tragen das Interesse auch über gelegentliche Dacapo-Längen. Und dann dreht die Regie das realistische Netflix-Spielwerk und öffnet, vor einer riesigen perforierten Wand, einen zweiten Raum, abstrakt, suggestiv ausgeleuchtet, in dem das Personal seinen Doppel-, auch Vielfachgängern begegnet, umschwirrt von tanzenden Schattenmännern. Das ist mal kein Gedöns, keine Deutungs-Angeberei, sondern kluges, genaues Handwerk der Intensivierung, und es funktioniert, nach Madrid und Frankfurt, auch im fernen San Carlo.
Dazu Gesang vom Feinen: Giovanni Sala gelingt bei allen Parforce-Höhenritten eine differenzierte Darstellung des Mitridate, Sara Blanchs Aspasia rast mit staunenswerter Koloratursicherheit durch alle Register, Mariangela Sicilias Sifare, eine Volumenstufe kleiner, rührt mit Zwischentönen; technisch perfekt Giuliana Gianfaldoni in der undankbaren Partie der parthischen Nebenprinzessin Ismene. Franco Fagioli spielt den Farnace toll, leider kippt sein Counter zu hörbar ins Brustregister.
Irritierend nur, dass im Traditionshaus San Carlo selbst der Premierenabend nur halb verkauft war. Die anwesende Hälfte durfte sich an ein paar großen Mozart-Momenten freuen, die abwesende hat was verpasst. Die eine könnte der anderen berichten, dass die germanische Regie-Moderne auch was für sich hat. Demnächst steht dann wieder Pagliacci auf dem Spielplan, Regie Franco Zeffirelli. Ein weites Feld. ¶
