Er war einer der großen genialen Outsider der Musikgeschichte, der (vermeintlich) nur für Insider komponierte: Charles Ives, geboren im Oktober 1874 in einer Kleinstadt in Connecticut, gestorben im Mai 1954 in New York. Ives’ Vater war Militärmusiker und gewährte dem kleinen Charles nicht nur die üblichen, erwartbaren Einblicke in die Geheimnisse der Musikgeschichte. Angeblich intonierte George Edwards Ives mit seinem Sohn im Klein-Sekund-Abstand – also in den zumindest auf dem Klavier denkbar schärfsten Dissonanzen – Volkslieder; und sorgte so schon im Kindesalter gewissermaßen dafür, dass Charles erst gar keine Angst vor Dissonanzen entwickeln konnte.
Zwar verdiente Charles Ives eine Zeit lang durchaus sein Geld als professioneller Musiker (genauer: als Organist), doch ein Musikstudium an der Yale-Universität begeisterte den jungen Mann nicht sonderlich. Nach ein paar Jahren Arbeit bei einer Versicherungsgesellschaft gründete Ives 1907 selber ein entsprechendes Unternehmen und wurde zu einem gutbetuchten Mann, der fernab jeglicher Anbiederungen und Betriebsängstlichkeiten frei komponieren konnte; zwar irgendwie »für die Schublade«, aber doch voller Zukunft, voller Spaß, aus unserer heutigen Sicht: voller avantgardistischer Gedanken, bevor die Avantgardemusik-Welle so richtig – schräg und durchbrochen – auf die Musikszene der damaligen Zeit herniederkrachte.
Charles Ives schrieb Symphonien, programmatische Orchesterwerke, Kammermusik, Solo-Literatur, Chorstücke und Lieder. Werke wie Ives‘ The Unanswered Question (1906) und Central Park in The Dark (1906) werden inzwischen gerne und häufig auf Konzertprogramme gesetzt. Seine zweite Klaviersonate – die Piano Sonata No. 2, Concord, Mass., 1840–60 (1920 erschienen) – genießt zwar Legendenstatus, wird aber fast nie öffentlich gespielt, dauert sie doch ungefähr 50 Minuten, ist sperrig bis dort hinaus und verlangt – allerdings »ad libitum«, also nicht als unbedingte Pflicht – am Ende eine Solo-Bratsche beziehungsweise Solo-Flöte; für ein paar völlig spröde Takte, im Rahmen einer Klaviersonate! Und so ist es für den jahrzehntelangen Charles-Ives-Ultra ein Vergnügen, unter anderem eben jene programmatische Sonate erstmals seit 2003 wieder live zu hören. Denn Charles Ives wurde von den Kuratierenden des Musikfests Berlin dieses Jahr als einer der Schwerpunkt-Komponisten auserkoren.
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