Ein Gespräch mit Christina Landshamer.

Text · Titelbild © Marco Borggreve · Datum 18.3.2020

Wegen des Corona-Ausbruchs fand das Akademiekonzert der Bayerischen Staatsoper am Montagabend ohne Publikum, dafür aber live gestreamt im Internet statt. Ursprünglich stand unter anderem Mahlers Erste auf dem Programm. Nachdem sich aber einige Musiker:innen des Staatsorchesters in Quarantäne befanden, musste kurzfristig umgeplant werden. Glückliche Fügung, dass Christina Landshamer, Christian Gerhaher und Gerold Huber gerade diese Woche in München Schumanns Lieder-Album für die Jugend aufnehmen. »Eigentlich wollten wir am Montagabend ein Hauskonzert als eine Art Generalprobe machen, aber die eingeladenen Gäste mussten wir wegen des Virus eh wieder ausladen«, erzählt mir Sopranistin Christina Landshamer am Tag nach der Aufführung am Telefon. »Als die Staatsoper anrief, hatten wir also ein Programm parat.« Ein Gespräch über das Singen vor Geisterkulisse, die Risikobereitschaft vor der Kamera und die finanziellen Folgen von Veranstaltungsabsagen während der Passionszeit.

VAN: Wie war die Stimmung in der Staatsoper am Montagabend?

Christina Landshamer: Die Oper ist gähnend leer, ein Geisterhaus. Man hält Abstand, man benutzt Desinfektionsmittel. Alle versuchen, sich an sämtliche Vorgaben zu halten. Es war insgesamt eine sehr ruhige, konzentrierte Stimmung.

Foto © Wilfried Hösl
Foto © Wilfried Hösl

Wie war es, ohne Publikum zu singen?

Es ist schon komisch. Man kommt raus, sieht vier Kameras und einen leeren Saal. Ich habe nachher gemerkt, dass ich fertiger war als nach ›normalen‹ Konzerten. Die Resonanz und der Dialog mit dem Publikum, die einen sehr beflügeln können, fallen weg. Ich musste also die ganze Energie und Konzertspannung alleine aus mir schöpfen, das laugt mehr aus als sonst.

Haben Sie versucht, die äußere Leere mit einem inneren Bild zu überblenden?

Ich habe daran gedacht, dass es ein bisschen ist wie früher bei den Rundfunkorchestern, die in einem leeren Studio spielten und es wurde live im Radio übertragen. In gewisser Weise sind wir also zurück zu den Wurzeln gegangen. Ich hoffe natürlich, dass das kein Dauerzustand wird. Aber ich finde, wir haben auf diese Art und Weise eine ganz gute Nahrung angeboten.

Mich hat es gestern auch an die Atmosphäre eines Vorsingens erinnert: Jemand tritt auf, die knarzende Bühne, Stille, kein Applaus, und irgendwo im abgedunkelten Saal sitzt die Jury hinter einer Pultleuchte …

(lacht) Das stimmt. Es kam dann zum Glück aus dem Saal kein ›Danke, wir rufen Sie nicht an.‹

Weltweit werden Konzerte und Festivals abgesagt und Opernhäuser geschlossen. Einige Institutionen öffnen ihre Video-Archive oder bieten Livestreams von Konzerten und Aufführungen ohne Publikum an. Wir bringen euch in dieser Liste fortlaufend auf den neuesten Stand. Zur Liste
Weltweit werden Konzerte und Festivals abgesagt und Opernhäuser geschlossen. Einige Institutionen öffnen ihre Video-Archive oder bieten Livestreams von Konzerten und Aufführungen ohne Publikum an. Wir bringen euch in dieser Liste fortlaufend auf den neuesten Stand. Zur Liste

Sie haben sich relativ ›klassisch‹ aufgestellt, wie bei einem Konzert mit Publikum. Haben Sie überlegt, damit zu experimentieren?

Wir haben tatsächlich darüber nachgedacht, die relativ starre Konzertsituation aufzulösen. Besonders Christian [Gerhaher] hatte den Wunsch, dass wir uns ansingen könnten und es dialogischer in der Gruppe läuft. Aber die technischen Anforderungen haben das nicht zugelassen, es hätte Probleme mit den Mikros und den Sichtlinien der Kameras gegeben.

Für wen haben Sie gesungen? Haben Sie sich jemanden vorgestellt?

Ich habe schon für Publikum gesungen. Man ist sich bewusst: Da sind Kameras, wir sind live, die Leute sehen uns. Mir war es wichtig, gut in der Musik zu sein, viel zu transportieren. Ich muss auch zugeben, dass ich überhaupt sehr dankbar dafür war, singen zu dürfen. Der Auftritt und die Konzertsituation fehlen mir sehr. Es fühlt sich an wie ein Grundnahrungsmittel, das mir entzogen wurde. Insofern war ich sehr dankbar, dass wir das machen durften. Ich fand es aber auch ein wichtiges Signal, dass die Kultur weitergeht, dass wir noch da sind, dass man uns nicht vergisst.

Bei einem Livestream, erst Recht bei einem ›Geisterkonzert‹, fehlen die Aura von Raum und Klang, das gemeinschaftliche Erleben …

… trotzdem habe ich das Gefühl, dass es jetzt gerade ein Bedürfnis danach gibt, weil viele Leute das Konzert, auch als soziales Ereignis, sehr vermissen. Insbesondere natürlich jene, die regelmäßig ins Konzert gehen, die ein Abonnement haben, die die Szene verfolgen. Es auf diese Weise aufrecht zu erhalten, ist für viele besser als nichts. Ich habe nach dem gestrigen Konzert oft das Feedback bekommen: ›Ich habe es genossen, live wäre zwar noch schöner gewesen, aber man nimmt, was man kriegen kann.‹

Foto © Wilfried Hösl
Foto © Wilfried Hösl

Singt man anders, risikoloser, wenn man weiß, dass ein Konzert aufgezeichnet oder gestreamt wird?

Das ist schon ein Problem. Ich persönlich empfinde es so, dass eine gewisse künstlerische Freiheit in dem Sinne verlorengeht, als dass man sehr kontrolliert singt. Wenn einem ein Ton bricht, hat es irgendjemand schon auf Youtube gestellt und alle lachen sich schlapp. Das finde ich unangenehm. Ich versuche, ein Zwischending zu fahren. Ich kann mich nicht die ganze Zeit einschränken. Es gibt ja auch Passagen in der Musik, die muss man laufen lassen und auf Risiko gehen. Da sage ich mir dann: Es wird soviel aufgenommen und gestreamt, wenn was daneben geht, ist es halt so. Aber ich genieße auch Konzerte, bei denen man ›unter sich‹ ist, ohne Mikros.

Ich habe das Gefühl, dass vielen erst jetzt klar wird, dass ein sehr essentieller Teil der Musikszene von freischaffenden Künstler:innen geschaffen wird. Haben Sie das Gefühl, dass sich da bewusstseinsmäßig gerade etwas grundlegend verändert?

Ich hoffe, dass das Bewusstsein dafür wächst. Mir ist die ganze Situation noch nicht präsent genug. Frau Grütters hat ja versprochen, dass sie es im Auge behält und auch richtig festgestellt, dass das, was in der Kultur jetzt wegbricht, schwierig wieder aufzubauen sein wird. Das heißt, man muss jetzt Soforthilfen zur Verfügung stellen, auch den einzelnen Künstler:innen. Ich kenne etliche Kolleg:innen, die die nächsten vier, fünf Wochen nicht überbrücken können. Das Passionsgeschäft vor Ostern ist ja für viele neben Weihnachten die Haupteinnahmequelle, das sind die Standbeine, auf die man setzt. Ich würde mir wünschen, dass das klarer kommuniziert wird, und dass man sich auch die Kompensationsmöglichkeiten nicht einzeln zusammensuchen muss. Ich verdiene gerade Nullkommanull. Und ich weiß auch nicht, ob ich irgendeine Form der Kompensation kriege. Ich werde jetzt als erstes meine Steuern stunden lassen.

Wie viele Konzerte wurden bei Ihnen abgesagt?

Momentan sind es acht, bis zum 22. April. Was danach kommt, wissen wir noch nicht. Es sieht ja danach aus, dass die Veranstalter jetzt immer weiter in die Zukunft hinein Konzerte absagen. Das ist bitter.

Gibt es ein Ausfallhonorar?

Nein. Das Concertgebouw in Amsterdam ist bisher der einzige Veranstalter, der das auch konkret formuliert hat. Die haben geschrieben, dass ich laut Vertrag die Reisekosten erstattet bekommen kann, die ich bereits aufgewendet habe. Aber aufgrund der Force-Majeure-Klausel könnten keine Gagen bezahlt werden. Auf die Klausel berufen sich jetzt natürlich alle, die ist in jedem Vertrag drin. Rechtlich gesehen ist das wasserdicht. Deshalb ist auch der Ratschlag der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), dass wir doch mal im Vertrag nachschauen sollten, was an Ausfallhonorar verhandelt wurde, ein totaler Witz. In keinem Vertrag einer Sängerin ist ein Ausfallhonorar verhandelt, das gibt’s schlichtweg nicht.

Mir scheint, dass auch beim Publikum der ›große Auftritt‹ auf der Bühne eher einen trügerischen Eindruck erzeugt von den materiellen Verhältnissen so mancher, insbesondere freischaffender Musiker:innen.

Ja, ›der hat es geschafft und eine Villa in Kalifornien‹. Es gibt Kolleg:innen, bei denen das tatsächlich so ist, aber bei den meisten sieht es ganz anders aus. Da ist die Kunst die Passion, der man folgen muss. Man lebt es mit allem drum und dran. Es ist vielen nicht klar, wie unser Beruf so aussieht. Das führt jetzt teilweise zu einem großen Hallo.

»Ich verdiene gerade Nullkommanull.« Christina Landshamer über Honorarausfall und Geisterkonzerte in @vanmusik.

Ich hoffe, Sie bekommen ein Honorar für das Konzert gestern?

Das weiß ich ehrlich gesagt noch gar nicht so wirklich. (lacht) Es wird sich ergeben. Ich habe daran gar nicht gedacht. [Es wird ein Honorar geben, Anm.d.Red] Für mich war es wichtig, zu zeigen: In Krisenzeiten haben Kunst und Kultur es immer geschafft, zu überleben. Die Kultur hat die Leute auch am Leben gehalten. Deshalb war ich nach dem Konzert gestern erschöpft und erschlagen, aber auch erfüllt. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.