Nach Blut und tragischem Untergang, die bei dem Stoff ja drin wären, dürstet es dieses Werk durchaus nicht. Flugs wird da erledigt, wonach der trauernd-zürnende Chor der Spartaner im ersten Akt verlangt: Le cri de la vengeance est le chant des Enfers! – Der Schrei nach Rache ist der Höllengesang. Und schwupps, kaum ein paar Takte weiter hat Pollux bereits den Tod seines geliebten Bruders vergolten, jenes Castor, der zu Beginn der Oper bereits totgeschlagen ist – zumindest in der ersten Fassung, die hier die Grundlage der Aufführung bildet. Dramatisch schwierig; erst im vierten Akt wird diese tote der beiden Hauptfiguren auftreten und ins Leben zurückkehren. Tragikvermeidung dann auch am Ende: Die Konfliktverknotung zwischen gegenseitiger Bruderliebe und erotischer Liebe zu derselben Frau wird einfach aufgelöst, indem Jupiter-ex-machina die beiden Brüder zu den Sternen versetzt und dabei auch die Frau nicht angeschmiert zurücklässt, sondern kurzerhand mitverstirnt. Lediglich die andere Frau, die vielleicht am leidenschaftlichsten von allen liebt, aber leider nicht zurückgeliebt wird, geht als Kollateralschaden zugrunde. Rameaus Oper beachtet das allerdings nicht so riesig; und im Staatstheater Meiningen, in der Regie von Adriana Altaras, darf diese unglückliche Andere nach kurzer Zurschaustellung ihres Abgrunds dann doch einfach im Schlussjubel mittanzen. Das ist auch ganz in Ordnung so. Denn die erhaben-antike Broligarchie Castor et Pollux soll keine Opfer haben – und sie braucht keine.
Den Rameau-Stoff über die beiden Zwillingsbrüder, die dieselbe Mutter, aber zwei verschiedene Väter haben (was den Jupitersohn Pollux unsterblich und den Königssohn Castor sterblich macht), hat der Meininger Intendant Jens Neundorff von Enzberg in eine sehr straffe Fassung gebracht, die denkbar gut runterflutscht. Vielleicht ein bisschen zu gut, denn vielleicht gehören zum Kapriziösen und Gravitätischen dieses Rameau-Werks und der französischen Barockoper überhaupt doch auch die edlen Längen? Andererseits ist es verständlich, dass man Werkwahrheit als Publikumsqual fürchtet, man hat ja einen Saal zu füllen und ein Stadt- oder Staatstheater ist kein theatergeschichtliches Seminar, dessen Teilnehmer historisch korrekte Züchtigung erleiden sollen. Dramaturgisch hätten einige geduldsprobende Passagen aber doch ihren Sinn gehabt, etwa wenn im vierten Satz die Unendlichkeit der Sterblichen in den »elysischen Feldern« vor uns tritt: In der Regie von Adriana Altaras und den weißen Bademänteln von Nina Lepilina ist das eine Wellness-Hölle mit friedfertigem Dauerringelreihen, die uns im Namen des toten Castor dem Pollux sehr dankbar sein lässt, dass er den Bruder da raushaut. Dann lieber richtig tot, denkt man sich. Leben und lieben ist natürlich noch besser. Musikalisch aber hätte es in der Urfassung von Rameau von 1737 vor dem Auftritt des Pollux etliche Nummern singender und tanzender ombres, Schatten, gegeben, die den Graus der ewigen Erholung hätten spürbar machen können. Und zwar paradoxerweise auf angenehme Art, denn alle Musik von Rameau ist wunderschön, auch die ganze Menge, die hier gestrichen ist. Pragmatisch akzeptabel sind die Striche aber letztlich doch; zumal ja dieses Spa-Yoga-Elysium einen auch in der Kürze schon wuschig macht. Die Regisseurin Altaras, auch »bekannt aus Funk und Fernsehen«, bringt solche Sachen ziemlich lustig auf die Bühne.

